Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : "profiling" - Amtssprache deutsch?
Profiling
Habe ich nicht als deutscher auch ein Recht auf eine deutsche Amtssprache. Ich möchte hier nicht die „braune Soße“ (Stephank) aufrühren, die ich lieber über einem guten Schweinsbraten sehe. Nein, wenn ich eine/n Ausländer/in in Deutschland heirate muß ich mindestens eine fette Gebühr für eine Übersetzung der Geburtsurkunde zahlen. Da gibt es nur vier oder fünf Wörter, wie Date of birth zu übersetzen, die jeder Beamte kennen sollte. Jetzt muß ich mich mit diesen eingedeutschten Begriffen, die mir teilweise echt aufstoßen, rumquälen? Sollte jeder kennen! Klar!? Aber muß ich das?
:fighten:
StephanK
28.01.2006, 22:49
Über das EngDeutsch der BA haben sich schon viele lustig gemacht oder aufgeregt, und die Liste der schlechten Beispiele ist lang - angefangen mit dem JobCenter und letztlich bis hin zum Namen der BA selbst. Eine englische agency ist nämlich etwas anderes als die Agentur im herkömmlichen Begriffsverständnis.
Sprich es einfach mal an, wenn Du das nächste mal am help desk bei Deinem Agenten :!: bist. Bisher hatten nur Künstler so was...
Angesichts der "Verfolgungsbetreuung" gewinnt der Agenten-Begriff freilich ein ganz anderes G'schmäckle.
Aber ich lasse gerade meiner polemischen Ader wieder freien Lauf ... dabei sollte ich hier doch immer hübsch sachlich bleiben... :wink:
@ StepanK
Ich meine das wirklich ernst. Wie ist das mit der Amtssprache. Hat vieles ordentlich Geld gekostet. Und jetzt kommen die mir mit diesen Begriffen, die sie aus einem Magazin geklaut oder einer Werberagentur für teures Geld abgekauft haben. Entweder Oder?! :??:
PS.
Vieleicht kennst du von Laurie Anderson den Titel "Language is a Virus"
StephanK
30.01.2006, 11:41
Ich habe diese Nebendiskussion mal verselbständigt und in die Plauderecke verschoben - wenn's recht ist.
Natürlich ist die Amtssprache deutsch.
Mir geht dieser vermeintlich modisch-chicke Sprachschnickschnak auch auf den Geist - und auf der anderen Seite bin ich keineswegs frei davon.
Wenn man offizielle Texte von vor hundert Jahren liest, fallen einem viele französische Fremdwörter auf (Bureau, Comptoir usw.). Ein Teil hat sich in unserer Alltagssprache festgesetzt, wird nicht mehr als Fremdwort empfunden und wurde in der Schreibweise "germanisiert" (Büro statt Bureau). Das Comptoir hingegen ist in der Rumpelkammer verschwunden.
Was lehrt uns das? Ich denke, vor allem Gelassenheit. Sprachmoden sind nicht so sehr anders als Kleider-Moden. Unsere Eltern oder Großeltern haben noch gegen Jeans gewettert - und tragen sie heute selbst, weil sie praktisch sind. Brauchbares setzt sich durch, Schnickschnack verliert sich mehr oder weniger schnell wieder.
Neben dem Modeaspekt steckt aber hinter der Anpassung der Arbeitsverwaltung an den Sprachgebrauch der Wirtschaft natürlich auch eine gezielt betriebene Anpassung an die Wünsche der Wirtschaft - vielleicht an eine Auslieferung an diese und ihre rein ökonomische Denkweise. Und das ist dann nicht nur Mode, sondern ein Politikum.
Gegen die Verschiebung lege ich bei dir besser keinen Widerspruch ein! :oops:
Vor hundert Jahren war ich noch sehr flüssig und konnte nicht lesen.
Heute wäre ich gern liquide.
Die Franzosen haben ihre Sprache doch gut in der Küche plaziert. Trotzdem werden die Argegeschöpfe keine 70 Euro für einen Vereidigten Übersetzer ausgeben der mir profiling oder coaching näher bringt. Da machen die sich lieber selbst zum Pingui für Arme.
