Betroffener
12.04.2005, 20:23
Beginn der Spargelsaison
Warum Beelitz die polnischen Spargelstecher braucht
Die Spargelsaison beginnt, und wie jedes Jahr beginnt damit wieder die Debatte über die ausländischen Erntehelfer. In Brandenburg, dem drittgrößten Spargelproduzenten Deutschlands, stammen 90 Prozent der Saisonarbeiter aus Polen und anderen osteuropäischen Ländern. Und das bei einer Arbeitslosigkeit von 20 Prozent.
Von Claudia van Laak, Deutschlandradio-Korrespondentin in Brandenburg
Artikel: http://www.tagesschau.de/aktuell/meldungen/0,1185,OID4247094_REF1,00.html
Bernd Henke schlägt die Folie über dem Spargelbeet zurück, greift zum Spaten und beginnt zu graben. Wie tief sind die Spargelstangen noch in der Erde ist die Frage, die den Landwirt bewegt. Der 33-Jährige muss versuchen, so exakt wie möglich den Beginn der Ernte vorherzusagen. Ruft er zu früh in Polen an und bestellt die Erntehelfer, sitzen sie untätig herum. Ruft er zu spät an, kommt der erste Spargel nicht rechtzeitig aus dem Boden.
In einer knappen Woche geht die Ernte in Gut Mötzow los. Zeit genug, um die Unterkünfte für die polnischen Spargelstecher herzurichten. In den letzten Monaten haben Bauarbeiter das Dachgeschoss einer ehemaligen Werkstatt in passable Zimmer verwandelt: geräumig, mit jeweils zwei Doppelbetten, zwei Schränken, einem Tisch mit vier Stühlen und zwei Kühlschränken.
Problem mit deutschen Erntehelfern
Viel Zeit werden die polnischen Spargelstecher nicht auf ihren Zimmern verbringen. Sie arbeiten sieben Tage in der Woche, bis zu 15 Stunden am Tag. Ihre Motivation ist hoch - verdienen sie doch als Erntehelfer auf deutschen Höfen bis zum Zehnfachen ihres normalen Monatslohnes. Landwirt Henke schwört auf sie: "Die polnischen Mitarbeiter sind schon eine ganze Ecke motivierter. Sie fragen nicht soviel, was sein könnte oder stellen auch nicht so viele Ansprüche bei der Arbeit." Es sei wesentlich unproblematischer als mit deutschen Mitarbeitern. Das müsse man eben so "ehrlich sagen wie es ist."
90 Prozent der Erntehelfer auf Gut Mötzow sind Polen, zehn Prozent Deutsche. Den Spargel nur von Deutschen stechen zu lassen, sei zwar theoretisch möglich, praktisch aber nicht umsetzbar, sagt Henke. Wenn der Spargel gestochen werden muss, könne man nicht Rücksicht auf private oder andere Belange nehmen. "Dann gilt es die Ernte einzufahren. Dafür haben wir das ganze Jahr über gearbeitet."
Polnische "Spargelfliegen" schon vor 100 Jahren
Landwirt Henke misst die Temperatur im Spargelbeet - 12,6 Grad, das ist ein Grad mehr als gestern. Während der Spargelbauer überlegt, ob er seine polnischen Erntehelfer schon einen Tag früher anreisen lassen soll, trifft auch Manfred Schmidt die letzten Vorbereitungen zum Start der Spargelsaison.
Die Geschichte der osteuropäischen Erntehelfer erzählt Manfred Schmidt und zeigt auf die historischen Fotos an den Wänden des Spargelmuseums Beelitz. Frauen mit Strohhüten auf den Köpfen knien seitlich der Spargelbeete und stechen das Gemüse. Die männlichen Aufseher stehen mit Stöcken daneben. "Schon vor 100 Jahren hatten wir Erntehelfer aus dem Osten", erzählt Spargelbauer Schmidt. "Die Beelitzer nannten sie Spargelfliegen. Wenn die nämlich ausblieben - wie die Zugvögel - dann war die Ernte nicht zu schaffen."
Genau wie heute, seufzt Manfred Schmidt. Jedes Jahr sollen wir kleinen Spargelbauern der deutschen Öffentlichkeit die Gesetze der Ökonomie erklären, sagt der Vorsitzende des Beelitzer Spargelvereins. "Die Arbeitslosen haben mit Nichtstun genauso viel verdient wie mit dem Spargelstechen. Wem will ich das verdenken, wenn er doch lieber zu Hause sitzen bleibt, Angeln geht, schläft oder wandert." Die Arbeitslosen hätten sich eben eingerichtet.
