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Pulloverschwein
04.05.2005, 22:52
Auf dem Arbeitsamt in Dachau

Da mein Arbeitsverhältnis an der TU München aufgrund eines befristeten
Arbeitsvertrages am 29.02.04 endete,
nahm ich meine Rechte als deutscher Staatsbürger wahr und meldete mich arbeitslos.
Um an das Arbeitslosengeld zu kommen, muss man sich allerdings einmal zwangsberaten lassen.

Man bekommt also irgendwann mal eine schriftliche Einladung, bzw. Vorladung und muss dann zu diesem Termin erscheinen.

Am Freitag, dem 05.03.04 fand also mein großer Auftritt in der Bundesagentur für Arbeit in Dachau statt.

Ich erscheine pünktlich um 10:00, klopfe an die Tür meiner persönlichen Beraterin
aber es ist noch niemand da. Ist auch nicht weiter schlimm, dann warte ich halt noch ein wenig. Kurz darauf kommt die Bundesagentin für Arbeit den Gang herunter, schließt die Türe auf,
an der ich geklopft habe und geht hinein.
Ich denke mir "coole Sache" und gehe hinterher.
Ohne sich umzudrehen sagt sie:
"Herr Streifinger"
"Ja"
"Sie haben einen Termin?"
"Ja"
"Sie werden aufgerufen!"

Na gut, geh ich halt wieder raus und mach die Tür hinter mir zu. Gleich drauf geht die Tür wieder auf:

"Herr Streifinger!"

GRMPF.
Ich kämpfe ein wenig gegen meinen dicken Hals, beschließe aber, höflich
zu bleiben und trete ein.

Ich: Guten Morgen.
Bundesagentin für Arbeit: -Sie schaut mich nicht mal an. Starrt nur einige Minuten auf ihren Monitor und blättert irgendwo rum.

Bundesagentin für Arbeit: Sie sind Diplom-Informatiker?
Ich: Ja.

Sie versucht auch gar nicht, irgendwie höflich zu wirken. Sie spricht es nicht aus, aber es ist ganz klar:
"Ich entscheide selber, zu wem ich höflich bin.
Und Du lästiger arbeitsloser Winsler gehörst heute nicht dazu."

Bundesagentin für Arbeit: Sie wollen eine Stelle als Projektingenieur?

Pause. ---

Das geht ja gar nicht!
Ich: Warum soll das nicht gehen?

Bundesagentin für Arbeit: Sie haben ja gar keine Ausbildung.
Häää ???

Ich: Nun gut, ich habe promoviert. Ich glaub schon, dass das eine Ausbildung ist.

An dieser Stelle muss man anmerken, dass ich bereits bei meinem ersten Termin schon diverse Formulare ausgefüllt habe und meinen Lebenslauf, natürlich mitsamt der Ausbildung ausführlich geschildert habe.
Ebenso wie diverse sonstigen Kenntnisse, die mich für eine etwaige Anstellung qualifizieren könnten.

Bundesagentin für Arbeit: Sie sind Informatiker!

Wie kommen Sie auf die Idee, eine Stelle als Projektingenieur zu
bekommen?
Ich: Na ja, ich habe eben promoviert und denke,dass so eine Stelle ganz gut zu meiner Ausbildung passen würde.

Bundesagentin für Arbeit: Ja was promoviert? Sind sie Techniker?

Das ist zuviel.
Ich muss laut lachen. Ja, klar. Ich hab mein Diplom gemacht und
dann als Weiterbildung noch in drei Jahren den Techniker drangehängt. Eigentlich wollte ich noch meine Gesellenprüfung machen, bevor ich mir einen Job als Projektingenieur suche.

Ich: Nein, ich bin kein Techniker. Ich habe promoviert. Ich habe eine Doktorarbeit geschrieben und bereits im Dezember eingereicht.
Bundesagentin für Arbeit: Ja wie Doktor? Das hätten Sie schon angeben
müssen.
Ich hab’s angegeben...
Ich: -

Sie liest wieder auf Ihrem Monitor...

