Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Clement kritisiert «Abzocke» beim Arbeitslosengeld II
mockingbird
02.10.2005, 18:23
Berlin/Hamburg
- Angesichts dramatisch steigender Kosten der Hartz-IV-Reform hat Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) wachsenden Sozialmissbrauch beim Empfang des Arbeitslosengeldes II (ALG II) kritisiert.
«Die Hemmschwellen für die Abzocke bei Arbeitslosengeld II und weiteren Unterstützungsleistungen sind offenkundig gesunken».
http://portale.web.de/Finanzen/Arbeitsmarkt/msg/5967464/
StephanK
02.10.2005, 18:50
Danke für diesen Hinweis!
Die Meldung bezieht sich auf einen Artikel in der "Zeitung mit den ganz großen Buchstaben". Normalerweise setze ich keine links dort hin, in diesem Fall aber ausnahmsweise doch mal: Originalartikel (http://www.bild.t-online.de/BTO/news/2005/10/02/hartz__missbrauch/hartz4__missbrauch.html).
Man kann an diesem praktischen Beispiel nämlich sehr schön studieren, wie Meinungsmache funktioniert:
Insider sagen übereinstimmend zu BamS: Die neuen Arbeitsgemeinschaften (ARGEs) von Arbeitsagenturen und Kommunen waren dieses Jahr vollauf mit dem internen Auf- und Umbau ihrer Behörden beschäftigt.Das können wir als Insider von der anderen Seite bestätigen... :mad:
Im Bundeswirtschaftsministerium ist von „Mißbrauch in großem Stil“ die Rede. Rund 4,6 Millionen Menschen beziehen inzwischen Hartz IV – Clement hatte nur 3,2 Millionen erwartet.Damit wird unterstellt, 1,4 Millionen (!) Alg II-Empfängern würde die Leistung in Wirklichkeit gar nicht zu stehen. Verschwiegen wird, dass die Annahmen über die Anzahl der Alg II-Empfänger einfach viel zu optimistisch, nämlich zu niedrig angesetzt waren. Der erhoffte Aufschwung auf dem Arbeitsmarkt liess sich nicht herbeireden...
Einige Gründe: Weil durch Hartz IV Eltern oder Lebensgefährten für ihre arbeitslosen Kinder oder Partner finanziell aufkommen müssen, geben viele einen anderen Wohnsitz an – und kassieren so zu Unrecht.Man kann es auch so sehen: Viele junge Leute, gerade solche, die in Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit leben, bleiben - anders als Clement sich das gedacht hat - nicht bei Muttern wohnen, sondern suchen eine Zukunft anderswo. Einen anderen Wohnsitz kann man nicht einfach mal nur "so angeben" - dahinter steckt in aller Regel ein tatsächlicher Umzug.
Aber so passt es halt nicht in's Bild, das man gerne verbreiten will...
Grund für die ausufernden Kosten ist dem Bericht zufolge der interne Auf- und Umbau der Arbeitsmarktbehörden wegen der Hartz-IV-Reform.
Tja, ich würde sagen, das kann man auch so sehen, dass genau das wieder einen Haufen Geld gekostet hat... :-x
Die Arbeitsgemeinschaften (ARGE) von Arbeitsagenturen und Kommunen seien in diesem Jahr weitgehend mit sich selbst beschäftigt gewesen
Das mag wohl sein (s.o.) soweit es die Vermittlung betrifft.... :patsch:
und hätten die Anträge auf ALG II nur großzügig geprüft und freigiebig genehmigt.
Äh, was? Also von "freigebig genehmigt" hab ich nix gemerkt, im Gegenteil :twisted: :-x
Grund für die ausufernden Kosten ist dem Bericht zufolge der interne Auf- und Umbau der Arbeitsmarktbehörden wegen der Hartz-IV-Reform.
