Betroffener
15.04.2005, 16:26
RECRUITING AUF RÄDERN
Reiseziel Karriere, Ankunftszeit ungewiss
Von Kai Oppel
Link zum Spiegelartikel: http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,351478,00.html
Willkommen an Bord des Career-Express: Mit Tempo 160 braust ein Sonderzug durchs Land der fünf Millionen Arbeitslosen - von München zur Hannover-Messe. 200 Studenten und Absolventen treffen in den Waggons auf Personalchefs und Karrieretrainer. Sie suchen nach dem Traumjob als Ingenieur. Kai Oppel fuhr mit.
Feiner Zug: Gedränge im Career Express
Das Gespräch läuft schon seit drei Minuten, als der junge Mann mit den geröteten Augen seine Hand ausstreckt, lächelt und abrupt fragt: "Wie heißt du eigentlich? Ich bin Daniel." Erneut huscht ein Lächeln über sein Gesicht. Gerade rechtzeitig fiel ihm noch ein, wie wichtig die persönliche Vorstellung für einen bleibenden Eindruck ist. Kurzes Händeschütteln, weiter im Gespräch. "Ich will hier meinen Marktwert testen und außerdem meine Bewerbungsunterlagen checken lassen", sagt der 28-Jährige und sucht an einem Bistrotisch Halt, als der Zug wegen eines Gleiswechsels in mächtiges Schwanken gerät. Es ist kurz nach sechs Uhr in der Früh, der Recruiting-Sonderzug rast durchs Bayerische Land.
Seit 1999 bringt der Career-Express Berufseinsteiger zu wichtigen Messen wie der Cebit. Heute düst er zur weltweit führenden Industriemesse nach Hannover, im Herbst geht es zur Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA). Den Grund für die ungewöhnliche Recruiting-Show nennt Christine Burger, Pressereferentin bei Iccom International, dem Organisator des Events: "In Deutschland fehlen 15.000 Ingenieure." Für die Fahrt zur Messe hat ihr Unternehmen aus rund 800 Kandidaten mehr als 200 herausgepickt und damit den Personalabteilungen der teilnehmenden Unternehmen einige Vorarbeit abgenommen.
Hier an Bord sollen die Unternehmen ihren Wunschingenieur finden. Helfen soll dabei beispielsweise die Jobwall im Event Office. Mit rund 300 Stellenangeboten wurden die Zugfenster plakatiert: Offene Stellen, wohin das Auge reicht. Der Waggon wirkt wie eine rollende Joboase im Land der fünf Millionen Arbeitslosen. Trainees, Diplomanden, Praktikanten, Projektleiter und Ingenieure - alle willkommen.
Die Viega GmbH verlässt sich nicht allein auf Stellenanzeigen. Als eine von vier Firmen sucht sie direkt an Bord nach Nachwuchs. "Wir benötigen sehr spezielle Profile", sagt Alf Müller, Personalleiter bei Mittelständler mit rund 2000 Mitarbeitern. Als Hersteller von Entwässerungstechnik sei das Unternehmen für Berufsanfänger nicht ganz so sexy wie BMW oder Porsche. "Da wir uns jedoch weiter internationalisieren und dynamisch wachsen, können wir ausgezeichnete Karriereperspektiven bieten", verkündet Müller.
Kopf, Bauch, Karriere
Christine Burger weiß: "Mittelständer haben es oftmals noch schwieriger, geeignetes Personal zu finden." Noch immer versende das Gros der Absolventen die Unterlagen nur an bekannte Unternehmen. Dort sei die Bewerbung eine von täglich mehreren Hundert - mit entsprechend niedrigen Erfolgschancen.
Solche und andere Bewerbungsfehltritte bekommen jene Karrierereisenden vorgehalten, die sich im Konferenzwagen hinter der Lok eingefunden haben. Dort referiert Hildegard Freund von BHR Consulting unter dem vielsagenden Titel "Die Kopf-Bauch-Einheit". "Viele Absolventen haben zu hohe Gehaltsforderungen und zu wenig Berufserfahrung", erklärt sie. Der Zugabteil ist abgedunkelt wie ein Kino, so sind auch die Stühle aufgereiht. Rund 40 junge Männer in dunklen Anzügen blicken abwechselnd auf die Power-Point-Folien und auf die von der Fahrt umhergeschubsten Referentin.
Ein junger Mann schreibt eifrig mit - die vier häufigsten Fehler...
