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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Unterschicht und Prekariat


efge
17.05.2007, 11:05
Es wäre ein Leichtes, die im vergangenen Jahr begonnene Unterschichten-Debatte als pure mediale Aufgeregtheit abzutun. Ausgelöst wurde sie durch eine Interviewäußerung des SPD-Vorsitzenden und Rheinland-Pfälzischen Ministerpräsidenten Kurt Beck, der von "neuen Unterschichten" gesprochen hatte. Sofort aufgegriffen und skandalisiert von so vertrauten Medien wie der BILD-Zeitung oder RTL II, brach ein wahrhafter "Unterschichten-Tsunami" über das Land herein, wie es der Sozialwissenschaftler Jens König nannte.

Gewinner und Verlierer
Stationen der deutschen Unterschichten-Debatte
Von Bernd Ulrich


Kaum in die Welt gesetzt, verschwand der Begriff der "neuen Unterschichten" denn auch schon wieder aus der Debatte. Und wurde ersetzt durch den des "Prekariats", wahlweise auch den des "abgehängten Prekariats". Ein hübsch wissenschaftlicher Terminus, der, so der Schriftsteller Max Goldt in seiner monatlichen Kolumne in der Satirezeitschrift "Titanic", wohl auch deshalb so praktisch ist, weil, so Goldt: "diejenigen, um die es geht, die vermeintlich Chancenlosen, eigentlich eher Lethargischen und Resignierten, die nicht mehr kochen und haushalten können und daher früh dick und krank werden und nicht mehr arbeiten können, gar nicht mehr merken werden, wenn von ihnen die Rede ist, denn ihr Interesse an neuen soziologischen Fachtermini ist traditionell gering."

Doch ungeachtet solch berechtigter Ironie bezeichnen der Terminus "Prekariat" und die mit ihm verbundenen Begriffe der "Exklusion" und "Inklusion", mithin der Prozess zwischen sozialer Aus- und Einschließung, zwischen Teilhabe und Nichtteilhabe, kurz: zwischen Gewinnern und Verlierern eine soziale Realität. Und zugleich eine neuerliche Veränderung in den Beschreibungskonzepten sozialer Ungleichheit. Sie bemisst sich nicht mehr allein am Einkommen, an der Bildung oder an der Wohnungssituation, sondern auch daran, inwieweit Menschen noch Anschluss an den gesellschaftlichen Hauptstrom haben oder ins soziale Niemandsland abrutschen. Neben "Oben" und "Unten" sind nun "Drinnen" und "Draußen" als Faktoren in der Schichtung der Gesellschaft ebenso von Bedeutung wie der ganz auf die Veränderungen innerhalb der Erwerbsarbeit zielende Begriff der Prekariarität: Für immer mehr Menschen, nicht zuletzt aus den Mittelschichten, hat sich die Arbeit, so wiederum der Soziologe Berthold Vogel, "zu einem prekären Ort der sozialen Vorläufigkeit und Widerruflichkeit entwickelt". Die aktuellen Auseinandersetzungen um Kombi- und Mindestlöhne sind darauf nur die vernehmbarsten Reaktionen.


Quelle: DLF (http://www.dradio.de/dlf/sendungen/essayunddiskurs/626052/)

Upsala
17.05.2007, 13:43
Viel Wortakrobatik um „Stationen“, die wie ich meine die Mehrheit der Betroffenen nicht erreicht und auch vielleicht nicht erreichen kann, weil sie schon abgehängt sind, wobei Unten halt Unten ist, auch im internationalen Vergleich.

Der letzte Absatz macht mich jedoch etwas stutzig, weil im Zusammenhang mit dem G-8 Gipfel auch schon einige Vermutung auftauchten, die in eine ähnliche Richtung gehen.

Fest steht, dass die drohenden Gefahren sozialer Ungleichheit - ob manifest in sichtbarer Verelendung oder bloßer Abstiegsangst - für den gesellschaftlichen Zusammenhalt unserer wie aller westeuropäischen Demokratien unabsehbar sind. Die Alarmzeichen haben mittlerweile auch jene Planungsstäbe erreicht, die für die europäischen Regierungen Zukunftsszenarien fertigen. So war kürzlich in der englischen Presse von einem für das Verteidigungsministerium verfassten Papier zu lesen, in dem behauptet wird, dass in naher Zukunft der Krieg der Staaten durch den der Klassen abgelöst werden würde. Die Mittelklassen würden dabei europaweit zur revolutionären Klasse und an die Stelle des mittlerweile allenfalls noch im Museum zu bestaunenden, klassenbewussten Proletariats treten.

Wenn man dann in der Telepolis in einem Artikel von Peter Bürger
Der Charme des Widerstands (http://www.heise.de/tp/r4/artikel/25/25295/1.html) weiterliest kommt man zu diesem Absatz:

Zur Angesagtheit des Protestes ist noch ein anderes Feld zu beachten. Ein – integrer – Mann wie Heiner Geißler darf als christlicher Politrentner das Übel "Kapitalismus" beim Namen nennen und dies zuweilen sogar im Fernsehen. Andere hingegen, die der Sache nach den gleichen Klartext sprechen, finden sich unversehens ins Lager von Terroristen eingereiht.
Dennoch wächst das Unbehagen im so genannten Bürgertum. Vielleicht werden bald mehr Leute nicht mehr sagen "aber man kann ja nichts machen", sondern "man müsste was machen" und schließlich "lasst uns jetzt was machen". Dagegen will man was tun und die Befürchtung teilt wohl auch Jürgen Rose. Jürgen Rose ist Oberstleutnant der Bundeswehr und Vorstandsmitglied des Arbeitskreises Darmstädter Signal, einer Vereinigung kritischer Offiziere und Unteroffiziere der Bundeswehr
Ich habe das schon 2005 »Antreten zum Klassenkampf« genannt. »Terrorismus« ist ein Tarnbegriff, der gebraucht wird, um die gewaltsame Durchsetzung der Globalisierung zu legitimieren. »Terrorist« ist heute jeder, der gegen die etablierten Macht-, Wirtschafts- und Besitzverhältnisse angeht. Nicht nur gewaltsam, sondern auch schon verbal. Das ist eine uferlose Ausdehnung des Terrorismusbegriffs. Offenbar befürchtet man, daß die Bevölkerung irgendwann rebellisch wird und die Villen in den Vorstädten brennen. Für diesen potentiellen Bürgerkrieg will man vorbeugen.
junge Welt (http://www.jungewelt.de/2007/05-16/057.php)

Ich fürchte dann heißt es nicht nur Gute Nacht G8…
:-T

efge
17.05.2007, 14:08
Von daher passt ja auch Schäubles Schreckensliste (http://www.arbeitslosennetz.de/forum/showthread.php?t=40883) gut dahin. :x