Der Auf- und Umbau der Arbeitsmarktbehörden, neue Fallmanager, neue Software und Hardware, neue Büroräume, neue JobCenter u.s.w. hat denn Steuerzahler Milliarden gekostet und ein Ende ist noch lange nicht in Sicht. Aber gleichzeitig denn Arbeitslosen jeden cent (und Nerven) aus der Tasche rauben.
Aber die Bundestagswahl hat gezeigt, dass diese Menschenverachtende Politik von der Bevölkerung auch so gewollt ist. Also ein hoch auf die Hartz-Gesetze.
Betroffener
03.10.2005, 00:54
Jetzt mal unabhängig von den teilweise mehr als schrägen Ideen eines Herrn Clement würde mich folgendes interessieren:
1. Wie hoch waren die Kosten bei der Arbeitslosenhilfe
2. Wie hoch waren die Kosten für die seinerzeitige Sozialhilfe
3. Kosten für Wohngeld für die beiden obigen Gruppen
Denn es kann einzig um eine Gegenüberstellung für 2005 dieser drei Positionen gehen im Verhältnis zu den 15 Milliarden, die das ALG II + KdU an Kosten verursacht (neben der Öffnung einiger Schleusen über die 3 Stunden Arbeitsfähigkeit täglich).
Auch müssen die knapp 7 Milliarden, die die BA aus den eingenommenen Geldern der Arbeitslosenversicherung, pro aus ALG I in ALG II wechselnden Arbeitslosen an den Bund zurückzahlen muss, dabei noch berücksichtigt werden.
Das sollte seinerzeit wohl eher irgendwie fast kostenneutral ablaufen aus verfassungswidrig zweckentfremdeten Mittel der Arbeitslosenversicherung und Kürzung deren Leistungszeiten und Ansprüchen - was voll in die Hose gegangen ist.
Das sich da jemand massiv verrechnet hat, ist dann noch eine ganz andere Geschichte. Aber erst Mal wären die 3 Zahlen z.B. aus 2003 und 2004 interessant.
Kennt jemand die Zahlen?
Vielleicht könnte soetwas weiter helfen ...
Allerdings ist es nur Niedersachsen....
http://www1.nls.niedersachsen.de/statistik/html/mustertabelle.asp?DT=k2501031&LN=DBP&DA=7
http://www1.nls.niedersachsen.de/statistik/html/mustertabelle.asp?DT=k2501031&LN=DBP&DA=8
http://www1.nls.niedersachsen.de/statistik/html/mustertabelle.asp?DT=k2500121&LN=DBP&DA=7
http://www1.nls.niedersachsen.de/statistik/html/mustertabelle.asp?DT=k2500121&LN=DBP&DA=8
http://www.destatis.de/download/d/veroe/sozi_stadt.pdf
Es ist schon ein rechtes Bubenstück welches sich Wolfgang Clement geleistet hat. Kurz vor seinem Abgang als Minister tritt er nochmals kräftig nach und macht die ALG-II-Empfänger für die steigenden Kosten der Hartz-IV-Reform verantwortlich. Großartig und Hut ab!
@Betroffener: Da dies die wirklich relevanten Fragen sind (Zahlen, Daten, Fakten), habe ich mir erlaubt just jene Fragen an 2 Politmagazine der öffentlich-rechtlichen weiter zu leiten. Mal schauen was geschieht...
rat-loser
04.10.2005, 17:59
genau, die arbeitslose sind mal wieder schuld.
die BA leistet ja allerbeste arbeit.
vor allem so effizient:
http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,377233,00.html
wundert mich, dass das hier noch nicht stärker diskutiert wurde, oder ging das an mir vorbei.
das ist doch wirklich der witz des tages, wenn auch nicht mehr so ganz neu.
Yo, der Artikel hat was.
"Was die Effekte für den Arbeitsmarkt betrifft, legen Volkswirte eine simple Formel zu Grunde: Ein Prozentpunkt Lohnnebenkosten betrifft 100.000 bis 150.000 Arbeitsplätze. Würde der Beitrag zur Arbeitslosenversicherung tatsächlich um 0,5 Prozentpunkte gesenkt, würden die Arbeitgeber um 0,25 Prozentpunkte entlastet - nach der besagten Formel könnten also rund 35.000 Arbeitsplätze entstehen."
