Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Parteiübergreifende Debatte um Unterschichten-Problematik
Da sind die Hausaufgaben der Friedrich-Ebert-Stiftung wohl nicht so ganz im Sinne des Auftraggebers ausgefallen. Hier war der Auftraggeber die SPD.
Im "Tagesspiegel" aus Berlin nannte der stellvertretende SPD-Fraktionschef Stephan Hilsberg die Hartz-IV-Politik der Regierung Schröder eine Lebenslüge. Man habe den Menschen vorgegauckelt, das mit Fordern und Fördern jeder den ersten Arbeitsmarkt erreichen könne und Steuersenkungen für Unternehmen die Probleme lösen würden.
Nun wird vehement versucht den Begriff der Unterschicht zu negieren, während gleichzeitig die Problematik auf die ausschließliche „Chancengleichheit“ reduziert wird. Zumindest der Begriff „Chancengleichheit“ scheint kurzfristig in Berlin angekommen zu sein.
Nicht wirklich glaubend, dass dieses Thema (wie heißt es so schön im neuen Sprachgebrauch:) nachhaltig Bestand hat.
Der gesamte Beitrag des DLF ist hier nachzulesen: Merkel kündigt Einsatz für mehr Chancengleichheit an - Parteiübergreifende Debatte um Unterschichten-Problematik (http://www.dradio.de/aktuell/553489/)
Lebenslüge
Im Moment habe ich eher den Eindruck, daß die Politiker selbst die „Lüge“ um ihr „Leben“ betrügen.
Das SPD-Vorstandsmitglied Ursula Engelen-Kefer hat erklärt, die Hartz-IV-Regelung und ihre Folgen hätten dazu beigetragen, die Armut in Deutschland zu vergrößern.
Ist der folgende Satz jetzt in irgendeinen Kontext zu bringen?
Nun müssten vor allem die Unternehmen stärker in die Verantwortung genommen werden, um benachteiligte Jugendliche wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren, sagte die frühere stellvertretende DGB-Vorsitzende im Deutschlandfunk.
Packt man sich in so einem Fall nicht mal erst an die eigene Nase (Fahne)? Oder hat der Deutschlandfunk hier eine unglückliche Zusammenstellung gewählt?
:-?
Hallo stupido,
Madame hat dies so gesagt, habe den Originalbeitrag gehört.
No comment.
Leider ist der gesamte Beitrag bisher noch nicht wiedergegeben - da war noch wesentlich Interessanteres zu hören gewesen.
Eigentlich rudern sie jetzt wie doll durchs seichte Regierungsgewässer, hoffen jedoch (wahrscheinlich zu Recht), dass diese Diskussion spätestens, getreu dem Motto business as usual wieder in der Versenkung verschwindet.
Ich bin mir sicher das genau das geschehen wird. Ein paar Tage wird das Thema hoch gehalten um dann irgendwann sang und klanglos zu verschwinden.
Nun stelle ich mir die Frage ob diese Debatte nun aufgrund der Umstände in einigen Familien entbrannt ist in denen Kinder zu schaden kamen bzw. starben. Ich denke man versucht hier jetzt so zu tun als würde man es begriffen haben, aber nicht wirklich an den ganzen Miseren was ändern wollen.
Solange die „Diskussion“ noch anhält, möchte ich auf einige Beiträge hinweisen.
(Ich bin mir bewusst, dass die „Unterschicht“-Thematik bald in den geistigen Schubladen verschwunden sein wird und eine erneute Debatte über Kürzungen beim ALG II anstehen wird.)
