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Betroffener
23.04.2005, 21:02
Widerstand gegen EU-Verfassung

Union befürchtet Entmachtung des Bundestages

Link zur Tagesschaumeldung: http://www.tagesschau.de/aktuell/meldungen/0,1185,OID4280634_REF1,00.html

In der Debatte um die EU-Verfassung ist derzeit Frankreich das prominenteste Sorgenkind. Dort entscheidet am 29. Mai die Bevölkerung über das nach zähen Verhandlungen gefundene Vertragswerk. Doch während Politiker dieses als "historisch" bewertet hatten, vertreten die Franzosen offensichtlich mehrheitlich eine andere Meinung: Eine Ablehnung ist durchaus wahrscheinlich.

In Deutschland kann die Bevölkerung ihren Willen zur Verfassung nicht direkt kund tun. Diese steht im Bundestag und Bundesrat zur Abstimmung. Doch auch unter den dortigen Vertretern gibt es wachsenden der Widerstand gegen das Papier in seiner jetzigen Form. Laut einem Bericht der "Bild am Sonntag" wollen bislang rund 20 Abgeordnete vor allem der CSU aber auch von der CDU entgegen der offiziellen Unions-Linie mit Nein stimmen, wenn am 12. Mai im Bundestag über Annahme oder Ablehnung entschieden wird.

"Das deutsche Parlament wird entmachtet"
Als Hauptkritikpunkt führen die Abgeordneten eine "Entmachtung" des Parlaments an. "Rund 80 Prozent der Gesetzgebung wandern nach Brüssel", sagte der stellvertretende CSU-Landesgruppenchef Gerd Müller dem Blatt. Bei zentralen Entscheidungen müsse auch weiterhin der Bundestag gefragt werden, forderte er. Auch der CSU-Abgeordnete Georg Nüßlein will mit Nein stimmen: "Brüssel erhält immer mehr Macht ohne demokratische Kontrolle. Wir werden von Bürokraten in Brüssel regiert." Die sächsische CDU-Abgeordnete Veronika Bellmann sagte, sie plädiere zwar stark für die europäische Einigung. Aber diese EU-Verfassung sei vom Bürger meilenweit entfernt. "Die Bürger verstehen Europa nicht mehr."
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Abstimmung der EU-Verfassung:
In den meisten der 25 EU-Staaten entscheidet entweder eine Volksabstimmung (Irland, Großbritannien, Dänemark, Niederlande, Luxemburg, Frankreich, Polen, Tschechien, Portugal und Spanien) oder das Parlament (Schweden, Finnland, Litauen, Deutschland, Belgien, Österreich, Slowakei, Slowenien, Ungarn, Italien, Griechenland, Zypern und Malta) über die Annahme der EU-Verfassung. Lediglich in Estland und Lettland sind momentan weder Referendum noch Parlamentsabstimmung geplant.
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Nach einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" machen die Ministerpräsidenten der unionsgeführten Länder die von der Bundesregierung angestrebte Abstimmung des Bundesrates über die EU-Verfassung am 27. Mai von mehr Mitbestimmungsrechten in der EU abhängig. Bundeskanzler Gerhard Schröder werde sich am kommenden Donnerstag mit mehreren Ministerpräsidenten treffen, um darüber zu beraten.

Regierungssprecher Bela Anda sagte gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters, die Äußerungen der Union zur Europapolitik hätten "ein bedenkliches Ausmaß an Europafeindlichkeit angenommen".
Stoiber will andere Beitrittsverträge

Der CSU-Vorsitzende Edmund Stoiber verlangte von der Bundesregierung unterdessen, Nachbesserungen der EU-Beitrittsverträge mit Bulgarien und Rumänien durchzusetzen, um den Zustrom von Billigarbeitern weiter zu beschränken. Schröder hätte solche Hürden schon bei den Beitrittsverhandlungen errichten müssen, sagte Stoiber gegenüber der ARD. In der derzeitigen Form dürften die Verträge nicht unterzeichnet werden.
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Hintergrund

Die wichtigsten Punkte der neuen EU-Verfassung

Link zur Tagesschaumeldung: http://www.tagesschau.de/aktuell/meldungen/0,1185,OID3374722_REF1_NAV_BAB,00.html

Die von den Staats- und Regierungschefs der EU vereinbarte Verfassung ist ein völkerrechtlicher Vertrag, der von den Parlamenten aller 25 EU-Staaten gebilligt werden muss. Hier die wichtigsten Punkte:

EU-Ratspräsident: Statt von der bisher alle sechs Monate rotierenden Präsidentschaft wird die EU künftig zweieinhalb Jahre lang von einem Ratspräsidenten geführt und nach außen vertreten. Das Mandat kann erneuert werden.