Erstens: Unklares Berufsziel / unspezifische Bewerbungen
Zweitens: Gewöhnliche, also reaktive Bewerbungen auf Stellenanzeigen
Drittens: Nutzwert für Unternehmen nicht erkennbar
Viertens: Zu wenig Werbung in der Bewerbung
Der Zug schaukelt wie ein Boot in herbstlicher Ostsee, aus den Lautsprechern quietscht die Mikrofonrückkopplung. Nach 25 Minuten ist der erste Workshop vorbei. Der Karriereexpress nährt sich bereits Ulm, wo weitere Ingenieure von morgen und übermorgen zusteigen werden.
"Alles ein großes Theaterstück"
Daniel steht an der Jobwall und raucht eine Zigarette. "Eigentlich ist das alles ein großes Theaterstück", sagt er und schiebt ein rhetorisches und meinungsführermäßiges "Oder?" hinterher. Er hat seine Hausaufgaben gemacht, liest regelmäßig Karrieremagazine, kennt die goldensten Regeln gängiger Bewerbungsliteratur, spricht ohne "man" und "äh". Auf das Spiel muss sich einfach jeder einlassen, findet er - Auswahlverfahren absolvieren wie ein Karriereversuchskaninchen und auf die Codes eingehen, die gerade gefragt sind.
Hannover-Messe: Leistungsshow der Industrie, Bazar für Jobs
Wegen falscher Codes will auch Christian Loderer, 25, nicht auf der Strecke zum beruflichen Erfolg bleiben. Der Absolvent der Fachhochschule München (Note 1,1) lässt gerade von Karriereberaterin Hildegard Freund seinen Lebenslauf checken. Nach ihrem Vortrag empfängt sie in einem Zugabteil Studenten für persönliche Fragen rund ums Thema Bewerbung. Was für die Karrieretrainerin auf den ersten Blick "nicht schlecht" aussieht, befindet sie kurze Zeit später als ausbaufähig.
"Wenn Sie sich auf Spanisch und Englisch unterhalten können und Fachtermini kennen, dann sind Ihre Sprachkenntnisse nicht gut, sondern kommunikationssicher", erläutert sie dem hageren Absolventen der physikalischen Technik. Auf ein Dutzend Bewerbungen ist er knapp zehn Mal eingeladen worden - eine außerordentliche Quote. "Nur 15 Prozent schaffen es überhaupt so weit", sagt Freund.
Loderer überlegt, spricht leise, ruhig und mit Bedacht: "Ich will mehr als Software entwickeln und Hardware installieren. Ich möchte auch führen und organisieren." Freund: "Vielleicht wollen Sie schon beim Vorstellungsgespräch zu viel. Verschrecken Sie die Personaler nicht gleich mit zu ehrgeizigen Karriereplänen." Loderer dankt und geht.
"Verschrecken Sie die Personaler nicht"
Vor der Tür zum Abteil hat sich längst eine Traube gebildet. Die Ingenieure von morgen sinnieren darüber, wie dicke Seidenkrawatten gebunden werden sollten und ob Krawatten überhaupt wichtig sind. Nebenan erfährt ein sympathischer Student, dass sein Anzug ganz und gar unmöglich sei. Die Karrieretrainerin empfiehlt erst sich als private Einkaufshilfe - und anschließend ihr veröffentlichtes Schriftwerk passend zum Thema.
Noch ein Abteil weiter findet Karriereberaterin Christine Riedelsberger vom Büro "Präsenz & Profil" deutliche Worte. "Was neues habe ich gar nicht zu erzählen", gibt sie zu. Dass sie dennoch gebucht wird, hat einen einfachen Grund: "Die Menschen vergessen immer wieder, auf ihre Wirkung zu achten." Jeder müsse sich bewusst werden, wir er auf andere Menschen wirke. "Bewerber sollten überlegen, wie ihre Körpersprache, Stimme und ihr gesagtes ankommen - und ob sie diese Wirkung beabsichtigen", sagt Riedelsberger. Wie wenig Führungskräfte, Studenten und Mitarbeiter in den vergangenen zehn Jahren trotz tonnenweise verhökerter Karriereliteratur dazugelernt hätten, sehe sie spätestens bei Messen.
Auf der Messe Hannover kommen die Studenten am frühen Nachmittag an. Karriere lautet auch hier das Motto. Daniel hat sich zwei oder drei ernsthafte Gespräche vorgenommen - "Kontakte knüpfen ist das A und O", sagt er.
Am liebsten möchte er ein Unternehmen finden, dass ihn nach Griechenland schickt. Dort lebt seine Freundin Sofia. Das Karrieretheater beherrscht er bestens. Am Griechisch arbeitet er noch.
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Kommentar: Nur wer selber schonmal in so einem Zug saß, weiß was hier abgeht.