Bei Feiertagsarbeit sind die Deutschen abgeschreckt
Zwischen vier und fünf Euro in der Stunde verdient ein Spargelstecher in Brandenburg - dazu kommen Leistungsprämien. Nur wenige Arbeitslose ließen sich bislang von diesen niedrigen Löhnen - gekoppelt mit anstrengender körperlicher Arbeit - locken. Doch durch Hartz IV ist der Druck auf die Arbeitslosen größer geworden. "Ich habe jetzt ab und zu einmal gehört, dass Anrufe kamen: Brauchen sie noch Leute zum Spargelstechen? Ich möchte Spargelstechen. Aber dann wird gesagt: Aber bitte, wir müssen auch von Montag bis Sonntag - also jeden Tag die Woche, auch Pfingsten und Himmelfahrt - Spargelstechen. Aber dann war die Begeisterung nicht mehr so doll."
58.000 Brandenburger warten auf einen Job
In der Arbeitsagentur Potsdam steht eine lange Schlange mit Empfängern von Arbeitslosengeld II. Wartezeiten von bis zu zwei Stunden sind keine Seltenheit, die Stimmung entsprechend gereizt. Nur wenige Arbeitslose wollen auf die Frage antworten, ob sie bereit wären, als Spargelstecher zu arbeiten.
6000 Arbeitsgenehmigungen für polnische Erntehelfer wird die Arbeitsagentur Potsdam in diesem Jahr erteilen. Diesen 6000 Arbeitsgenehmigungen stehen 58.000 Arbeitslose gegenüber. Von denen sind vielleicht zwei- bis dreitausend für die Arbeit geeignet, sagt Agenturchefin Edelgard Woythe.
"Aber dann kommen noch private Besonderheiten hinzu. Man darf nicht gebunden sein durch Kinderbetreuung, nicht durch häusliche Pflege von einem Angehörigen oder solche Dinge. Die lassen auch bei Eignung einen Einsatz in solchen Tätigkeitsbereichen nicht zu." Deshalb kämen nur wenige Arbeitslose für den Job des Erntehelfers in Frage. Agenturchefin Woythe ärgert sich über Forderungen aus der Politik, mehr Druck auf die Arbeitslosen auszuüben. Damit sei niemandem geholfen. Schließlich könne sie nur die Geeigneten auf die Spargelfelder schicken. "Der Arbeitgeber erwartet von mir ein Dienstleistungsangebot und jemanden, der motiviert und arbeitswillig ist."
Polen vielleicht bald zu teuer
Landwirte und Arbeitsagenturen sind sich also einig: Auf die polnischen Erntehelfer kann niemand verzichten. Brandenburgs Spargelbauern macht nur eines Sorgen: Durch Polens Beitritt zur EU werden Lebensstandard und Lohnniveau im östlichen Nachbarland steigen - vielleicht müssen die Landwirte demnächst um russische und ukrainische Spargelstecher werben.
Stand: 12.04.2005 18:27 Uhr
Warum Beelitz die polnischen Spargelstecher braucht
Die Spargelsaison beginnt, und wie jedes Jahr beginnt damit wieder die Debatte über die ausländischen Erntehelfer. In Brandenburg, dem drittgrößten Spargelproduzenten Deutschlands, stammen 90 Prozent der Saisonarbeiter aus Polen und anderen osteuropäischen Ländern. Und das bei einer Arbeitslosigkeit von 20 Prozent.
Von Claudia van Laak, Deutschlandradio-Korrespondentin in Brandenburg
Artikel: http://www.tagesschau.de/aktuell/meldungen/0,1185,OID4247094_REF1,00.html
Bernd Henke schlägt die Folie über dem Spargelbeet zurück, greift zum Spaten und beginnt zu graben. Wie tief sind die Spargelstangen noch in der Erde ist die Frage, die den Landwirt bewegt. Der 33-Jährige muss versuchen, so exakt wie möglich den Beginn der Ernte vorherzusagen. Ruft er zu früh in Polen an und bestellt die Erntehelfer, sitzen sie untätig herum. Ruft er zu spät an, kommt der erste Spargel nicht rechtzeitig aus dem Boden.
In einer knappen Woche geht die Ernte in Gut Mötzow los. Zeit genug, um die Unterkünfte für die polnischen Spargelstecher herzurichten. In den letzten Monaten haben Bauarbeiter das Dachgeschoss einer ehemaligen Werkstatt in passable Zimmer verwandelt: geräumig, mit jeweils zwei Doppelbetten, zwei Schränken, einem Tisch mit vier Stühlen und zwei Kühlschränken.
Problem mit deutschen Erntehelfern
Viel Zeit werden die polnischen Spargelstecher nicht auf ihren Zimmern verbringen. Sie arbeiten sieben Tage in der Woche, bis zu 15 Stunden am Tag. Ihre Motivation ist hoch - verdienen sie doch als Erntehelfer auf deutschen Höfen bis zum Zehnfachen ihres normalen Monatslohnes. Landwirt Henke schwört auf sie: "Die polnischen Mitarbeiter sind schon eine ganze Ecke motivierter. Sie fragen nicht soviel, was sein könnte oder stellen auch nicht so viele Ansprüche bei der Arbeit." Es sei wesentlich unproblematischer als mit deutschen Mitarbeitern. Das müsse man eben so "ehrlich sagen wie es ist."