Auch hier tauchen wieder die bekannten Wörter "würden" und "könnten" auf. Eben jene, die auch WM Clement bei der Vorstellung von Hartz IV gerne im Vokabular hatte. Er versprach allerdings wesentlich mehr Arbeitsplätze als die "Volkswirte" jetzt - sind halt etwas vorsichtiger geworden.
Dufte, da werden sich die Arbeitgeber freuen. Gleiche Arbeit, weniger Lohnnebenkosten, höhere Rendite.
Betroffener
05.10.2005, 01:07
Leider konnte ich mit den Zahlen nicht allzuviel anfangen, da es immer nur um Faktoren und Köpfe und Potentiale geht, aber nie um wirkliche in Geld ausgedrückte Werte (bis auf die eine Tabelle).
Ich frage mich nur, wo die BA nun noch 3 Milliarden einsparen will. Es gibt doch jetzt schon kaum noch Weiterbildungen und Förderungen - von der Sinnhaftigkeit mal ganz abgesehen.
Und auf das was die Damen und Herren Experten immer wieder so vom Stapel lassen, kam man als Bürger getrost verzichten. DAs stimmt fast nie oder nur zu geringen Bruchteilen.
Vielleicht sollten wir auch mal (wieder) von den 7 Milliarden Aussteuerbetrag reden, die verfassungswidrig aus den Mittel der Arbeitslosenversicherung jährlich zurück zum Bund wandern?
Die sind nämlich der eingeplante Hintergrund für die Reduzierung der Leistungsansprüche und -Zeiten und sollten eigentlich Hartz IV finanzieren helfen als "Strafsteuer" für die BA für jeden ALG I Bezieher, der in ALG II fällt.
Rund 89% des BA Etats stammen aus der Arbeitslosenversicherung, den Rest gibt der Staat zu. ALG II Leistungen tauchen aber nirgends auf.
Ursprünglich waren mal Zahlen unter 10 Milliarden für ALG II im Gespräch. Wenn man die eingeplanten 7 Milliarden Rückfluß aus der Arbeitslosenversicherung mit einrechnet, sieht man schon wo hier die wahren Schmarotzer sind.
Jeder - der aus ALG I in ALG II fällt, hat sich als ALG II Empfänger zumindest eine Zeit lang im voraus selbst finanziert (und wird durch die kürzeren Leistungszeiten beim ALG I auch noch massiv in ALG ÌI reingedrückt und bekommt noch weniger von seinen Versicherungsbeiträgen.
Mannomann - was sind wir alle für bestohlene Schmarotzer.
Der Staat macht sich selber arm durch Steuergeschenke in Höhe von Hunderten Milliarden, die Wirtschaft nimmt und dankt - und das wars.
Kein einziger Arbeitsplatz mehr - im Gegenteil.
StephanK
05.10.2005, 08:16
Wer stiehlt, bereichert sich illegal.
Man fühlt sich gelegentlich an die Zustände im Frankreich der 1830er Jahre erinnert, als der König den Bourgeois zurief "Bereichert Euch!" (siehe diesen Zeitungsartikel (http://www.jungewelt.de/2005/07-30/032.php)).
rat-loser
05.10.2005, 08:28
Der Staat macht sich selber arm durch Steuergeschenke in Höhe von Hunderten Milliarden, die Wirtschaft nimmt und dankt - und das wars.
Kein einziger Arbeitsplatz mehr - im Gegenteil.
stimmt genau. hat jemand gestern frontal21 gesehen. da war genau davon die rede. hochachtung vor porsche: denen haben sie angeblich 50 mio. angeboten - und die haben abgeleht mit dem hinweis, sie brauchen es nicht.