Ich werde mal ein paar dieser Wortschöpfungen für das nächste Schreiben ans Amt sammeln.
Nach dem paper checken die vielleicht, daß ich nicht gecoacht werden will. Bin auch so busy enough meine Rechte abzudaten.
:-x
StephanK
30.01.2006, 15:42
Die Gegenüberstellung von flüssig und liquide war ein erhellendes und positives Beispiel: Manchmal hat das Ausweichen auf einen eigentlich synonymen fremdsprachigen Ausdruck eine vernünftige, weil differenzierende Funktion. Hinter vielen Neologismen steckt aber nur Aufgeblasenheit - oder wortschöpferische Faulheit. In Sachen Wortschöpfung könnten wir uns ein Beispiel an unseren französischen Nachbarn nehmen, die nicht so schnell und unterhinterfragt englische Begriffe übernehmen.
Die BA hingegen reproduziert den aufgeblasenen newspeak der Manager-Kaste (zu der ich dann aber nur ungerne "Gesellschaftsschicht der Verwalter" sagen würde... :wink: ), um die Behörden-Anmutung loszuwerden und sich als "dynamisch" und "am Puls der Zeit" bzw. "am Puls des Marktes" darzustellen. Es ist ganz ähnlich wie bei der (ebenso anglizismenanfälligen) Deutschen Bahn: In den Amtsfluren und den alten Waggons (frz. ! :wink: ) herrscht der gleiche alte Mief und Muff.
Die Vereinnahmung allein durch das ökonomische Prinzip (mir unsympathisch) gilt als letzter Schrei der Modernität und muss dann mit der Marktschreier-Methoden der (ebenso anglizismenanfälligen) Werbe-Branche an Mann und Frau gebracht werden. Ich fürchte, diese Weises und Mehdorns und wie sie alle heißen nehmen das am Ende auch noch Ernst und halten es wirklich für einen Ausbund an Modernität, was doch nur Gedankenarmut und die Unfähigkeit ist, sich gegen einen Trend (sic!) zu stemmen.
War gerade beim Anti-Aging-Berater und habe mir die Haare friedhofsblond werden lassen. Sieht kultivierter aus. Vonwegen mit 22 ist man geistig noch flexibel.Dabei habe ich dann über deine Worte und die Kultivierung der dt. Sprache nachdenken können.
Eine reglementierende staatliche Instanz wünsch ich mir nur da, wo mir dauernd das SGB II unter die Nase gerieben wird. Beim guten alten Arbeitsamt. Das waren noch Zeiten.
Ja, in der Mehrzahl bereichern Anglizismen den deutschen Wortschatz, da sie neue Gegenstände und Sachverhalte, die im Deutschen noch keine Bezeichnung haben, knapp und präzise benennen. In der fach- und gruppeninternen Kommunikation ist der Gebrauch von Anglizismen meiner Ansicht nach unproblematisch. Fragwürdig wird es, wenn, wie du schon sagtest, die Werbung sich dem Zeitgeist verpflichtet fühlt, das Geld riecht und die Verständigung erschwert, oder gar unmöglich macht.
Und in der Plauderecke wird es richtig kompliziert, weil hier das Wort chatten es treffender beschreibt als das Wort plaudern. Chatten präzise: schriftlich über Tastatur und Bildschirm mit anderen Personen im Internet in Echtzeit kommunizieren!
Da haben wir den Salat
Die Verwendung von plaudern anstelle von chatten ist also nicht ausreichend und damit auch nicht angemessen, denn nur mit Hilfe der längeren Umschreibung kann ausgedrückt werden, daß die Unterhaltung zwar in Echtzeit, also nahezu gleichzeitig, nur verzögert um den Zeitaufwand für das Eintippen des Textes, aber eben nur über das Internet stattfindet.
Nun im Ausland zeichnet man im Allgemeinen ein gutes Bild von der Lage in Deutschland. Das liegt aber wohl auch daran das die vieles nicht mehr übersetzen können.
Denen geht es gut, die haben sogar das Arbeitsamt abgeschafft, haben sich zusammengetan in einer Arbeitsgemeinschaft und sind beschäftigt.
:akkordeon:
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