Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : „Abhängiges Prekariat“
Die Ägypter
24.10.2006, 03:14
Lieber unabhängig denken als auf solche Worthülsen der Politiker reinfallen
von Konstantin Wecker
Da haben sie sich wieder was ganz feines einfallen lassen, die Wortverdreher und Sprachzerstückler, in Thinktanks erarbeitet und der blöden Masse zum Fraß vorgeworfen: "abgehängtes Prekariat". Toll, das hat ja dann nichts mit uns zu tun, das betrifft irgendwelche Wesen vom anderen Stern, das ist die Sprache, die keinen interessiert, weil sie keiner versteht. Das soll so sein, natürlich, denn wenn wir mitbekommen würden dass es sich bei diesem Wortungetüm um fast 10 Prozent der Bundesbürger handelt, die Harz IV Gebeutelten (Empfänger klingt geradezu euphemistisch), die Arbeitslosen, die Armen, die im neoliberalen Wahn kaputt Gewirtschafteten, die auch und gerade von der SPD Verlassenen, ja, wenn wir das mitkriegen würden, würden wir uns vielleicht sogar mal Gedanken machen über all die Ungerechtigkeiten, die uns eine von Wirtschaftssinteressen in Geiselhaft genommene Regierung angedeihen lässt.
Quelle und Rest: Hinter den Schlagzeilen (http://www.hinter-den-schlagzeilen.info/pm/more.php?id=3833_0_1_0_M)
Lest das.... es lohnt sich!
Die Ägypter
26.10.2006, 01:30
Das Kapital der Unterschicht
Seit nunmehr fast zwei Jahren erregt sich die Republik immer wieder aufs Neue über zwei Themen: Was gesteht man denen zu, die vom Kapital leben? Und: Was gönnt man denen, die vom Staat alimentiert werden?
..... und wieder falsche Zahlen....
Bei Lichte besehen stellen die Hartz-IV-Empfänger die größte Gruppe der Kapitalisten in Deutschland. Das zeigt ein Blick auf eine Familie mit zwei Kindern, die von Arbeitslosengeld II lebt und damit pro Jahr durchschnittlich 21600 Euro bezieht. Wer dieses Einkommen (vor Steuern) auf dem Finanzmarkt erzielen möchte, braucht mindestens 540000 Euro Kapital, wenn man eine realistische Rendite von vier Prozent zugrunde legt. Derzeit gibt es etwa zwei Millionen solcher Bedarfsgemeinschaften, die hochgerechnet zusammen die unvorstellbare Summe von 1080 Milliarden Euro binden.
Am heftigsten ist dann das Resumé
Die hässliche ökonomische Wahrheit ist: Jeder Hartz-IV-Empfänger konsumiert das Geld, das eigentlich für den Aufbau neuer Arbeitsplätze notwendig wäre. Wer wirkliches Wachstum und neue Jobs für Deutschland will, muss das Kapital dorthin bringen, wo es arbeitet. Nichts bremst unsere Konjunktur so sehr wie Hartz IV.
Quelle und restlicher Artikel "Capital" (http://www.capital.de/div/100005105.html)
StephanK
26.10.2006, 08:39
Eine interessante Gegenüberstellung zweier Autoren, die unterschiedlicher kaum sein könnten...
Der Begriff Prekariat ist schon von verschiedenen Seiten als verschleiernd kritisiert worden. Wenn einem das Wort prekär geläufig ist, verschleiert er aber eigentlich nichts, sondern macht das zentrale Merkmal der "neuen Arbeitswelt" deutlich, nämlich die Gefährdung. Arbeit bietet keine Sicherheit mehr, sondern nur einen anderen Status des gefährdet-seins: Wer einen Job hat, hat deswegen noch lange keine Gewissheit darüber, dass dieser Job auf einige Dauer bleibt, und auch keine Gewissheit, dass dieser Job (selbst wenn er "Vollzeit" ist) ihn auch ernährt. Noch gefährlicher lebt nur, wer auf staatliche Fürsorge ("Hartz IV") angewiesen ist, denn ihm werden etwaige Ersparnisse weitgehend genommen und er wird zur Annahme jeder Arbeit, selbst unbezahlter (1-€-Jobs) faktisch-wirtschaftlich gezwungen. Eine solche Lebenslage nennt man zurecht prekär.
Im übrigen ist der wikipedia-Artikel "Prekariat (http://de.wikipedia.org/wiki/Prekariat)" lesenswert.