Betroffener
05.10.2005, 14:20
Hi Stephan,
nicht nur diesen Textabschnitt von Heinrich Heine aus Deinem Link finde ich bemerkenswert zu den Vorgängen um 1831 - man ändere ein paar Namen - et voilà haben wir eine aktuelle Situation nicht nur in Deutschland:
Ludwig Philipp hat vergessen, daß seine Regierung durch das Prinzip der Volkssouveränität entstanden ist, und in trübseligster Verblendung möchte er sie jetzt durch eine Quasilegitimität, durch Verbindung mit absoluten Fürsten und durch Fortsetzung der Restaurationsperiode zu erhalten suchen. (...) Ludwig Philipp, der dem Volke und den Pflastersteinen des Julius seine Krone verdankte, ist ein Undankbarer, dessen Abfall um so verdrießlicher, da man täglich mehr und mehr die Einsicht gewinnt, daß man sich gröblich täuschen lassen. Ja, täglich geschehen offenbare Rückschritte, und wie man die Pflastersteine, die man in den Juliustagen als Waffe gebrauchte und die an einigen Orten noch seitdem aufgehäuft lagen, jetzt wieder ruhig einsetzt, damit keine äußere Spur der Revolution übrigbleiben so wird auch jetzt das Volk wieder an seine vorige Stelle, wie Pflastersteine, in die Erde zurückgestampft und, nach wie vor, mit Füßen getreten.
StephanK
05.10.2005, 14:32
Eingedenk des vorgestrigen Feiertages könnte man gewagte Verbindungslinien von 1831 über 1989 zu 2005 ziehen... :cool:
»Enrichissez-vous!« - »Bereichert euch!«, diese Botschaft aus dem 19. Jahrhundert ist bei den deutschen "Unternehmern" gut angekommen und verinnerlicht.
Leider sind "...die Pflastersteine, die man in den Juliustagen als Waffe gebrauchte..." hier nicht so verbreitet. ;-)
@rat-loser: frontal21 & Porsche. Da war auch ich überrascht; sollten die etwa auch so "edel & gut" sein wie deren Rennkisten?
Betroffener
05.10.2005, 14:49
Das folgende Statement trifft aber sehr die behördliche Seite der Angelegenheit:
Die Hemmschwellen für die Abzocke bei Arbeitslosengeld II und weiteren Unterstützungsleistungen sind offenkundig gesunken
Dem kann man wohl leider kaum etwas hinzufügen. Der Bund will den Kommunen die Rückerstattung streichen für die KdU (rund 3 Milliarden für 2005) - dabei wollte der Bund eh nur rund 30% erstatten - von denen die Länder sich selbst auch noch was abgestreift hatten). Bei den Kommunen also noch weniger ankam, als geplant.
Über weiter verhärtete Fronten bei der "Angemessenheit" der Wohnung brauchen wir uns also nicht wundern.
Die Arbeitslosen werden belogen und betrogen durch Finanztricksereien an höchster Stelle (7 Milliarden verfassungswidriger Rückfluss zweckgebundener Mittel aus der Arbeitslosenversicherung bei gleichzeitiger Leistungsreduzierung).
Massive Diskrimierung durch die Medien.
Betroffener
05.10.2005, 21:05
effge,
frontal21 & Porsche. Da war auch ich überrascht; sollten die etwa auch so "edel & gut" sein wie deren Rennkisten?
Du solltest Dir mal anschauen, wem VW und Volkswagen wirklich gehört - neben der staatlichen Beteiligung bei VW und den paar Kleinaktionären.
Der Rest gehört den Familien Piech und Porsche. Und die wollen sich nicht von den "Heuschrecken" die Perlen einzeln aussortieren und den Rest vor die Säue gehen lassen - zumal sie gegenseitig auf ein ander angewiesen sind.
Das sind ganz handfeste ureigene familiäre Finanzinteressen.
Die sind für Porsche und VW, was die Quandt-Familie für BMW ist.
Also nix mit Edel & Gut.
Aber natürlich wird es in den Medien so dargestellt, dass Porsche VW rettet (und damit auch Audi, Skoda und Seat).