Reiseziel Karriere, Ankunftszeit ungewiss
Von Kai Oppel
Link zum Spiegelartikel: http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,351478,00.html
Willkommen an Bord des Career-Express: Mit Tempo 160 braust ein Sonderzug durchs Land der fünf Millionen Arbeitslosen - von München zur Hannover-Messe. 200 Studenten und Absolventen treffen in den Waggons auf Personalchefs und Karrieretrainer. Sie suchen nach dem Traumjob als Ingenieur. Kai Oppel fuhr mit.
Feiner Zug: Gedränge im Career Express
Das Gespräch läuft schon seit drei Minuten, als der junge Mann mit den geröteten Augen seine Hand ausstreckt, lächelt und abrupt fragt: "Wie heißt du eigentlich? Ich bin Daniel." Erneut huscht ein Lächeln über sein Gesicht. Gerade rechtzeitig fiel ihm noch ein, wie wichtig die persönliche Vorstellung für einen bleibenden Eindruck ist. Kurzes Händeschütteln, weiter im Gespräch. "Ich will hier meinen Marktwert testen und außerdem meine Bewerbungsunterlagen checken lassen", sagt der 28-Jährige und sucht an einem Bistrotisch Halt, als der Zug wegen eines Gleiswechsels in mächtiges Schwanken gerät. Es ist kurz nach sechs Uhr in der Früh, der Recruiting-Sonderzug rast durchs Bayerische Land.
Seit 1999 bringt der Career-Express Berufseinsteiger zu wichtigen Messen wie der Cebit. Heute düst er zur weltweit führenden Industriemesse nach Hannover, im Herbst geht es zur Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA). Den Grund für die ungewöhnliche Recruiting-Show nennt Christine Burger, Pressereferentin bei Iccom International, dem Organisator des Events: "In Deutschland fehlen 15.000 Ingenieure." Für die Fahrt zur Messe hat ihr Unternehmen aus rund 800 Kandidaten mehr als 200 herausgepickt und damit den Personalabteilungen der teilnehmenden Unternehmen einige Vorarbeit abgenommen.
Hier an Bord sollen die Unternehmen ihren Wunschingenieur finden. Helfen soll dabei beispielsweise die Jobwall im Event Office. Mit rund 300 Stellenangeboten wurden die Zugfenster plakatiert: Offene Stellen, wohin das Auge reicht. Der Waggon wirkt wie eine rollende Joboase im Land der fünf Millionen Arbeitslosen. Trainees, Diplomanden, Praktikanten, Projektleiter und Ingenieure - alle willkommen.
Die Viega GmbH verlässt sich nicht allein auf Stellenanzeigen. Als eine von vier Firmen sucht sie direkt an Bord nach Nachwuchs. "Wir benötigen sehr spezielle Profile", sagt Alf Müller, Personalleiter bei Mittelständler mit rund 2000 Mitarbeitern. Als Hersteller von Entwässerungstechnik sei das Unternehmen für Berufsanfänger nicht ganz so sexy wie BMW oder Porsche. "Da wir uns jedoch weiter internationalisieren und dynamisch wachsen, können wir ausgezeichnete Karriereperspektiven bieten", verkündet Müller.
Kopf, Bauch, Karriere
Christine Burger weiß: "Mittelständer haben es oftmals noch schwieriger, geeignetes Personal zu finden." Noch immer versende das Gros der Absolventen die Unterlagen nur an bekannte Unternehmen. Dort sei die Bewerbung eine von täglich mehreren Hundert - mit entsprechend niedrigen Erfolgschancen.
Solche und andere Bewerbungsfehltritte bekommen jene Karrierereisenden vorgehalten, die sich im Konferenzwagen hinter der Lok eingefunden haben. Dort referiert Hildegard Freund von BHR Consulting unter dem vielsagenden Titel "Die Kopf-Bauch-Einheit". "Viele Absolventen haben zu hohe Gehaltsforderungen und zu wenig Berufserfahrung", erklärt sie. Der Zugabteil ist abgedunkelt wie ein Kino, so sind auch die Stühle aufgereiht. Rund 40 junge Männer in dunklen Anzügen blicken abwechselnd auf die Power-Point-Folien und auf die von der Fahrt umhergeschubsten Referentin.
Ein junger Mann schreibt eifrig mit - die vier häufigsten Fehler...