Bundesagentin für Arbeit: Seit Dezember 2000 Promotion an der TU
München. Ja und? Als was? Glauben Sie, das
kann ich riechen?
Riechen wirst Du's nicht können, aber lesen vielleicht. Ich hab’s jedenfalls auch
angegeben... Langsam geht’s mir auf die Nerven... Ich versuche trotzdem ruhig zu
bleiben. Wenn ich jetzt mit dem Fachgebiet Höchstfrequenztechnik ankomme, dreht
die Agentin hohl...
Ich: In Hochfrequenztechnik

Bundesagentin für Arbeit: Ja und? Was ist das?
Ich: Hochfrequenztechnik ist ein Teil der
Elektrotechnik und die wiederum ist ein
Ingenieursfach.

Bundesagentin für Arbeit: Was haben Sie denn nun studiert?
Macht die das mit Absicht?
Ich: Ich habe Informatik studiert und in
Hochfrequenztechnik promoviert.
Meine persönliche Agentin verzieht das --- nennen wir es Gesicht, schüttelt den
Kopf, schnauft laut und tippt irgendwas in den Rechner.

Bundesagentin für Arbeit: Was haben Sie für Berufserfahrung?

Aha. Promotion in einem Ingenieursfach und eine Bewerbung als Projektingenieur
geht also scheinbar zusammen. Oder sie hat aufgegeben.
Wenn ich Ihr jetzt erzähle, dass ich frisch von der Uni komme und daher KEINE
Berufserfahrung habe, platzt sie. Also bin ich gaaaanz vorsichtig.
Ich: Was habe ich denn zur Auswahl? Oder soll
ich einfach mal aufzählen, was ich alles
gelernt habe?
Bundesagentin für Arbeit: Ja, erzählen Sie mal.
Mist. Das wird nicht leicht. Aber vorsichtig sein kommt gut an. Die Agentin wird
etwas ruhiger.
Ich: Puuh. Das ist ein weites Feld.

Bundesagentin für Arbeit: Haben Sie PC-Kenntnisse?
Neiiiin, ich muss sterben. Ich fall fast vom Stuhl vor lachen.
Ich: Entschuldigung. Ich habe fünf Jahre
Informatik studiert. Ich denke schon, dass ich
PC-Kenntnisse hab.
Lachen war nicht gut. Die Agentin verspannt sich wieder.
Bundesagentin für Arbeit: Ja was können Sie denn?
Na gut, ich versuche wieder ernst und freundlich zu bleiben.
Ich: Ich habe sehr gute Kenntnisse in
verschiedenen Office-Paketen, Datenbanken,
Programmierung, ...
Die Agentin fällt mir ins Wort. Ich glaub, sie hat irgendwas gehört, das sie auch
kennt.
Bundesagentin für Arbeit: Datenbanken? Welche Datenbanken kennen
Sie denn?
Ich: Alle.
Jetzt ist sie richtig sauer. Sie schreit mich fast an.

Bundesagentin für Arbeit: Alle? Wissen Sie eigentlich, wie viele
Datenbanken es gibt? Soll ich etwa
hinschreiben, ALLE?
Gibt’s da echt so viele?
Ich: Ich habe fünf Jahre lang Informatik studiert.
Ich weiß ziemlich gut, wie viele Datenbanken
es gibt. Wissen Sie, wie das Studium angelegt
ist? Da lernt man die Grundlagen. Ich KANN
mit ALLEN Datenbanken arbeiten.
Jetzt ist sie beleidigt, oder so was.

Bundesagentin für Arbeit: Na gut, schreib ich rein ALLE.

Nach einer kurzen Pause wird sie wieder unglaublich laut. Ich glaub, sie denkt, sie hat mich jetzt erwischt.

Bundesagentin für Arbeit: Und Programmiersprachen? Soll ich da auch
reinschreiben alle?
Also eigentlich ist mir scheißegal, was Du da reinschreibst. Job bekomme ich von Euch eh keinen.
Mit meinen PC-Kenntnissen reicht's höchstens zur Sekretärin.
Ich: Nein, nicht alle. C, C++, Cobol. Diverse
Skriptsprachen, aber wieder zu viele, um sie
aufzuzählen. Außerdem habe ich sehr gute
Unix Kenntnisse.

Bundesagentin für Arbeit: Was JUNIK? Was ist denn JUNIK?
Doch, sicher. Das ist Absicht. Ich muss aber trotzdem ziemlich lachen. Das macht sie natürlich wieder sauer.
Es wird wohl noch ein Weilchen dauern, bis ich ihr Lieblings-Arbeitsloser bin.
Ich: Ich buchstabiere: U-N-I-X. Das ist ein
Betriebssystem.