Ahoi,
ich bin wirklich überrascht, daß Porsche angeblich Millionen von Euronen an staatl. Subventionen ablehnt.
Die Frage, ob Porsche deswegen auch so "edel & gut" sei wie deren Rennkisten, war eine rethorische Frage. Ebenso könnte ich fragen, ob Thurn und Taxis nicht viel zum Erhalt der bayrischen Wälder beigetragen hätten. ;-)
Zu Clement, der ja bald in den Vorruhestand geht: Er hat 'ne Menge Öl ins Feuer der Stammtisch-Diskussionen um ALG II gegossen. Wohlwissend, daß die Vorwürfe die er erhebt unsinnig sind, aber ebenso wohlwissend, daß er damit von seinen politischen Fehlern ablenken kann. Gefährliche Nebelbomben um sich werfend verlässt er die politische Bühne in Berlin. Applaus.
Betroffener
06.10.2005, 00:47
Was wollen wir denn hiervon halten?
Kriegt Deutschland und seine Michels sowas auch irgendwann mal auf die Reihe?:
__________________________________________________ ___________
''Schwarzer Dienstag'' in Frankreich
Eine Million Menschen protestieren gegen Sozialabbau
In Frankreich hat ein landesweiter Streik in manchen Regionen den öffentlichen Transport lahm gelegt. Sogar die Stromversorgung war eingeschränkt. Bei insgesamt etwa 150 Demonstrationen waren nach Gewerkschaftsangaben mehr als eine Million Menschen dabei, in allen großen und mittleren Städten wurde demonstriert.
Von Barbara Schulte, ARD-Hörfunkstudio Paris (http://www.tagesschau.de/aktuell/meldungen/0,1185,OID4820098_REF1,00.html)
Der größte Bahnhof von Paris, der Gare du Nord, ist normalerweise voller Menschen, die zwischen den Zügen aus den Vororten und den Metrolinien hin- und hereilen. An diesem Dienstag herrschte gähnende Leere. Keine Züge, kaum Menschen. Nur ganz wenige versuchten aus den Anzeigentafeln herauszulesen, ob eventuell demnächst ein Zug fährt, der sie ihrem Ziel näher bringt. Die Laune ist dementsprechend. "Ich bin genervt," denn um fünf Uhr hätte ein Zug fahren sollen. "Der kam nicht," sagt ein Pendler - mehr als eine Stunde später wartet er noch immer.
Landesweiter Streik mit Staus und schulfrei
Als schwarzer Dienstag wurde der Tag von den Gewerkschaften angekündigt. Und so ist er geworden. In ganz Frankreich wurde gestreikt. In Marseille, Nizza, Lyon und Straßburg fuhren kaum Züge und keine Busse, in Paris war zum ersten Mal bei einem Streiktag eine Mindestversorgung im öffentlichen Nahverkehr gesichert. Trotzdem bildeten sich am Morgen kilometerlange Staus an den Einfallstoren der französischen Hauptstadt. Wegen des Streiks der Fluglotsen wurden auf den Pariser Flughäfen Orly und Roissy-Charles de Gaulle an die 400 Flüge gestrichen. Sie protestieren gegen die geplante Privatisierung ihres Dienstes.
Auch der Schulunterricht fiel großenteils aus. An die 50 Prozent der Lehrer streikten gegen die Sparmaßnahmen an den Schulen und die Erhöhung ihrer Stundenzahlen. Ähnlich war es in den öffentlichen Krankenhäusern. Die große Mehrheit der Franzosen unterstützte den landesweiten Aktionstag der Gewerkschaften. 72 Prozent halten die Forderungen nach mehr Lohn und mehr Arbeitsplätzen für berechtigt. Deswegen ertrugen die meisten von ihnen diesen beschwerlichen Tag mit Gelassenheit. "Mich stört das nicht so. Ich habe mein Fahrrad dabei. Wenn die Züge nicht fahren, radle ich eben" erklärte ein Passant.
