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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Working Poor II


efge
10.02.2007, 13:31
In seinem Artikel "Kampfschauplatz Armut - Der Unterschichtendiskurs in den Vereinigten Staaten" schaut der Autor Albert Scharenberg über den Tellerrand der BRD und zeigt jedoch beindruckende Parallelen auf.
Auch hierzulande wird immer mehr den sozial Schwachen und insbesondere den Migrantinnen und Migranten die Verantwortung für ihre Ausgrenzung und geringen Bildungsressourcen zugeschoben. Dabei sind dann nicht mehr die kapitalistische Armutsproduktion sowie die Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums die zentralen Fragen, deren sich die Politik anzunehmen hat, sondern das Verhalten von „welfare queens“ und Hartz-IV-Empfängern. Nicht soziale Marginalisierung und Exklusion werden als Probleme der Gesellschaft definiert, sondern eine – aus selbstgerechter Mittelschichtenperspektive definierte – „Kultur der Armut“ in Form von „welfare dependency“ und „Sozialstaatsmentalität“. Zur Bekämpfung der Armut wird folglich in beiden Ländern immer öfter nicht mehr, sondern zynischerweise weniger Sozialpolitik anempfohlen.
Quelle: Kampfschauplatz Armut - Von Albert Scharenberg (http://www.blaetter.de/artikel.php?pr=2499 )

StephanK
11.02.2007, 14:18
Ich denke, er zeigt nicht nur Parallen auf, sondern weist - zurecht - auch auf Besonderheiten beider Länder hin, aus denen sich ergibt, dass die hiesige Entwicklung nicht genau der dortigen entsprechen oder folgen wird.

Scharenbergs Satz Da es in diesem Kontext politisch von entscheidender Bedeutung sein wird, die – von den Konservativen strategisch betriebene – Spaltung zwischen „working poor“ und „Unterklasse“ zu verhindern, sollten Forderungen wie die Erhöhung bzw. Einführung des Mindestlohnes allerdings mit der Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen für alle Bürgerinnen und Bürger verbunden werden.halte ich für richtig. Einen Ansatz dafür, wie dies gelingen könnte, zeigt er aber nicht auf. Vielleicht kennt er keinen - wie leider auch ich. Der Forderung nach einem bedingunslosen Grundeinkommen steht - auf beiden Seiten des Atlantiks - die calvinistisch geprägte Arbeitsmoral im Weg, heute säkularisiert (und sozialdemokratisiert) zum normativ gemeinten Begriff der Arbeitsgesellschaft, der hierzulande - und darin liegt ein nicht unwichtiger Unterschied zu den USA - von der tonangebenden Altersgruppe, die die Nachkriegs-Wiederaufbauphase getragen hat, nicht hinterfragt wird und zur Aufrechterhaltung ihres Selbstverständnisses auch nicht hinterfragt werden kann. Quasi verkörpert wird diese Haltung - einschließlich des gefangen-seins darin - von Franz Müntefering.

Es geht nicht mehr darum, dass so viel Arbeit da wäre, dass alle anpacken müssten und man deswegen legitimerweise von allen das mit-anpacken verlangen kann, sondern es ist (1) in manchen Bereichen so wenig davon da, dass viele weniger anpacken müssten (durch Arbeitszeitverkürzung, nicht durch Frühverrentung!) und (2) in manchen Bereichen viel ungetane Arbeit da, die niemand so zu bezahlen bereit ist, dass man davon leben könnte. Ganz überwiegend handelt es sich dabei um Arbeit in Bereichen, aus deren Finanzierung die öffentliche Hand sich ganz oder teilweise zurückgezogen hat. Deswegen kann in nennenswertem Umfang (d.h. über das begrenzte Wachstum der Privatwirtschaft hinaus) mehr bezahlte Arbeit nur dadurch geschaffen werden, dass der öffentliche Sektor wieder ausgeweitet wird - entgegen dem neoliberalen Credo der letzten zwei Jahrzehnte. Das muss dadurch flankiert werden, dass die legalen ("Ent-")Schlupflöcher aus den Sozialsystemen, von denen auch die öffentliche Hand reichlichen, aber kurzsichtigen Gebrauch macht, konsequent verstopft werden.