Bundesagentin für Arbeit: Wenn Sie bei uns geführt werden wollen,
dann müssen Sie mir schon diese Fragen
beantworten.
Wo willst Du mich denn hinführen?
Ich: Ja schon klar. Ich denke aber, ich kümmere
mich besser selber um einen Job. Sie
brauchen mich nicht zu vermitteln.
Dann wollte ich noch wissen, wann ich wohl mit meinem Arbeitslosengeld rechnen kann.

Dazu konnte die mir aber keine Auskunft geben.
Wahrscheinlich hatte sie auch gar keine Lust mehr.

An den Leser:
Das ganze ist tatsächlich so gewesen, wies da steht.
Ich habe keine Konversation dazugedichtet oder weggelassen.

Falls Du Herr Gerster oder Herr Schröder heißt, dann ruf mich mal an.

Ich weiß jetzt, wo das viele Geld hin ist.

Betroffener
05.05.2005, 00:27
@Pulloverschwein,

wen ich Deinen Beitrag so lese, erinnert mich das sehr an meine Besuche beim Arbeitsamt (damals hiessen die noch so).

Nur war die Arbeitsvermittlerin Frau S. noch älter als ich und hatte erhebliche Probleme mit dem Computer. Allerdings ansonsten eher eine liebe nette Person.

Das Gespräch verlief aber dann relativ ähnlich, nur konnte ich mit mehr bekannten Begriffen "punkten".

So richtig weitergebracht hat das aber keinen. Da hätte ich auch mit jemandem an der Ecke übers Wetter reden können.

ulysses
05.05.2005, 03:11
Köstlich köstlich !!

Bei mir lief es seinerzeit gerade anders herum. Die Titel die mir der Herr verpassen wollte wurden immer toller. Ist aber auch nicht ganz verkehrt da die Stellenausschreibungen ja ungemein speziell sind.

Na ja, genutzt hat das so und so nichts. *gg*

StephanK
14.05.2005, 17:13
Wenn man so liest, was für 'ne herrliche Glosse der Herr Streifinger hier reinschreibt und dann an die Streiflichter in der Süddeutschen Zeitung denkt, könnte man glatt auf die Idee kommen, er sei womöglich für den trockenen Informatikerberuf zu feucht und sollte besser lieber die Zeitungen der Republik mit seinem trockenen Humor verbessern... :applaus:

Aber mal im Ernst: Der Ausdifferenzierung der Arbeitswelt und der immer weiter gehenden Spezialisierung sind jedenfalls die Arbeitsagenturen vor Ort schon lange nicht mehr gewachsen. Das Konzept der Fachvermittlungsdienste hat wohl auch nix gebracht, und die ZAV ist halt "Z" und damit für die allermeisten vor allem weit weg. Dass die Arbeitsverwaltung diesem Ausdifferenzierungsprozess ziemlich hilflos hinterherläuft kann man schön daran sehen, dass die Berufsklassifikation immer mehr Unter-Nummern bekommt - und trotzdem ein starres Schema bleibt, in das das Kunterbunt einer sich wandelnden Wirtschaft nicht hineinzupressen ist.

Wahrscheinlich ist es auch ein grundlegender Webfehler, dass die Leute in den Arbeitsagenturen nach hauseigener Ausbildung (die BA betreibt ja eine eigene Fachhochschule) in die Vermittlung gehen und die raue Wirklichkeit der Wirtschaft kaum je aus eigenem Erleben kennenlernen. Aber welcher ... sagen wir mal: Elektronik-Meister, der schon ein paar Jahre Azubis ausgebildet hat, sagt schon: so, ich mach' jetzt mal ein paar Jahre was andereres und gehe als Vermittler zur Arbeitsagentur. Schlechterdings undenkbar! OK, seine Funktionäre (Handwerksinnung) mischen bei der BA mit, bringen aber offenbar auch nicht die Praxisnähe hinein, die dort fehlt. Und viele nicht-traditionelle Berufe, die ausserhalb des Innungs-, Kammer- und sonstigen Zunftwesens stehen, fallen dabei sowieso durch's Raster. Irgendwie frage ich mich schon manchmal, ob dieser Laden überhaupt reformierbar ist. (Gerster vermutlich auch, nur darf er's nicht sagen....)

ulysses
14.05.2005, 19:07
Traut man den Leuten die sich damit wirklich auskennen ist der Laden nicht reformierbar weil schon viel zu lange verfilzt.
Besserung bei der Vermittlung könnte man vielleicht erzielen wenn die Vermittler fachbezogen arbeiten würden und nicht wie bisher nach Anfangsbuchstaben der Delinquenten. Zumindest wäre das ein Anfang.

