Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Gibt es ein Recht auf Arbeit? Was ist die Zukunft?
Hallo Zusammen,
ich bin gerade ein wenig am sinnieren, und da frage ich mich ob es so ein Recht auf Arbeit überhaupt gibt oder nicht, bzw. was die Zukunft der heutigen "Arbeit" sein wird.
- hatte bisher immer wie selbstverständlich gedacht es gäbe sowas wie ein Recht auf Arbeit.
- mittlerweile fange ich schon an den Sinn von Arbeit überhaupt, bzw. das jetzige System in Frage zu stellen, stelle jenes System dem anderen gegenüber usw..
leider ohne ein für mich erhellendes Ergebnis.
aber eines weiß ich ganz genau so wie die Arbeit oder ihr heutiger sozialer Stellenwert betrachtet wird, so wird es bald nicht mehr sein, oder es ist heute schon anders.
- wo geht die Zukunft hin, was wird es sein mit dem wir unsere Existenz morgen sichern werden?
MfG
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StephanK
12.09.2006, 09:30
hatte bisher immer wie selbstverständlich gedacht es gäbe sowas wie ein Recht auf Arbeit.Nein, so etwas verträgt sich nicht mit einem System, das so weit wie möglich auf Wirtschaftslenkung verzichtet.
Die Verfassung der DDR kannte ein solches Recht auf Arbeit. In Art. 24, der es sicherstellte, stand auch gleich die Folge dieses Rechts: Das Recht auf Arbeit und die Pflicht zur Arbeit bilden eine Einheit.
mittlerweile fange ich schon an den Sinn von Arbeit überhaupt, bzw. das jetzige System in Frage zu stellen, stelle jenes System dem anderen gegenüber usw.Mit Deinen Zweifeln bist Du keineswegs allein... :?
Wenn man es so sehen will, kann man auch die ganze Kombi-Lohn-Debatte als Ausdruck dieser Zweifel sehen. Das Grund-Modell, mit dem wir alle aufgewachsen sind, gilt nicht mehr: Eine vollzeitig arbeitende Person verdiente in aller Regel genug, um davon den Lebensunterhalt für sich und zumindest ihre/n Partner/in zu gewährleisten. Vorbei...
Über den "Sinn von Arbeit" kann man meiner Meinung nach nicht losgelöst von den Inhalten der Arbeit diskutieren, also auch nicht allgemein. Ich beurteile die Produktion von Bomben anders als die Produktion von Kartoffeln oder Büchern. Aber diese Diskussion verbietet sich in einem kapitalistischen System, denn produziert wird, was nachgefragt wird, also auch Bomben (und viel, viel anderer Unsinn). Wir solllten aber nicht übersehen, dass hier wie auch anderswo viel Arbeit nicht getan wird, obwohl es durchaus Nachfrage dafür gäbe, weil niemand sie bezahlen kann oder will. Nur ein Beispiel von vielen ist die Altenpflege.
Wie im Zuge der Industrialisierung Arbeitskraft zur Ware wurde haben zwei altbekannte Herren aus Trier und Wuppertal im britischen Exil vor fast 150 Jahren sehr gut herausgearbeitet. Dieser Warencharakter und damit auch die recht beliebige Austauschbarkeit von Arbeit(ern) wurde noch gesteigert durch die "Fordisierung" (gemeint ist Henry Ford und die Erfindung des Fließbandes) der Arbeit, also ihre Zerstückelung in kleinste Teile, die ohne viel Fachkenntnisse von jedem zu bewältigen waren, der "anzupacken" gewillt war.
Diese "fordisierte" Arbeit wandert seit Jahrzehnten mehr und mehr ab in Länder, in denen Arbeitskräfte billiger sind als in Europa (Paradebeispiel: VW do Brasil). Allerdings hat das nicht nur mit den dort niedrigeren Arbeitskosten zu tun, sondern auch damit, dass viele dieser "Drittwelt"- und "Schwellen"-Länder inzwischen auch eine massenhafte Inlands-Nachfrage nach Industriegütern haben. Industrielle Massengüter werden deswegen nicht die Zukunft der europäischen Wirtschaft sein können (und auch nicht der nordamerikanischen).
Was hier an industrieller Arbeit bleiben wird, wird ein relativ kleiner Sektor hochspezialisierter, technologie-orientierter Leistungen sein, die (was den Personaleinsatz angeht) überwiegend aus Forschung und Entwicklung und nur zum kleineren Teil aus Produktion bestehen wird. Der "klassische" Industriearbeiter ist ein "Auslaufmodell". Global und volkswirtschaftlich unter Einschluss der Umweltbelastungen betrachtet ist das sogar eine wünschenswerte Entwicklung. Warum, zum Kuckuck, sollte man eigentlich Eisenerz aus Russland mit Kohle aus Südafrika ausgerechnet hier verhütten? Nur, weil es diese Rohstoffe hier vor 150 Jahren mal gab?