Der Artikel des zurecht so heißenden Herrn Schweinsberg verdreht Ursache und Wirkung. Die Steuergelder, aus denen das Alg II finanziert wird, kommen nur zum kleinsten Teil von Wirtschaftsunternehmen. Und Kapital arbeitet nicht, nur Menschen arbeiten - wenn man sie denn dafür ordentlich bezahlt. Aber am Kapitalmarkt ist man wohl so sehr auf Derivate eingeschossen, dass man sich auch beim Denken mit Derivaten begnügt.
Die Ägypter
26.10.2006, 18:34
Ist schon klar - nur wird mit falschen Grundwerten gearbeitet...
Es ist die Rede von durchschnittlich 21.600 Euro für eine 4-köpfige Bedarfsgemeinschaft... Das sind wiederum durchschnittlich 1.800 Euro monatlich.
Ich habe hin- und hergerechnet... und her und hin - ich komme nicht auf 1.800 Euro - selbst nicht in Kombination mit Münchener Mieten + Freibeträge und wenn - wird das dann keinesfalls ein Durchschnittswert sein, sondern eher der Einzelfall!
Ich komme auf Durchschnittswerte von ca. 1.400 Euro - denn... Kindergeld wird angerechnet.... ein EEJ steht stellvertretetend für "ich erarbeite mir meine Sozialleistung" und in vielen Patchwork-BG´s fließt auch Unterhalt von Ex-Vätern und Müttern... auch dieses ist von ALG II vorweg abzuziehen.
Sollten wir nicht mal gegen die Verbreitung von "Mondwerten" vorgehen?
Und was völlig untergeht... wenn sie denn von Durchschnittswerten von 1.800 Euro monatlich ausgehen - dann ist hier doch klar die Freibetragsregelung für Aufstocker eingerechnet (die keinesfalls einen Durchschnittswert in dieser Größenordnung bringt, denn längst nicht alle ALG II-Bezieher insgesamt kommen auf diese Leistungshöhen)
= müssten sich die Capital(isten) dann nicht fragen, ob sie nicht der eigentliche Abschöpfer von staatlichen Leistungen sind?
@Kristin
Vielleicht muß man Kranken-u. Rentenversicherung, Kirchensteuer, Personalkosten u. Materialkosten bei ARGEn und das Jahresabo der CAPITAL mit einbeziehen.
:)
Die Ägypter
26.10.2006, 19:13
@Kristin
Vielleicht muß man Kranken-u. Rentenversicherung, Kirchensteuer, Personalkosten u. Materialkosten bei ARGEn und das Jahresabo der CAPITAL mit einbeziehen.
:)
Stimmt - an die Kranken und Rentenversicherung durch die Arge hatte ich jetzt nicht gedacht!
Da lasst doch die Damen und Herren rechnen was sie wollen: Ob 1.200 oder 1.800 Euro. Der Zeitschrift "Capital" geht es doch in erster Linie nicht um Aufklärung für "Otto-Normalverbraucher", sondern um die Befriedigung ihres ureigenen Leser-Potentials.
Ich bin nur froh, dass bisher noch keiner den Begriff "Lumpenproletariat" aus der Versenkung hervorgeholt hat, denn das wäre im Vergleich zur "Unterschicht" der absolute Wahnsinns-Hit. ;-)
Die Menschen über die derzeit geredet wird, befinden sich in einem "sozialen Fahrstuhl". Dieser "soziale Fahrstuhl" stand in den 1970er Jahren noch im Basement und bewegte sich nur unwesentlich. Nachdem immer mehr Menschen in diesen Fahrstuhl gedrängt wurden senkte er sich rapide in die untersten Basements und nimmt seit Einführung von Hartz IV enorm an Fahrt in die Tiefe auf.
Das Prekariat ist somit auf eine präkere Fahrt in die Tiefe angetreten und lässt das "Lumpenproletariat" (http://de.wikipedia.org/wiki/Lumpenproletariat) im Basement zurück.
Seebarsch
28.10.2006, 14:23
Nach meiner Meinung ist die ganze Situation aus der Abschaffung der Arbeitslosenhilfe entstanden und war voraussehbar.
Während die Alhi, als staatliche "Fürsorgeleistung" noch Einkommensabhängig, hinsichtlich der Bemessung gezahlt wurde und recht grosszügige Freibeträge hinsichtlich des Vermögens und Einkommens zugestand, hat sich das bekannterweise mit Einführung des SGB II etwas geändert.
