Colatrinker
14.05.2005, 16:31
Erfahrungsbericht:
Sehr gastlich ist das Arbeitsamt leider nicht.
Beim ersten Mal, da tut’s noch weh ...
Von Bettina Schmidt
Erfahrungsbericht: Sehr gastlich ist das Arbeitsamt leider nicht. Es gelingt mir immerhin,vier bekannte europäische Fremdsprachen zu orten.“
Es ist soweit. 30 Jahre erfolgreiches Berufsleben liegen hinter mir. Vor mir steht Hartz vier beziehungsweise erst einmal das Arbeitsamt,
das seit Florian Gersters segensreichem Wirken Agentur für Arbeit heißt und deshalb bereits im Eingang einen Service-Schalter hat für solche, wie ich es ab jetzt bin.
(Ich weiß zwar, dass wir inzwischen stattliche fünf Millionen zählen und ich mit über 50 keine Chance mehr habe, trotzdem muss ich zugeben, dass es mir bei diesem Debüt an der nötigen inneren Gelassenheit fehlt.)
An einem Montag im zweihundertsten Todesjahr von Friedrich Schiller drängt sich Leib an Leib, frei nach den Worten des Dichters:
„Wer zählt die Völker, nennt die Namen, die gastlich hier zusammenkamen“. Gar so gastlich ist es dann doch nicht, die an der Wand befestigten Plastikstühle sind alle besetzt, und die Schlange am Service-Schalter ringelt sich bis auf die Straße.
Die nächste steht vor dem Tresen, hinter dem der Anfangsbuchstabe meines Namens verwaltet wird. Leider beginnt mein Name weder mit Q noch mit X.
Entsprechend viele Leute stehen vor mir.
Im Wartebereich, einer mit robusten Grünpflanzen dekorierten Mischung aus Bahnhofswartesaal,
Zahnarztvorhölle und antiautoritärem Kinderladen, probieren die mitgebrachten Kleinen, ob sich meine Knie für die Erlangung des aufrechten Gangs eignen. (Tun sie.)
Andere üben das flotte Krabbeln um meine und anderer Leute Knöchel. Überforderte Mütter sind ihnen mit lautstarken Mahnungen auf den Fersen.
Später geben sie auf und schließen genervt die Augen.
Es gelingt mir immerhin, vier bekannte europäische Fremdsprachen zu orten, mehrere deutsche Dialekte ohnehin.
Wie auch ich verstecken sich einige der Wartenden verschämt hinter Zeitungen. Ich habe für diese Zwecke die „Zeit“ mitgebracht.
Hinter der kann man sich im Bedarfsfall sogar umziehen.
Wer an diesem Montagmorgen Lesestoff und Essen mitgebracht hat, ist auf der sicheren Seite.
Es dauert viele Viertelstunden, bis man aufgerufen wird.
Ich muss gestehen, dass ich mich davor fürchte, hier ausgerechnet auf den Direktor des Arbeitsamtes zu treffen.
Schließlich sitzen wir seit Jahren im Konzert immer nebeneinander, und seiner Frau habe ich erst neulich ein in Vergessenheit geratenes regional besonderes Spargelrezept versprochen ...
Während ich warte, beginnt der nervöse Druck auf meine Blase unangenehm zu werden. Darf ich mich von meinem Stuhl erheben und zur Toilette gehen?
Was ist, wenn ich während meiner Abwesenheit aufgerufen werde?
Muss ich dann zur Strafe warten, bis auch der Letzte abgefertigt worden ist?
Ich wage es einfach und verlasse meine Plastikschale, die sofort von einem Krabbelkind erobert wird, und stehe vor zwei Türen, von denen ein Hinweisschild behauptet, dass sich dahinter Toiletten verbergen.
An der einen Tür steht ein L, an der anderen ein G.
Ich bin zutiefst verunsichert und muss jetzt dringend herausfinden, hinter welcher dieser Türen sich kein Pissoir befindet.
Das wird doch wohl zu schaffen sein, schließlich habe ich studiert, Kinder großgezogen und über Jahrzehnte immer einen prima Job gemacht, rede ich mir gut zu.
Mein Englisch-Staatsexamen hilft leider nicht, obwohl es das tun müsste,
denn die Buchstaben L und G stehen für Lady and Gentleman, was könnte nahe liegender sein?
Da habe ich in meiner Not die Tür mit dem G schon geöffnet.
Als ich endlich aufgerufen werde, erhalte ich in einem angenehm schmucklosen Büro einen blassblauen Bogen, in dem ich
– relativ schnell wieder draußen – mein bisheriges Berufsleben einzutragen habe.
Handschriftlich.
Eine nette junge Frau überträgt meine Angaben in ihren PC. Hätte ich das nicht von zu Hause per E-mail machen können, und wären uns allen damit nicht Stunden erspart worden?
Beim Übertragen meiner Angaben gibt es ein Problem: Ich bin Dramaturgin von Beruf, und das seit vielen Jahren.