Gegen das "Ende des Sozialstaats"
Die sechs großen Gewerkschaften hatten zu diesem Aktionstag aufgerufen. So einig waren sich die Vertreter der Beschäftigten seit 30 Jahren nicht mehr. Ihnen ging es darum, der konservativen Pariser Regierung ein Zeichen zu setzen - ein Zeichen des Protestes gegen die Privatisierung des öffentlichen Dienstes, gegen den Börsengang des staatlichen Energieversorgers EDF, gegen die Auflösung des Kündigungsschutzes und gegen viele andere Maßnahmen, die aus der Sicht der Gewerkschaften das Ende des Sozialstaats bedeuten.
Deutsche Gewerkschafter demonstrierten mit
In den Reihen mit Flaggen und Transparenten waren auch die roten Fahnen der deutschen IG Metall zu erkennen. In der ersten Reihe des langen Demonstrationszuges in Paris ging Dieter Scholz, DGB-Bezirksvorsitzender für Berlin-Brandenburg, Seite an Seite mit den Vorsitzenden der französischen Gewerkschaften. "Ich finde, dass ist eine Ehre für uns, mitdemonstrieren zu können", so Scholz. Olivier Hövel, IG Metall-Bezirksleiter für Berlin, Brandenburg und Sachsen marschierte auch mit. "Ich denke, wir sind in Europa insgesamt in einer Auseinandersetzung um die Zukunft des Sozialstaats, der Sozialstaaten, aber insgesamt eigentlich des sozialen Europas. Insofern ist es ganz selbstverständlich, dass wir als Gewerkschafter uns dann hier an einer solchen Demonstration beteiligen," erläutert Hövel.
Kriegt Deutschland und seine Michels sowas auch irgendwann mal auf die Reihe?
Jeweils nur immer dann wenn's an den eigenen Hintern geht. Möglichst werden aber erst mal andere vorgeschickt. In Deutschland machen die Gewerkschaften auch erst wieder zaghaft das Maul auf seit ernstlich Gefahr besteht dass bald Schluss mit lustig ist.
Einige Gewerkschaftsführer gehören sowieso seit langem komplett der anderen Seite ...
rat-loser
06.10.2005, 09:02
Porsche angeblich Millionen von Euronen an staatl. Subventionen ablehnt
nochmal kurz dazu: das war keine redaktionelle kurzmeldung sondern ein interview mit bild, in dem das ein ein porsche-manager gesagt hatte. ich gehen mal davon aus, dass wenn es unwahr oder unrichtig gewesen wäre, dass man das inzwischen schon gehört hätte.
ist natürlich mords-gut fürs porsche-image. ich halte mich für ziemlich moralisch gefestigt - aber ehrlich gesagt, wenn mir jemand geld massiv nachträgt, wüßte ich nicht, ob ich es abgeleht hätte - ops, bin ich denn nun schon wieder einer von den sozial-erschleicher-schmarotzer?
Streik soll Belgien lahm legen
Möglicherweise kommt das öffentliche Leben in Belgien am Donnerstag zum Erliegen. Das berichteten belgische Zeitungen, nachdem die sozialistische Gewerkschaft FGTB einen landesweiten Streik angekündigt hatte. Mit dem Ausstand will die Arbeitnehmerorganisation in Verhandlungen um eine Reform des Vorruhestands und die Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme Druck machen.
Die christliche Gewerkschaft CSC verzichtete nach Agenturberichten indes auf einen zunächst geplanten Streikaufruf. Sie sei mit dem bisherigen Verlauf der Gespräche zufrieden, hieß es zur Begründung.
Anzeige
Zugverkehr soll ruhen
Laut Medienberichten will die FGTB den nationalen Zugverkehr vollständig lahm legen. Betroffen sein dürfte auch der grenzüberschreitende Bahnverkehr der Thalys-Eurostar- Schnellzüge. Daneben dürfte die Post- und Zeitungszustellung betroffen sein. Auch Beschäftigte aus den Branchen Auto, Chemie und Einzelhandel wollen sich demnach dem Ausstand anschließen.