Die Zukunft kann also nur im weiten Dienstleistungssektor liegen, der aber zwei Probleme bereitet:
1) Das schon erwähnte Problem, das wir für viele Dienstleistungen zu bezahlen entweder nicht bereit sind (weil wir es nicht gewöhnt sind) oder aber schlicht das Geld dafür nicht haben.
2) Der Dienstleistungssektor ist besonders dort ein absoluter Niedriglohn-Bereich, wo es um sogenannte einfache Dienstleistungen geht, also solche, die keine lange und komplizierte Ausbildung voraussetzen. Sogenannte "Niedrigqualifizierte" werden es auch mit Vollzeit-Jobs kaum schaffen, damit ihren Lebensunterhalt vollständig zu verdienen, und mit Teilzeit-Jobs, die notwendigerweise mehr werden, erst recht nicht.
Diese beiden Probleme bedingen einander und deswegen sehe ich einstweilen keine Lösung dafür.
Kombi-Lohn ist der Versuch einer pragmatischen Lösung dafür, aber Kombi-Lohn auf Alg II-Basis hat durchaus das G'schmäckle von Zwangsarbeit. Eine Grundeinkommen-Lösung wäre wesentlich liberaler und auch marktwirtschafts-konformer und würde eher dazu führen, dass eine sinnvolle Allokation der Ressource Arbeitskraft sich einstellen würde.
Hallo Stephan,
danke für deine Antwort, du schriebst:
Die Zukunft kann also nur im weiten Dienstleistungssektor liegen, der aber zwei Probleme bereitet:
1) Das schon erwähnte Problem, das wir für viele Dienstleistungen zu bezahlen entweder nicht bereit sind (weil wir es nicht gewöhnt sind) oder aber schlicht das Geld dafür nicht haben.
2) Der Dienstleistungssektor ist besonders dort ein absoluter Niedriglohn-Bereich, wo es um sogenannte einfache Dienstleistungen geht, also solche, die keine lange und komplizierte Ausbildung voraussetzen. Sogenannte "Niedrigqualifizierte" werden es auch mit Vollzeit-Jobs kaum schaffen, damit ihren Lebensunterhalt vollständig zu verdienen, und mit Teilzeit-Jobs, die notwendigerweise mehr werden, erst recht nicht.
Diese beiden Probleme bedingen einander und deswegen sehe ich einstweilen keine Lösung dafür.
den Gedanken hegte ich gestern auch, doch wie Du auch schon schreibst, kann man mit denGehältern die dort verdient werden kaum überleben.
- gestern hatte ich diesbezüglich ein Gespräch mit einem Arbeitsberater (privat), ich sagte ihm wenn bei diesen Niedriglohnstellen im Dienstleistungsbereich, die nach seiner Auskunft angeblich massenhaft vorhanden wären, ordentlich gezahlt würde, würden viele die momentan nach Arbeit suchten auch Geringqualifizierte Jobs annehmen.
- allerdings ist nach seiner Meinung auch für diese nur eine geringer Lohn, oder allerhöchstens Kombilohn zu zahlen, da fehlende Ausbildung etc..
Er nannte dann das Beispiel des Putzmannes, worauf ich ihm entgegnete wenn es jemand gibt der für Dich deinen Dreck wegmacht wofür DU dir selber zu fein bist, dann mußt Du den Putzmann auch ordentlich bezahlen.Außerdem sagte er putzen kann ja bekanntlich jeder, - was ich nicht so finde denn es macht schon einen Unterschied wer putzt. (wenn ich z.B. putze ist es zwar sauber, aber nicht unbedingt rein) :-)
- was ich damit sagen will, für mich ist Putzen qualifizierte Arbeit.
der Wert der Dienstleistung muß also in Deutschland eine wesentlich höheren Stellenwert bekommen, - aber wie nur?
MfG
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Seebarsch
12.09.2006, 17:12
Die "Bibel" des einen aus Trier gehört auch heut noch zur Pflichtlektüre jeden Wirtschaftsfachmannes. Allerdings nicht so, wie es sich der Autor vorstellte !
Ein Problem stellt natürlich auch die Finanzierbarkeit eines Grundeinkommens dar. Zwar wird im Steuerrecht das Grundeinkommen steuerfrei gestellt, allerdings eben nur für denjenigen, der in Arbeit ist und Steuern zahlt. Insofern hilft das den Erwerbslosen nichts.