Ein so genanntes "Prekariat" hat es immer gegeben, trotz aller gegenteiligen Behauptungen. Dass allerdings nunmehr weite Teile der ehemaligen "Mittelschicht" da rein rutschen, ist für die "Herrschenden" das Problem.
Das ist der 50 jährige, der nach dem Bezug von Alg 1 wegen seines, ihm staatlich ja empfohlenen, Vermögens erst einmal für eine ganze Zeit kein Alg 2 bekommt und anschliessend, nachdem er fast alles angesparte "verbraten" hat, in Alg 2 rutscht.
Das war doch bisher die Wählerschaft der beiden grossen Parteien.
Diesen geht es doch nicht um ein "Prekariat" sondern um die Wähler.
Die Wortwahl ist da völlig unerheblich und interessiert höchstens Soziologen!
StephanK
28.10.2006, 14:57
Ich weiss nicht...
Der Verlauf dieser Diskussion zeigt vielleicht (auch), dass der Begriff "Prekariat" recht unscharf ist. So wie ich ihn verstehe, bezieht er nicht nur Menschen mit ein, die aktuell und direkt von staatlichen Sozialleistungen abhängig sind, sondern auch solche, denen das jederzeit blühen kann, also Geringverdiener, die gerade mal so viel verdienen, dass sie keinen Anspruch auf ergänzendes Alg II haben, und vor allem die Millionen von befristet Beschäftigten.
Das hat viel mit "gefühlter Unsicherheit" zu tun, oder anders formuliert: die abhängig Beschäftigten fühlen die Abhängigkeit heute wesentlich stärker als früher.
Kurzer Blick zurück: Was das frühere Proletariat zur "Arbeitnehmerschicht" hatte werden lassen (also zur ihrer "Verbürgerlichung" beitrug) war die Berechenbarkeit. Es war absehbar, dass man nie "große Sprünge" würden machen können, aber man wusste, dass man Kündigungsschutz hat und konnte sich oft (wenn auch nicht immer) darauf verlassen, dass der Arbeitgeber nicht nächstes Jahr von einem Finanzinvestor platt gemacht werden würde. Deswegen hatte man auch einen Bausparvertrag - und manch einer hat's denn ja auch zum eigenen Häuschen gebracht. Oder so (natürlich ist das jetzt etwas holzschnittartig) - aber jedenfalls gab es für viele so etwas wie eine Lebensplanung.
Die heutige Turbo-Ökonomie beißt sich mit "Lebensplanungen". Das merken die Menschen, und auch wenn sie es vielleicht nicht mit großer analytischer Schärfe durchdenken merken und fühlen sie es. Recht direkt ablesen lässt sich das an der Kluft zwischen Kinderwunsch und tatsächlicher Geburtenrate, denn Kinder sind nun mal eine langfristige Verpflichtung, die einzugehen immer riskanter wird.
In diesem Sinn jedenfalls sind die Verhältnisse für immer mehr Menschen durchaus prekär, und zwar keineswegs nur für Arbeitslose.
Kurz zurück zum "sozialen Fahrstuhl": Während der eine Fahrstuhl prekär und rasant in die Tiefe schnellt, schnellt der gegenüberliegende Fahrstuhl ebenfalls rasant - allerdings in die Höhe.
Vollgepfropft mit Vorstandsvorsitzenden, Aufsichtsräten und Lobbyisten düst dieser Fahrstuhl gen Himmel und erreicht die Pforten der Geldgeber.
Schauen wir doch mal hinter diese profitabelen Pforten des Turbo-Fahrstuhls: Profitabel - Wie die Industrie an Gesetzen mitstrickt (http://www.wdr.de/tv/monitor/beitrag.phtml?bid=836&sid=153)
Eine durchaus lohnende Lektüre zum Thema "Unterschicht":
Wenn die Politik auf "Werte" setzt, wird es in den unteren Etagen der Sozialstruktur meist ungemütlich. Denn "Werte" - also Innerliches - sind dann der Ersatz für Reales - also Äußerliches - wie soziale Leistungen. Auch die jüngste Ermahnung des SPD-Vorsitzenden Kurt Beck, den Unterschichten fehle es an sozialen Aufstiegswillen, passt in diesen Rahmen. Nicht an realen Arbeitsplätzen und sozialen Chancen mangele es, sondern eben am "Willen". Für den ist aber nicht die Politik, sondern der Einzelne zuständig.
Hier ist der gesamte Artikel von Rudolf Stumberger zu lesen Ermahnungen an die sozial Verwundbaren (http://www.heise.de/tp/r4/artikel/23/23735/1.html)
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