Erstens: Unklares Berufsziel / unspezifische Bewerbungen
Zweitens: Gewöhnliche, also reaktive Bewerbungen auf Stellenanzeigen
Drittens: Nutzwert für Unternehmen nicht erkennbar
Viertens: Zu wenig Werbung in der Bewerbung
Der Zug schaukelt wie ein Boot in herbstlicher Ostsee, aus den Lautsprechern quietscht die Mikrofonrückkopplung. Nach 25 Minuten ist der erste Workshop vorbei. Der Karriereexpress nährt sich bereits Ulm, wo weitere Ingenieure von morgen und übermorgen zusteigen werden.
"Alles ein großes Theaterstück"
Daniel steht an der Jobwall und raucht eine Zigarette. "Eigentlich ist das alles ein großes Theaterstück", sagt er und schiebt ein rhetorisches und meinungsführermäßiges "Oder?" hinterher. Er hat seine Hausaufgaben gemacht, liest regelmäßig Karrieremagazine, kennt die goldensten Regeln gängiger Bewerbungsliteratur, spricht ohne "man" und "äh". Auf das Spiel muss sich einfach jeder einlassen, findet er - Auswahlverfahren absolvieren wie ein Karriereversuchskaninchen und auf die Codes eingehen, die gerade gefragt sind.
Hannover-Messe: Leistungsshow der Industrie, Bazar für Jobs
Wegen falscher Codes will auch Christian Loderer, 25, nicht auf der Strecke zum beruflichen Erfolg bleiben. Der Absolvent der Fachhochschule München (Note 1,1) lässt gerade von Karriereberaterin Hildegard Freund seinen Lebenslauf checken. Nach ihrem Vortrag empfängt sie in einem Zugabteil Studenten für persönliche Fragen rund ums Thema Bewerbung. Was für die Karrieretrainerin auf den ersten Blick "nicht schlecht" aussieht, befindet sie kurze Zeit später als ausbaufähig.
"Wenn Sie sich auf Spanisch und Englisch unterhalten können und Fachtermini kennen, dann sind Ihre Sprachkenntnisse nicht gut, sondern kommunikationssicher", erläutert sie dem hageren Absolventen der physikalischen Technik. Auf ein Dutzend Bewerbungen ist er knapp zehn Mal eingeladen worden - eine außerordentliche Quote. "Nur 15 Prozent schaffen es überhaupt so weit", sagt Freund.
Loderer überlegt, spricht leise, ruhig und mit Bedacht: "Ich will mehr als Software entwickeln und Hardware installieren. Ich möchte auch führen und organisieren." Freund: "Vielleicht wollen Sie schon beim Vorstellungsgespräch zu viel. Verschrecken Sie die Personaler nicht gleich mit zu ehrgeizigen Karriereplänen." Loderer dankt und geht.
"Verschrecken Sie die Personaler nicht"
Vor der Tür zum Abteil hat sich längst eine Traube gebildet. Die Ingenieure von morgen sinnieren darüber, wie dicke Seidenkrawatten gebunden werden sollten und ob Krawatten überhaupt wichtig sind. Nebenan erfährt ein sympathischer Student, dass sein Anzug ganz und gar unmöglich sei. Die Karrieretrainerin empfiehlt erst sich als private Einkaufshilfe - und anschließend ihr veröffentlichtes Schriftwerk passend zum Thema.
Noch ein Abteil weiter findet Karriereberaterin Christine Riedelsberger vom Büro "Präsenz & Profil" deutliche Worte. "Was neues habe ich gar nicht zu erzählen", gibt sie zu. Dass sie dennoch gebucht wird, hat einen einfachen Grund: "Die Menschen vergessen immer wieder, auf ihre Wirkung zu achten." Jeder müsse sich bewusst werden, wir er auf andere Menschen wirke. "Bewerber sollten überlegen, wie ihre Körpersprache, Stimme und ihr gesagtes ankommen - und ob sie diese Wirkung beabsichtigen", sagt Riedelsberger. Wie wenig Führungskräfte, Studenten und Mitarbeiter in den vergangenen zehn Jahren trotz tonnenweise verhökerter Karriereliteratur dazugelernt hätten, sehe sie spätestens bei Messen.
Auf der Messe Hannover kommen die Studenten am frühen Nachmittag an. Karriere lautet auch hier das Motto. Daniel hat sich zwei oder drei ernsthafte Gespräche vorgenommen - "Kontakte knüpfen ist das A und O", sagt er.
Am liebsten möchte er ein Unternehmen finden, dass ihn nach Griechenland schickt. Dort lebt seine Freundin Sofia. Das Karrieretheater beherrscht er bestens. Am Griechisch arbeitet er noch.
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Kommentar: Nur wer selber schonmal in so einem Zug saß, weiß was hier abgeht.