Hier jedoch die erwähnten Beiträge:
Zur Diskussion über die "Unterschicht" in Deutschland (http://www.dradio.de/dlf/sendungen/themenderwoche/555556/)
Unterschichten sind ein reales Phänomen (http://www.dradio.de/dlf/sendungen/kulturheute/554913/)
"Freiwillige Appelle oder Pakte reichen offensichtlich nicht aus" (http://www.dradio.de/dlf/sendungen/interview_dlf/553511/)
In den Sonntagszeitungen vom 22. Oktober 2006 geht es unter anderem um die Debatte um die soziale Spaltung in Deutschland (http://www.dradio.de/presseschau/20061022080000/)
Wer hier den Kommentar der „BLÖD am Sonntag“ zur Person des SPD-Vorsitzenden Kurt Becks liest, könnte fast die Fassung verlieren. ;-)
Hallo Zusammen,
diese ganze Unterschichtendiskussion ist so unnötig wie ein Kropf, denn jeder Politiker sollte wissen das es so eine Schicht schon lange gibt, und das diese immer größer wird, bzw. momentan starken Zulauf aus der sogenannten Mittelschicht bekommt.
- dieses war ein schleichender Prozeß der seitens der Regierung zwar ständig beobachtet wurde, jedoch nie öffentlich diskutiert wurde, da man ja hiermit das Scheitern der eigenen angeblich sozialen Politik zugeben hätte müssen.
alleine aus diesem Grund wird der Begriff "Unterschicht" bald verschwunden sein, und anstelle diesem wird ein neues vielsagendes Wort kreiert werden das nicht den Sinn der Sache trifft, und vom eigentlichen Thema ablenkt. - so daß die Politiker sich wieder entspannt zurücklehnen können, um sich weiterhin mit der Hetze und Drangsalierung der Erwerbslosen Opfer dieser Politik hingeben zu können.
Gruß
einer der mehr und mehr französisch denkt
Die FRANKFURTER ALLGEMEINE SONNTAGSZEITUNG befasst sich mit der Lage am Arbeitsmarkt - und den jüngsten schlechten Nachrichten:
"Erst Allianz, dann Siemens und jetzt wieder die Deutsche Telekom. Der Personalabbau bei den großen Dax-Konzernen des Landes nimmt kein Ende. Von den derzeit knapp 170.000 Vollzeitstellen könnte die Telekom in absehbarer Zeit bis zu 75.000 Arbeitsplätze abbauen - so heißt es zuverlässig, auch wenn der Konzern das gestern wachsweich dementieren ließ. Kein Wunder, daß angesichts all dieser Horrormeldungen die Angst vor dem Jobverlust hierzulande grassiert. - Dumm nur, daß man immer jene Arbeitsplätze sieht, die verschwinden. Für Menschen, die gerade eine neue Beschäftigung gefunden haben, veranstaltet der DGB keine Samstagsdemonstrationen. Dabei beschert das für hiesige Verhältnisse ordentliche Wachstum von 2,5 Prozent gerade einen nennenswerten Beschäftigungsaufbau: Seit Januar ist eine Viertelmillion sozialversicherungspflichtiger Stellen entstanden. Das sind alle zwei Tage so viele, wie bei BenQ womöglich insgesamt verschwinden. Für die Leute bei der Telekom ist das freilich kein Trost", kommentiert die FRANKFURTER ALLGMEINE SONNTAGSZEITUNG.
Ich gehe bei diesem Artikel davon aus, dass man uns klar machen will, ist doch egal ob Jobs abgebaut werden, es entstehen doch neue.
Das mag sicherlich sein wenn man den Statistiken glauben darf die uns immer wieder deutlich machen wollen es geht aufwärts am Arbeitsmarkt. Nur bin ich nach wie vor der Meinung das diese Stellen durch 1 Euro Jobs geschaffen werden und mit Jobs die so gering bezahlt werden und man am Ende noch die ergänzenden Hilfen ALGII oder Sozialhilfe beantragen muss. Wichtig dabei scheint aber in erster Linie zu sein, behaupten zu können die Arbeitslosenzahlen sinken.
Und warum ist es so das Menschen sich bereit erklären derartige Billigjobs anzunehem, weil sie keine Lust mehr haben auf die Drangsalierung der Behörden oder gar bei Weigerung mit Sanktionen und Leistungskürzungen zu rechnen haben.