Außenminister: Um die künftige gemeinsame Außenpolitik zu koordinieren und in der Welt zu vertreten, soll es einen EU-Außenminister geben. Bislang wurde die EU in solchen Fragen vom Trio aus der Ratspräsidentschaft, einem Außenkommissar und dem außenpolitischen Beauftragten vertreten. Partnern der EU war nicht immer klar, wer wofür zuständig ist.


EU-Kommission: Bei der Größe der künftigen EU-Kommission wird bis 2014 jedes Mitgliedsland einen Kommissar stellen können. Danach soll die Kommissionsstärke auf zwei Drittel der Mitgliedstaaten begrenzt werden, was bei einer EU der 27 Mitglieder 18 Kommissare bedeuten würde. Sie sollen im Rotationsprinzip wechseln, wobei die demografische und geografische Größe aller Mitgliedsstaaten berücksichtigt wird.


Mehrheitsentscheidungen: Um Entscheidung in Europa transparenter zu gestalten, wird ab November 2009 die doppelte Mehrheit eingeführt. Dann sollen die meisten EU-Ratsentscheidungen mit Zustimmung von mindestens 55 Prozent der Mitgliedsländer und mindestens 65 Prozent der EU-Bevölkerung fallen. Gegen eine Entscheidung kann Veto eingelegt werden, wenn mindestens vier Staaten dagegen sind. Bisland mussten viele Entscheidungen einstimmig gefält werden.

Erhöhte Quoren bei sensiblen Fragen: Bei zahlreichen Entscheidungen der Wirtschafts- und Währungspolitik und anderen Bereichen mit eingeschränkten Kommissionsbefugnissen wie Teilen der Innen- und Justizpolitik können Entscheidungen noch leichter blockiert werden. Jedem Beschluss müssen 72 Prozent der Staaten und 65 Prozent der Bevölkerung zustimmen. Diese Quoren sind deutlich höher als die Schwellen von 55 und 65 Prozent bei anderen Themen mit Vorschlagsrecht der Kommission.

EU-Parlament: Gestärkt wird die Kompetenz des Europaparlaments. Mehr Rechte erhält es in der Agrar-, Struktur-, Justiz- und Innenpolitik. Hier werden die Abgeordneten gleichberechtigte Mitgesetzgeber. Auch in Haushaltsfragen bekommt das Parlament umfassende Mitspracherechte. Als Entgegenkommen an kleinere EU-Staaten wird die Mindestzahl der Europaabgeordneten von derzeit drei pro Land auf später sechs erhöht. Große Länder müssen bei einem auf maximal 750 Abgeordnete begrenztem Parlament künftig Sitze abgeben. Für Deutschland sind das drei der gegenwärtig 99 Sitze. Die Zahl der Abgeordneten steigt von jetzt 732 Abgeordneten auf 750.

Stabilitätspakt: Deutschland setzte sich mit der Forderung durch, dass die EU-Kommission bei der Überwachung nationaler Haushaltsdefizite weniger Kompetenzen erhält als im Entwurf der Verfassung vorgesehen. Zwar darf sie künftig die Feststellung eines Defizits vorschlagen, in Bezug auf die daraus folgenden Maßnahmen kann sie jedoch lediglich eine Empfehlung aussprechen, die eine qualifizierte Mehrheit der EU-Mitglieder zurückweisen kann. Diese Frage sorgte bis zum Ende des Gipfels für heftiges Tauziehen vor allem mit den Niederlanden.

Gottesbezug: Polen und andere Länder scheiterten mit dem Versuch, einen Gottesbezug in der Präambel der Verfassung zu verankern. Stattdessen gibt es nur einen Bezug auf das "kulturelle, religiöse und humanistische Erbe Europas".