Passend zu dem Thema ist ein Artikel im Spiegel, nachdem die Beraterfirma Mc Kinsey :kotz: Produzenten verdeutlich, wo Dienstleistungen oder Produkte - weltweit - am günstigsten hergestellt werden.
Da kann das Getriebe dann aus Tschechien am günstigsten sein, während der Auspuff in Guatemala am günstigsten hergestellt wird.
Mithin wird die Produktion immer mehr globalisiert, während die nicht mehr konkurrenzfähigen Produktionen und damit die Arbeitsplätze in den herkömmlichen Industrieländern wegfallen.
Wie eine Lösung aussieht und dann eventuell umgesetzt wird, steht wohl noch in den Sternen.
:twisted:
StephanK
12.09.2006, 18:08
für mich ist Putzen qualifizierte Arbeit.Damit dürftest Du Dir der Zustimmung zumindest zweier Forum-Mitglieder sicher sein, nämlich meiner und der eines hier vertretenen gelernten Gebäudereinigers :D
Wir kommen also an der ziemlich schwierigen Frage nicht vorbei, warum das Lohngefälle zwischen verschiedenen Tätigkeiten eigentlich so ist, wie es ist und ob sich das ändern lässt. Allerdings darf man dabei nicht vergessen, dass Lohnniveau und Sozialprestige zwei verschiedene Dinge sind. Es gibt hochbezahlte Tätigkeiten mit niedrigem Sozialprestige (z.B. Immobilienmakler) und umgekehrt (z.B. Bibliothekar).
"Rationale" Gründe für ein bestimmtes Lohnniveau lassen sich am ehesten im Bereich der Warenproduktion finden, weil es dort eine einfache Aufwand-/Ertrag-Rechnung gibt und Materialkosten von der Kundschaft als Gegebenheit hingenommen werden. Je geringer der Anteil der Material- und je höher der Anteil der Personalkosten wird, desto kritischer wird das. Wir kennen das alle von uns selbst: Wenn wir wegen des undichten Waschmaschinenschlauchs einen Handwerker brauchen, ärgern wir uns darüber, dass in der Rechnung Materialkosten von vielleicht 2 € für eine Dichtung stehen und 35 € Lohnkosten - oder so. Bei den Dienstleistungen, bei denen Materialkosten so gut wie keine Rolle spielen, ist das noch krasser.
Wenn wir auf die besagten Herren aus Trier und Wuppertal zurückkommen, dann finden wir, dass der Lohn mindestens die Reproduktionskosten des Arbeiters einbringen muss, also wenigstens das für ihn Überlebensnotwendige. Das ist jedoch vielfach nicht mehr gewährleistet. Diese Entwicklung gab es im 19. Jahrhundert schon mal und wurde damals von den besagten Herren Verelendung genannt, von anderen Zeitgenossen Pauperisierung (von lat. pauper = arm).
Der Unterschied zu damals ist gar nicht so groß, wie man meinen könnte: Auch damals gab es - trotz insgesamt größeren Personalbedarfs - Massenarbeitslosigkeit und massenhaft ungesicherte Arbeitsverhältnisse. Wir sind zwar von den damaligen Verhältnissen noch ein gutes Stück entfernt, nähern uns ihnen aber bedenklich an.
Das alles erklärt aber die Frage des Lohngefälles nicht. Man könnte einfach sagen, dass die Löhne schlicht die Zahlungsbereitschaft der Kunden widerspiegeln und dass diese eben nicht größer sei. Mir scheint das zu einfach, aber ich bin nun auch kein Volkswirt und habe keine Theorie im Kopf, nach der sich die Bereitschaft der Menschen, für Dienstleistungen zu zahlen, messen und erklären ließe. Sehr laienhaft würde ich die Behauptung wagen, dass wir alle mehr oder weniger "haben"-orientiert und damit Waren-orientiert sind, also tendenziell viel eher das Portemonnaie auf machen, wenn wir dafür ein nutzbares Ding bekommen als für eine vergängliche, oft bald nicht mehr sichtbare Dienstleistung.
Hat jemand vielleicht eine tiefer schürfende Erklärung dafür?
claridge
13.09.2006, 11:48
Was den Wert der Dienstleistung und der körperlichen Arbeit anbelangt habe ich vor einiger Zeit eine Diskussion mit einem Bekannten gehabt.
Er ein Computerspezialist (hat seinerzeit das Sateliten-Navigations-System mit entwickelt) und das entsprechende Einkommen.