90 Prozent der Erntehelfer auf Gut Mötzow sind Polen, zehn Prozent Deutsche. Den Spargel nur von Deutschen stechen zu lassen, sei zwar theoretisch möglich, praktisch aber nicht umsetzbar, sagt Henke. Wenn der Spargel gestochen werden muss, könne man nicht Rücksicht auf private oder andere Belange nehmen. "Dann gilt es die Ernte einzufahren. Dafür haben wir das ganze Jahr über gearbeitet."
Polnische "Spargelfliegen" schon vor 100 Jahren
Landwirt Henke misst die Temperatur im Spargelbeet - 12,6 Grad, das ist ein Grad mehr als gestern. Während der Spargelbauer überlegt, ob er seine polnischen Erntehelfer schon einen Tag früher anreisen lassen soll, trifft auch Manfred Schmidt die letzten Vorbereitungen zum Start der Spargelsaison.
Die Geschichte der osteuropäischen Erntehelfer erzählt Manfred Schmidt und zeigt auf die historischen Fotos an den Wänden des Spargelmuseums Beelitz. Frauen mit Strohhüten auf den Köpfen knien seitlich der Spargelbeete und stechen das Gemüse. Die männlichen Aufseher stehen mit Stöcken daneben. "Schon vor 100 Jahren hatten wir Erntehelfer aus dem Osten", erzählt Spargelbauer Schmidt. "Die Beelitzer nannten sie Spargelfliegen. Wenn die nämlich ausblieben - wie die Zugvögel - dann war die Ernte nicht zu schaffen."
Genau wie heute, seufzt Manfred Schmidt. Jedes Jahr sollen wir kleinen Spargelbauern der deutschen Öffentlichkeit die Gesetze der Ökonomie erklären, sagt der Vorsitzende des Beelitzer Spargelvereins. "Die Arbeitslosen haben mit Nichtstun genauso viel verdient wie mit dem Spargelstechen. Wem will ich das verdenken, wenn er doch lieber zu Hause sitzen bleibt, Angeln geht, schläft oder wandert." Die Arbeitslosen hätten sich eben eingerichtet.
Bei Feiertagsarbeit sind die Deutschen abgeschreckt
Zwischen vier und fünf Euro in der Stunde verdient ein Spargelstecher in Brandenburg - dazu kommen Leistungsprämien. Nur wenige Arbeitslose ließen sich bislang von diesen niedrigen Löhnen - gekoppelt mit anstrengender körperlicher Arbeit - locken. Doch durch Hartz IV ist der Druck auf die Arbeitslosen größer geworden. "Ich habe jetzt ab und zu einmal gehört, dass Anrufe kamen: Brauchen sie noch Leute zum Spargelstechen? Ich möchte Spargelstechen. Aber dann wird gesagt: Aber bitte, wir müssen auch von Montag bis Sonntag - also jeden Tag die Woche, auch Pfingsten und Himmelfahrt - Spargelstechen. Aber dann war die Begeisterung nicht mehr so doll."
58.000 Brandenburger warten auf einen Job
In der Arbeitsagentur Potsdam steht eine lange Schlange mit Empfängern von Arbeitslosengeld II. Wartezeiten von bis zu zwei Stunden sind keine Seltenheit, die Stimmung entsprechend gereizt. Nur wenige Arbeitslose wollen auf die Frage antworten, ob sie bereit wären, als Spargelstecher zu arbeiten.
6000 Arbeitsgenehmigungen für polnische Erntehelfer wird die Arbeitsagentur Potsdam in diesem Jahr erteilen. Diesen 6000 Arbeitsgenehmigungen stehen 58.000 Arbeitslose gegenüber. Von denen sind vielleicht zwei- bis dreitausend für die Arbeit geeignet, sagt Agenturchefin Edelgard Woythe.
"Aber dann kommen noch private Besonderheiten hinzu. Man darf nicht gebunden sein durch Kinderbetreuung, nicht durch häusliche Pflege von einem Angehörigen oder solche Dinge. Die lassen auch bei Eignung einen Einsatz in solchen Tätigkeitsbereichen nicht zu." Deshalb kämen nur wenige Arbeitslose für den Job des Erntehelfers in Frage. Agenturchefin Woythe ärgert sich über Forderungen aus der Politik, mehr Druck auf die Arbeitslosen auszuüben. Damit sei niemandem geholfen. Schließlich könne sie nur die Geeigneten auf die Spargelfelder schicken. "Der Arbeitgeber erwartet von mir ein Dienstleistungsangebot und jemanden, der motiviert und arbeitswillig ist."
Polen vielleicht bald zu teuer
Landwirte und Arbeitsagenturen sind sich also einig: Auf die polnischen Erntehelfer kann niemand verzichten. Brandenburgs Spargelbauern macht nur eines Sorgen: Durch Polens Beitritt zur EU werden Lebensstandard und Lohnniveau im östlichen Nachbarland steigen - vielleicht müssen die Landwirte demnächst um russische und ukrainische Spargelstecher werben.
Stand: 12.04.2005 18:27 Uhr