Nach der politischen Einigung von Brüssel muss der endgültige Vertragstext nun geschrieben und übersetzt werden, bevor er von den 25 Staats- und Regierungschefs der EU förmlich unterzeichnet werden kann. Danach muss die Verfassung für Europa, die künftig für über 450 Millionen Menschen gelten soll, in allen Mitgliedsländern ratifiziert werden. Dafür sind zwei Jahre vorgesehen. Ein Referendum wird es in Deutschland nicht geben.
Stand: 21.02.2005 14:05 Uhr
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Kommentar: So - nun wird vieles klarer. Offensichtlich ist wie bei der vor 6 Jahren! beschlossenen Feinstaubverordnung nun auch bei den Politikern (wie immer sehr zeitnah) aufgefallen, was das bevorstehende ratifizieren der EU-Verfassung wirklich bedeutet für die nationalen Parlamente und Regierungen - nämlich massiven Machtverlust für die nationalen (deutschen) Politiker und ebenso für die deutsche Gerichtsbarkeit. Damit dürfte dann auch der im Grundgesetz definierte deutsche Sozialstaat zur Geschichte unseres Landes gehören.
Solche massiven Eingriffe hätten nach meiner Meinung in jedem Land per Volksentscheid oder Referendum durch die Bürger zumindest mit entschieden werden müssen und auch über die Bedeutung der neben der Verfassung mitlaufenden Veränderungen informiert werden müssen. Nicht einmal für die Medien war das bislang ein Thema.
Insofern kann ich mir nur wünschen, daß die Franzosen standhaft bleiben und auch ggf. Deutschland und andere Länder, die noch nicht abgestimmt oder ratifiziert haben, das Thema verschieben, um noch wichtige sinnvolle Veränderungen einbringen zu können.
Wie Völker und Regierungen über eine Verfassung entscheiden können ohne jemals den übersetzten Text in Ihrer ureigenen Landessprache gesehen zu haben, wird mir auch ewig ein Rätsel bleiben.
Europa - das wundersame Wesen.

Betroffener
23.04.2005, 22:47
Hallo E.Schneider,
beim öffnen des Artikels werden doch oben die anklickbaren Punkte angezeigt. Einfach auf einen draufklicken und "Abstimmen" drücken.

Weitere Smilies (und Schilder) kommen.

Wenn Du Dich etwas mehr mit der Gestaltung Deiner Beiträge aus einander setzen möchtest, Klicke mal auf das blau unterlegte "BBCode".
Dann öffnet sich die Hilfefunktion zu den Formatiermöglichkeiten - oder wenn Du den Firefox als Browser benutzen solltest, gibt es dafür eine kleine Erweiterung namens BBCode KLICK MICH (http://www.arbeitslosennetz.de/forum/faq.php?mode=bbcode&sid=09e38e068fff3da960101c690d0eaf55), wo Du per rechter Maustaste Formatierungsbefehle auswählen kannst.

http://www.smiliemania.de/smilie132/00000969.gif

StephanK
30.04.2005, 05:53
will ich der Schreckensmeldung über die "Entmachtung des Bundestages" etwas entgegensetzen.
DIESES Argument gegen die Europäische Verfassung finde ich falsch und irreführend. Schon heute ist es so, dass ein nicht unerheblicher Teil des Arbeit des Bundestages darin besteht, europäische Richtlinien umzusetzen, wobei es stets Gestaltungsmöglichkeiten gibt. Diese werden oft nicht hinreichend genutzt, was aber vor allem daran liegt, dass es oft verspätet und damit in Hektik geschieht. Diese Verspätungen haben ihren Grund darin, dass das Parlament bei der Umsetzung europäischer Richtlinien in aller Regel auf Regierungsvorlagen wartet und so gut wie nie selbst initiativ wird.
Im übrigen können wir schon lange feststellen, dass gerade in wirtschaftlichen Fragen die Möglichkeiten der nationalen Gesetzgebung höchst begrenzt sind - nicht formal, sondern faktisch. Das ist eine logische Folge des Binnenmarktes. Also sollten wir uns gerade im Hinblick auf die Wirtschaft keinen Illusionen über vermeintliche nationale Regelungsmöglichkeiten hingeben. Man mag das bedauern, aber aus dem Binnenmarkt gibt es kein Zurück mehr.
Davon abgesehen gibt es aus meiner Sicht durchaus berechtigte Kritikpunkte am Verfassungsentwurf; ich sehe diese aber vor allem darin, dass der Europäischen Union ein starker militärischer Faktor hinzugefügt wird, was ich für politisch falsch halte.
Wahrscheinlich ist aber alle Aufregung unnötig, denn wie es - jedenfalls momentan - aussieht, werden unsere französischen Nachbarn dagegen stimmen - und dann ist DIESER Verfassungstext sowieso erst mal vom Tisch und die ganze Diskussion beginnt von vorne. Im Hinblick auf die Integration der zuletzt beigetretenen Staaten wäre das vielleicht gar nicht das dümmste.