Ich (auf einem Bauernhof aufgewachsen) als gelernter Konditor u. Bäcker und jetziger Krankenpfleger.
Wieviel ist seine Arbeit wert und welchen Wert hat meine.
In der Bezahlung trennen uns Welten. Aber was macht den Wert der geleisteten Arbeit aus?
Als er endlich meinte mich vom Wert seiner Tätigkeit und seines Einkommens überzeugt zu haben kam ich ihm mit folgendem Gedanken:
Stelle dir vor Gott nimmt uns die Möglichkeit Strom zu erzeugen. Wer von uns beiden kann überleben? Ich als Bäcker habe das Wissen vom Getreide und dessen Verarbeitung. Ich bin in der Lage für meine Familie zu sorgen. Ich kenne mich mit Krankheiten aus und in der Wundbehandlung. Was hast du zum Überleben beizusteuern?
Ich denke es krankt vor allem daran das für Dinge die so unwichtig sind wie ein Kropf heutzutage ein wahnsinniges Geld ausgegeben wird.
Wenn ich mir die Börsen ansehe denke ich immer an Kettenbriefe und Glücksspiele.
Es kann nicht immer nur maximiert werden. Irgendwann ist das Ende der Fahnenstange erreicht. Irgendwann platzt der Ballon.
Interessant ist auch das im Grunde genommen die Arbeiter sich selbst um ihren Job bringen. Wieviele Arbeiter haben sich als sog. Kleinaktionäre mit Aktien eingedeckt und erwarten jedes Jahr aufs neue ihre Gewinnausschüttung? Klar, die Ausschüttung gibt es. Aber auf Kosten der Arbeitsplätze!
Aber solange die Unvernunft herrscht wird es keine Lösung des Problems geben.
Ich nähere mich mal dem Thema von einer anderen Sichtweise heran.
Ende der 1980er wurde unter der Kohl-Ära der Begriff der „Freizeitgesellschaft“ propagiert und fleißig von Sozial- und Arbeitswissenschaftlern aufgegriffen. (Das war jene Zeit als sich Punks und Popper nicht mehr blöd-staundend gegenüberstanden. ;-) )
Weniger Arbeit, für gleiches Gehalt, gleichen Lohn – das war die Maxime. Der Beginn der 35-Stunden-Woche und der Beginn der 28,2-Stunden-Woche bei VW. Durch weniger Arbeit der damals Beschäftigten sollten mehr Arbeitsplätze für die Nichtbeschäftigten geschaffen werden.
Fortan machten sich viele Menschen, darunter auch viele, sehr viele Soziologen, aber auch Kulturwissenschaftler Gedanken, wie diese neue Freizeit sinn bringend genutzt werden könnte. Eine neue Kulturpolitik musste her, um all den nach sinn bringend suchenden Menschen eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung nach nur 35 oder gar nur 28,2 Std. Arbeit pro Woche anzubieten.
Eine Erhöhung der städtischen Kulturetats wurde gefordert, neue Spielstätten mussten her, Förderung der „alternativen“ Kultur stand urplötzlich auf dem Redezettel manch eines unbedarften Kommunalpolitikers. Auch ich habe daran, als Teil des „Kulturbetriebes“ daran geglaubt bzw. darauf gehofft.
Nach gut 20 Jahren, nachdem weder Popper noch Punks relevant sind, ist auch die „Freizeitgesellschaft“ nicht mehr relevant, vielmehr muss überlegt werden wie ein Grossteil unser Gesellschaft die freie Zeit in Gesellschaft verbringen kann. :evil:
Stelle dir vor Gott nimmt uns die Möglichkeit Strom zu erzeugen. Dazu reichen erhöhte Sonnenaktivitäten oder etwas Schnee, wie neulich im Münsterland. :-)
Hallo Zusammen,
Eine vollzeitig arbeitende Person verdiente in aller Regel genug, um davon den Lebensunterhalt für sich und zumindest ihre/n Partner/in zu gewährleisten. Vorbei...
nun müssen beide arbeiten um einen halbwegs gehobenen Lebensstandard gewährleisten zu können. - für den Fall das nur ein Durchschnittsgehalt gezahlt wird.
da haben die Arbeitgeber gegenüber früher, - wo es meist reichte das nur einer Arbeiten geht doch die Produktivität bei gleichem Geldeinsatz schleichend auf das doppelte erhöht. ( da ja heute 2 Personen oft nur noch soviel verdienen wie früher eine)
- ist doch eigentlich auch schon so eine Art Kombilohn zugunsten des Arbeitgebebers gewesen oder?
MfG
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