Für uns ist es denn auch wichtiger daraufhin zu weisen welche Armut in anderen Ländern herrscht als erst einmal in unserem Lande daran zu arbeiten das es hier wieder läuft. Aber vielleicht will man damit auch deutlich machen, "hört auf zu meckern, anderen geht es schlechter!".
StephanK
25.10.2006, 09:36
Ich halte diese Diskussion nicht für unnötig. Allerdings ist es nötig, sie bzw. ihr Thema richtig zu benennen, und dieses Thema heißt Loyalität.
Natürlich gibt es schon lange eine sog. Unterschicht. Wer aus Alters- und/oder geographischen Gründen nur die Bundesrepublik kennt, ist mit diesem Begriff und der dahinterstehenden Vorstellung aufgewachsen, es gebe keine scharf voneinander getrennten gesellschaftlichen Klassen mehr, sondern die Gesellschaft gliedere sich wie eine mehrstöckige Hochzeitstorte in mehrere Schichten, zwischen denen eine prinzipielle Durchlässigkeit bestehe, also eine Aufstiegsmöglichkeit.
Diese Aufstiegsmöglichkeit (oder ihre Behauptung) sorgte lange Jahrzehnte dafür, dass "die da unten" nicht protestierten, denn sie hatten die Chance (oder glaubten es) zum Aufstieg. So lange diese Chance realistisch bestand, waren sie bereit, das harte Leben am unteren Ende der Gesellschaft hinzunehmen.
Das verändert sich aber, und zwar recht schnell: Die Zahl der Menschen nimmt jeden Tag zu, deren Chance auf einen neuen Job, der ein auskömmliches Leben sichert, dahin schwindet oder sich schon in Luft aufgelöst hat. Das merken auch immer mehr Menschen - unabhängig von ihrem formalen Bildungs-Status.
Diesen Menschen fällt es begreiflicherweise immer schwerer, loyal zu diesem Wirtschaftssystem zu stehen. Sie sagen zwar (noch): natürlich muss und will ich Chancen nutzen, sehen aber gleichzeitig, dass es diese Chancen kaum noch gibt.
Je mehr diese Erkenntnis der fehlenden Chancen sich durch- und festsetzt, desto mehr richten diese Menschen sich darauf ein, dauerhaft "von der Stütze" zu leben. Darüber kann man sich eigentlich nicht wundern. Es ist für den/die Einzelne/n auch kaum zu schaffen, unter Umständen über viele Jahre das "allzeit-bereit"-Bewusstsein eines Menschen aufrechtzuerhalten, der vor zwei Wochen seinen Arbeitsplatz verloren hat.
Wenn border vorhersagt, es werde ein "neues vielsagendes Wort kreiert" werden, dann sage ich: das gibt es schon, jedenfalls im verwaltungsinternen Sprachgebrauch der Bundesagentur. Es heisst "Betreuungskunde". Damit werden die Menschen bezeichnet, die vom Arbeitsmarkt so abgehängt sind, dass das eigentliche Ziel der Vermittlung in Arbeit eigentlich nicht mehr realistisch erscheint und (nur) die Betreuung im Vordergrund steht, sprich: die Auszahlung der Leistungen und die Aufrechterhaltung der Illussion, vielleicht gäbe es ja doch noch irgendwann einmal einen Arbeitsplatz.
Über kurz oder lang wird es aber massive Probleme mit den "Betreuungskunden" geben, denn sie werden sich mit "Betreuung" und 345.- € monatlich (oder noch weniger) nicht dauerhaft abspeisen lassen wollen. Sie werden den Versprechungen dieses Systems ("Jede/r kann von seiner Arbeit leben, wenn er/sie sich nur ausreichend bemüht.") immer weniger glauben und zurecht fordern, dass sie ein größeres Stück vom Kuchen kriegen, wenn dessen Verteilung nicht anders gelingt als dass viele sich mit dem Backen abrackern und viele andere aus der Backstube ausgesperrt bleiben. Warum aber sollte man zu einem solchen System noch loyal sein?
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