Betroffener
30.04.2005, 12:37
Hallo StephanK,

ich stimme voll zu, daß die Überschrift ein wenig zu emotional ist, aber das Thema gibt es leider her :-)

Fakt ist jedoch, daß mit der Einführung der Verfassung nationale Rechte beschnitten werden zugunsten der weiteren Ausweitung von EU-Rechten (was den Menschen wohl in keinem Land auch so gesagt wurde). Es ging vordergründig immer nur um die neue zu ratifizierende oder per Abstimmung zu entscheidende Verfassung.

Das teilweise die EU Regulierungsmöglichkeiten von nationalen Stellen dazu benutzt wird, innenpolitisch Dinge durch zu setzen, die die nationalen Parlamente nie und nimmer genehmigt hätten - aber nun kommt es halt aus Brüssel - da können wir auch nichts machen ... das stinkt mir massiv.

Das weiterhin definitive Beschlüsse der Parlamente von den Regierungen gegenüber Brüssel nicht ausgeführt werden ebenso wie die Beschlüsse der europäischen Parlamentarier von den Kommissaren und Räten da einfach übergangen werden (nur mal am Beispiel Thema Urheberrecht + Softwarepatente, es gibt zig andere).

Ich halte es einfach für verfassungsrechtlich mehr als nur bedenklich, wenn die festgeschriebenen Rechte von über 400 Millionen EU-Bürgern bei der langfristig angelegten Vorratsdatenspeicherung aller Kommunikationsmöglichkeiten wegen zwei handvoll Terroristen in 25 EU-Ländern mit Füßen getreten werden sollen.

Sobald irgendwo "Terrorismus oder Kinderpornographie" dabei ist, scheint das ein Freibrief zu sein, den Bürgern alle verbrieften Rechte global massiv zu beschneiden. Von dem Gedanke der Rechtsstaatlichkeit keine Spur ( oder ist der Begriff hier eher als Richtung zu verstehen?)

ulysses
30.04.2005, 15:30
Für ein Europa dieser Form war und ist es einfach zu früh. Bewiesen wird das dadurch das es heute immer noch keine einheitlichen Netzstecker giebt. Ein Europa sollte sich wirklich erst einmal an solchen Dingen beweisen eh' es sich an solche gewaltigen Sachen begiebt wie die derzeitige Verfassung.

Die Meinung der Franzosen schlägt ja gerade wieder um, hin zu einer Befürwortung der EU-Verfassung. Ich hoffe inständig das die Franzosen ( die meine letzte Hoffnung sind und auf die ich schon lange große Stücke halte ) da keine falsche Entscheidung treffen, soll heißen: Mehrheitlich mit 'ja' stimmen'.



Weiß der Teufel ob das stimmt was ich da mit den Steckern geschrieben habe aber ich glaube es wird klar was ich sagen will. Wer rennen will soll erst einmal laufen lernen. Wenn eine solch umfassende und einschneidende Verfassung von jetzt auf gleich auf den Tisch geschmettert wird dann meldet sich gleich wieder mein Verfolgungswahn und ich vermute ganz andere Dinge hinter dem Ganzen als einfach nur ein geeintes Europa. Und tief muß ich dann nicht graben um meine Beweise zu finden ...

Betroffener
30.04.2005, 15:39
ulysses,

das mit den Steckern ist schon richtig. Sowas wie Schuko-Stecker wirst Du im gesamten Westeuropa für Strom nicht finden - dafür hat sich aber der amerikanische Standard für Netzwerke und Telefon wie RJ45 und RJ11 weltweit gut durchgesetzt :-)

Ansonsten wird ja in der EU jedes Behältnis - sei es für Tütensuppe oder Wassereimer einheitlich geregelt.

StephanK
08.05.2005, 10:46
Ja, die unterschiedlichen Netzstecker sind ein immer wieder gerne genommenes Beispiel... bei dem übrigens Viele nicht daran denken, dass es noch immer Länder gibt, die im eigenen Land unterschiedliche Stecksysteme haben. Einerseits ist diese Vielfalt natürlich unpraktisch und lässt sich auch nicht vernünftig begründen. Andererseits würde eine EU-weite Umrüstung hohe Kosten verursachen, die zum größten Teil an uns Verbrauchern hängen blieben - und eine neue Welle der Kritik an der vermeintlichen europäischen Vereinheitlichungswut wäre garantiert! Also da gibt es schon Dillemata, aus denen man nicht so leicht herauskommt.