(N24.de, Netzeitung)06. Oktober 2005
Feine Sache wenn es Kollege Scholz als "Ehre" empfindet in Paris mit einem roten Fähnchen umher zu irren, während die AEG-Beschäftigen im typischen Outfit (bunt bedruckte Ganzkörper-Plastiksäcke und die obligatorische Trillerpfeife im Mund) und Gonzbach-Lerchen-gleich ein Werkstor blockiert. Da hat dann auch die IGM-Vertretung nichts Besseres im Sinn als einen möglichen Boykott von AEG-Produkten anzudrohen. Dann boykottieren wir demnächst bei einem Streik der ThyssenKrupp-Belegschaft ganz selbstverständlich Walzbleche?!
Laut Medienberichten will die FGTB den nationalen Zugverkehr vollständig lahm legen.
StephanK
06.10.2005, 14:07
Feine Sache wenn es Kollege Scholz als "Ehre" empfindet in Paris mit einem roten Fähnchen umher zu irren, (...)Natürlich hat das etwas von Hilflosigkeit - und das finde ich auch ärgerlich. Aber es ist überfällig, dass der Europäisierung der Konzerne eine Europäisierung der Gewerkschaften entgegengesetzt wird. Zwar gibt es schon lange einen Europäischen Gewerkschaftsbund, der - soweit ich das einschätzen kann - auch gar keine so schlechte Lobbyarbeit in Brüssel leistet, aber das alte Spiel der Arbeitgeber, die Belegschaft am Standort A gegen die Belegschaft am Standort B (der heutzutage vielleicht in C-Land liegt) auszuspielen, funktioniert leider nach wie vor viel zu gut. Das Hemd ist eben immer näher als der Rock, und das freundliche Angebot der Konzernleitung, man möge sich bei Werkschließung in A doch für das Werk in B bewerben, hilft auch in Zeiten größer gewordener Mobilität meist nicht weiter. (Wie viele VW-Arbeiter würden auch nur mit dem Gedanken spielen, nach Tschechien oder Ungarn umzuziehen?). Dass Menschen je so mobil werden könnten wie Kapital mobil geworden ist, ist eine Illusion. Die knappe Ressource ist aber heute das Kapital, nicht die menschliche Arbeitskraft. Die Folgen erleben wir täglich.
Ich weiss nicht, ob ich als Vorstandsmitglied einer Gewerkschaft weiter wüsste als ein Herr Scholz oder seine Kolleginnen und Kollegen.
Ich weiss nicht, ob ich als Vorstandsmitglied einer Gewerkschaft weiter wüsste als ein Herr Scholz oder seine Kolleginnen und Kollegen.
Da kann ich Dir nur zustimmen, da es den Gewerkschaften mittlerweile so geht, wie dem Hasen in der Geschichte vom "Hase und Igel".
Leider bricht seit langem die Basis weg, aber vieles ist auch hausgemacht. Während meiner aktiven Gewerkschaftszeit in Duisburg erlebte ich, wie engagierte und pfiffige Jugendsekretäre der DGB-Gewerkschaften eingeschüchtert oder nach dem Peter-Prinzip weggelobt wurden. (Wenn dann noch auf 1. Mai-Kundgebungen die letzte Strophe von "Brüder zur Sonne zur Freiheit" gesungen wurde, saß der örtliche DGB-Vorsitzende auf dem Sofa und nahm übel. ;-) )
Analog zur Politik ist auch bei den Gewerkschaftsmitarbeitern aus Berufung ein Beruf geworden und nur wenige konnten dem widerstehen, wie der frühere Vorsitzende der IGM-Küste, Teichmüller.
Und wo blieb eine Reaktion der Gewerkschaften zu Clements Äußerungen bezüglich des "Schmarotzertums"?! Oder sind die gar in den Medien untergegangen, da es zur Zeit nur noch um die "zentrale Frage" in dieser Republik geht? ;-)
vBulletin® v3.8.7, Copyright ©2000-2012, vBulletin Solutions, Inc.