Woodstok
31.10.2008, 17:21
Auszug aus der Website von M. Streifinger:<o></o>
<table border="0" cellpadding="5" width="90%"><tbody><tr><td align="justify">Nachdem sich nun die Wogen wieder geglättet haben und ich ständig per Email nach meiner Geschichte gefragt werde, habe ich mich entschlossen, sie wieder reinzustellen. Nichtsdestotrotz möchte ich aber darauf hinweisen, dass ich diese Geschichte nicht als Rache oder sowas sehen möchte, sondern einfach als ... äh ... sagen wir: lustigen Tatsachenbericht.
Ich bin mir sehr wohl darüber im klaren, dass die Berater ein recht hohes Frustpotential haben müssen und dass einem die "Kunden" schonmal pauschal auf die Nerven gehen können. </td></tr> <tr><td align="justify"> Ich bitte also darum, die Geschichte mit einem Augenzwinkern zu lesen und von weiteren Beschimpfungen meiner Person Abstand zu nehmen. ;-) </td></tr> <tr><td align="justify"> Abschliessend noch kurz eine kleine Übersicht über die Ereignisse:
<table border="0"> <colgroup> <col width="100"><col width="400"> </colgroup> <tbody><tr><td align="center" valign="top">KW6: </td><td>56 Zugriffe vom Arbeitsamt</td></tr> <tr><td align="center" valign="top">KW7: </td><td>32 Zugriffe vom Arbeitsamt</td></tr> <tr><td align="center" valign="top">KW8: </td><td>9 Zugriffe vom Arbeitsamt</td></tr> <tr><td align="center" valign="top">04.03.05:</td><td>Ein alter Freund hat mich aus Karlsruhe angerufen und mich gefragt, ob ich etwas mit der Arbeitsamtgeschichte zu tun habe, die er gerade per Mail bekommen hatte.</td></tr> <tr><td align="center" valign="top">KW10: </td><td>124 Zugriffe vom Arbeitsamt</td></tr> <tr><td align="center" valign="top">11.03.04:</td><td>Gästebucheintrag vom Arbeitsamt</td></tr> <tr><td align="center" valign="top">17.03.05:</td><td>Hab die Geschichte zum ersten Mal selbst per Email bekommen.</td></tr> <tr><td align="center" valign="top">KW11: </td><td>18 Zugriffe vom Arbeitsamt </td></tr> <tr><td align="center" valign="top">22.03.05:</td><td>Die Geschichte hat unsere Firma erreicht</td></tr> <tr><td align="center" valign="top">KW12: </td><td>54 Zugriffe vom Arbeitsamt</td></tr> <tr><td align="center" valign="top">29.03.05:</td><td>Ich wurde per Gästebuch übel beschimpft. Absender war jedesmal das Arbeitsamt. (Ich hab mir die IP-Adressen vorsichtshalber mal aufgehoben.)</td></tr> <tr><td align="center" valign="top">29.03.05:</td><td>Bei Google-Suche nach "arbeitsamt dachau": Platz drei.</td></tr> <tr><td colspan="2" align="center">Danach ging alles recht flott. Die Geschichte ist x-fach kopiert im Netz und Gegenstand zahlreicher Diskussionsforen. (Anmerkung: Dachau liegt nicht im Osten).</td></tr> <tr><td align="center" valign="top">Juli 05:</td><td>In der Juli-Ausgabe der Wirtschaftwoche wird die Geschichte erwähnt. Ich finde, die hätten mich wenigstens fragen können, wenn sie schon meinen Namen abdrucken.</td></tr> <tr><td align="center" valign="top">Dezember 05:</td><td>In der Dezemberausgabe der Betriebsrat-Zeitung der DLR wurde meine Geschichte abgedruckt.</td></tr> </tbody></table> </td></tr> <tr><td align="justify"> Die Frage ist nun allerdings: Wenn ich jetzt noch einmal arbeitslos werden, brauche ich dann eine neue Identität oder reicht ein Umzug zu einem anderen Arbeitsamt?</td></tr></tbody></table> Quelle (http://www.streifinger.de/HumorPics/arbeitsamt.html)