Und stellt Euch vor, wir hätten eine europäische Norm für Netzstecker: in jedem Falle müssten den neuen Mitgliedern lange Übergangsfristen eingeräumt werden, weil von ihnen nicht vernünftigerweise verlangt werden könnte, Millionen von Steckdosen und Geräten umzurüsten.

Das bringt mich zu dem übergreifenden Problem: Die EU steht vor der riesigen Schwierigkeit, zwei Prozesse gleichzeitig zu bewältigen, nämlich die Vertiefung (also weiterreichende Integration) UND die Erweiterung. Die Vertiefung stellt gerade die neuen Mitglieder nicht nur vor praktische Probleme, sondern auch vor solche des Selbstverständnisses. Viele von ihnen waren bis vor einigen Jahren in den RGW (COMECON, die östlich-sozialistische Wirtschaftsgemeinschaft) eingebunden und wünschen sich mehr Bewegungsfreiheit, um ihre Volkswirtschaften aufzubauen und neue Märkte zu erschließen. Dort herrscht eine - meiner Meinung nach verständliche - Skepsis gegen ein Zuviel an Vereinheitlichung.

Wenn Herr Barroso nicht sowieso schon seine Haare färbt, werden ihm in der nächsten Zeit bestimmt noch einige grau werden. Und das wird mich nicht wundern... 8)

ulysses
08.05.2005, 18:05
J Die Vertiefung stellt gerade die neuen Mitglieder nicht nur vor praktische Probleme, sondern auch vor solche des Selbstverständnisses.

Und da haben wir meiner Meinung nach viel zu wenig Probleme. Vor lauter Europäisierung haben wir die nationalen Interessen völlig außen vor gelassen. Und das wird uns nun so ganz nebenher zu einem gewaltigen Problem das niemand so richtig bemerken will weil wir uns ja nur zu gerne mit Auswirkungen und nicht mit Ursachen beschäftigen.
Etwas mehr Blick auf die nationalen Interessen wäre e.g. angebracht.

StephanK
08.05.2005, 20:40
Hmm - mit den "nationalen Interessen" hast Du jetzt natürlich ein großes Fass aufgemacht und ich muss zurückfragen, was genau Du damit meinst?

Die EU ist vor 48 Jahren als Europäische WIRTSCHAFTSgemeinschaft gestartet und seitdem nach und nach ihren Aktionsradius über das rein Wirtschaftliche hinaus erweitert. Die seitdem erreichte wirtschaftliche Integration (Binnenmarkt, Währungsunion) hat dazu geführt, dass es auf wirtschaftlichem Gebiet nationale Interessen in vieler Hinsicht einfach nicht mehr gibt. Soweit es sie noch gibt, werden sie auch durchaus wahrgenommen - denke nur an Deutschlands zäh verteidigte Sondererlaubnis für seine EU-rechtlich eigentlich verbotenen Subventionen für die Kohleförderung oder die - inzwischen ausgelaufenen - Sonderregelungen für die östlichen Bundesländer.

Natürlich gibt es auch auf anderen Gebieten "nationale Interessen", z.B. am Erhalt kultureller Besonderheiten. Insoweit ist die EU aber sehr zurückhaltend und wirkt nicht gleichmacherisch - im Gegenteil: z.B. Gelder für die Förderung von Minderheitensprachen von baskisch bis sorbisch kommen (auch) von der EU.

Aber zurück zum Wirtschaftlichen: Die EU ist ein Markt von einer Größenordnung, die dem der USA vergleichbar ist. Um unter den Vorzeichen der Globalisierung (die freilich nicht "gottgegeben" ist) auf gleicher Augenhöhe mit den USA auftreten zu können, in ein ziemliches Maß an Vereinheitlichung im EU-Binnenmarkt sinnvoll.

Ich glaube, das dahinterliegende Problem ist eher so zu beschreiben, dass immer mehr Bereiche, die früher nicht marktmäßig organisiert waren, sozusagen ver-marktet werden. Ein gutes Beispiel dafür ist der ganze Bildungssektor: Die Arbeitsmärkte waren früher eine fast rein nationale Angelegenheit (von Künstlern und Top-Spezialisten abgesehen). Der europäisierte Arbeitsmarkt führt dazu, dass neue Anforderungen an das Bildungswesen gestellt werden (Mehrsprachigkeit, "Wirtschaftskompetenz", interkulturelle Kompetenz). Die Folge: Bildungsziele, die früher an (natioalen) Vorstellungen "kultivierter Menschen" ausgerichtet waren, verschieben sich in Richtung europaweite (Arbeits-)Marktgängigkeit der Absolventen. Und zwar ganz, ohne dass die EU Regelungsbefugnisse im Bildungssektor hätte: dies ist ein Werk der deutschen Kultusminister.

Diese schleichende Anpassung praktisch aller Lebensbereiche an Marktkriterien macht mir durchaus Unbehagen und Sorgen. Nur: wer hat dem etwas von Substanz entgegenzusetzen, und was?

Betroffener
08.05.2005, 23:08
StephanK,

das ist ein Bereich, wo auch ich mich wieder finde :-)

Wenn man mal das Grundgesetz und die EU-Verfassung vergleicht fällt einem schon mal der um Faktor 10 größere Umfang auf. Für den normalen Menschen liest sich das meiste ziemlich plausibel und vergleichbar, aber der Teufel steckt an vielen Teilen im Detail, wie Du als Jurist sicher schnell erkennst.

Das Wörtchen sozial fällt in der EU-Verfassung selten und es wird überall nur von freier Marktwirtschaft geschrieben, aber das "soziale" wurde weg operiert. Den "Heuschrecken" und "Arbeitsplatzverlagerern" steht also alles weit offen.

Zusätzlich sind diverse Punkte nicht innerhalb der EU-Verfassung, sondern auf Nebenkriegsschauplätzen (teilweise mit anderem Tenor) geregelt, worauf nur mit einem Link oder einer Fußnote verwiesen wird.

Da die Ratifizierung der EU-Verfassung (wieso nimmt das Teil nicht mal die Rechtsabteilung von ARD- und ZDF und/oder der Papierpresse aus einander und berichtet da kritisch drüber? Haben die alle einen Maulkorb um?) bedeutet etwas mehr als eben nur die übergeordnete Gültigkeit fü/in den Mitgliedsstaaten.

Überall findet man auf wirkliche Suche einige kleine Bröckchen, aber nie das Thema in seiner Gesamtheit mit Vor- und Nachteilen zusammengefaßt oder kommentiert dargestellt.

ulysses
09.05.2005, 03:36
Hmm - mit den "nationalen Interessen" hast Du jetzt natürlich ein großes Fass aufgemacht und ich muss zurückfragen, was genau Du damit meinst?



Um nun nicht ins Detail zu rutschen oder eben das große Fass aufzumachen, möchte ich mich ziemlich allgemein oder oberflächlich halten, so wie es auch gemeint war.
Europa, ja. An Europa mitwirken, natürlich. Einen Gegenpol zu Amerika bilden, unbedingt, ist dringend nötig. Nur warum bei den ganzen Problemen die wir so mit uns 'rum tragen in diesen Tagen, müssen wir quasi die Vorreiterrolle spielen und uns selbst darüber fast völlig vergessen. Warum halten wir unser seinerzeit noch hoch gehandeltes 'Made in Germany' nicht weiter vor die Brust und freuen uns Exportweltmeister zu sein und in unserem größten Konkurrenten aus europäischer Sicht, den größten Handelspartner aus deutscher Sicht zu haben. Gleichzeitig lösen wir zunächst mal unsere wirklich dringenden Probleme und arbeiten an Europa in dem Maße mit wie es uns möglich ist.

Ich mag mich irren. Ich verlasse mich hier auf meine Eindrücke und darauf wie ich die Dinge sehe und erlebe. Vor lauter Europa haben wir Deutschland - im vergleich zu anderen Staaten - zu sehr aus den Augen verloren.

Jetzt komme ich doch darauf obwohl ich das nicht wollte. Ich befürchte dass auch hier die Augen wieder größer als der Magen waren. Kapital und Markwirtschaft hemmungslos entfesseln und über allem tront die Raffgier.

Wenn ich mir unseren wirtschaftsfreundlichen Kanzler so zu Gemüte führe und mit welcher hemmungslosen Art und Weise er manche Dinge durchdrückt dann habe ich nicht mehr unbedingt den Eindruck dass er zum Wohle des gesamten Volkes handelt sondern von irgendwelchen Ideologien - nennen wir sie mal neoliberal - gesteuert eine einzige Verbeugung vor dem Kapitalismus macht. Und das ist eben das was für Deutschland zur Zeit unpassend ist weil wir noch andere Probleme zu lösen haben. Wiedervereinigung, Wiedergutmachung ect.