Die nette junge Frau hat von diesem Beruf noch nie gehört oder gelesen und buchstabiert stirnrunzelnd halblaut vor sich hin: „Dram, Dramma, Dram … aturgin? Was soll das denn sein?“
Ich erkläre es ihr, sie schaut weiterhin skeptisch und rückt mit ihrem rollenden Schreibtischstuhl ins tinktiv von mir ab. Ihr PC, um Rat befragt, verrät ihr, dass es diesen Beruf sowohl am Theater als auch bei Film und Fernsehen gibt.
Jetzt glaubt immerhin auch sie, dass ich einen tollen Job verloren habe. Mir war diese Tatsache bereits bekannt.
Nun bin ich offiziell Klientin der Agentur für Arbeit, habe eine eigene Nummer und trage leider dazu bei, dass sich die Arbeitslosenzahlen in diesem Monat wieder nur nach oben bewegen.
Ich bekomme verschiedene Bögen zum Ausfüllen mit nach Hause. In einem will man von mir wissen, wie ich mich so einschätze, ob ich konstruktive Kritik vertrage, gut auf Menschen zugehen kann, engagiert und flexibel bin.
(Wer reagiert schon erfreut über Kritik, sei sie noch so kons truktiv?)
Man verspricht mir eine schriftliche Einladung zu dem für meinen Buchstaben verantwortlichen Beamten, dessen Berufsbezeichnung mir noch fremd ist.
Klientenbetreuer?
Arbeitslosenberater? Oder – eher unwahrscheinlich – Arbeitssuchendentröster
Artikel von SZ-Online
http://www.sz-online.de/nachrichten/artikel.asp?id=851120
Sehr gastlich ist das Arbeitsamt leider nicht.
Beim ersten Mal, da tut’s noch weh ...
Von Bettina Schmidt
Erfahrungsbericht: Sehr gastlich ist das Arbeitsamt leider nicht. Es gelingt mir immerhin,vier bekannte europäische Fremdsprachen zu orten.“
Es ist soweit. 30 Jahre erfolgreiches Berufsleben liegen hinter mir. Vor mir steht Hartz vier beziehungsweise erst einmal das Arbeitsamt,
das seit Florian Gersters segensreichem Wirken Agentur für Arbeit heißt und deshalb bereits im Eingang einen Service-Schalter hat für solche, wie ich es ab jetzt bin.
(Ich weiß zwar, dass wir inzwischen stattliche fünf Millionen zählen und ich mit über 50 keine Chance mehr habe, trotzdem muss ich zugeben, dass es mir bei diesem Debüt an der nötigen inneren Gelassenheit fehlt.)
An einem Montag im zweihundertsten Todesjahr von Friedrich Schiller drängt sich Leib an Leib, frei nach den Worten des Dichters:
„Wer zählt die Völker, nennt die Namen, die gastlich hier zusammenkamen“. Gar so gastlich ist es dann doch nicht, die an der Wand befestigten Plastikstühle sind alle besetzt, und die Schlange am Service-Schalter ringelt sich bis auf die Straße.
Die nächste steht vor dem Tresen, hinter dem der Anfangsbuchstabe meines Namens verwaltet wird. Leider beginnt mein Name weder mit Q noch mit X.
Entsprechend viele Leute stehen vor mir.
Im Wartebereich, einer mit robusten Grünpflanzen dekorierten Mischung aus Bahnhofswartesaal,
Zahnarztvorhölle und antiautoritärem Kinderladen, probieren die mitgebrachten Kleinen, ob sich meine Knie für die Erlangung des aufrechten Gangs eignen. (Tun sie.)
Andere üben das flotte Krabbeln um meine und anderer Leute Knöchel. Überforderte Mütter sind ihnen mit lautstarken Mahnungen auf den Fersen.
Später geben sie auf und schließen genervt die Augen.
Es gelingt mir immerhin, vier bekannte europäische Fremdsprachen zu orten, mehrere deutsche Dialekte ohnehin.
Wie auch ich verstecken sich einige der Wartenden verschämt hinter Zeitungen. Ich habe für diese Zwecke die „Zeit“ mitgebracht.
Hinter der kann man sich im Bedarfsfall sogar umziehen.
Wer an diesem Montagmorgen Lesestoff und Essen mitgebracht hat, ist auf der sicheren Seite.
Es dauert viele Viertelstunden, bis man aufgerufen wird.
Ich muss gestehen, dass ich mich davor fürchte, hier ausgerechnet auf den Direktor des Arbeitsamtes zu treffen.
Schließlich sitzen wir seit Jahren im Konzert immer nebeneinander, und seiner Frau habe ich erst neulich ein in Vergessenheit geratenes regional besonderes Spargelrezept versprochen ...
Während ich warte, beginnt der nervöse Druck auf meine Blase unangenehm zu werden. Darf ich mich von meinem Stuhl erheben und zur Toilette gehen?
Was ist, wenn ich während meiner Abwesenheit aufgerufen werde?
Muss ich dann zur Strafe warten, bis auch der Letzte abgefertigt worden ist?
Ich wage es einfach und verlasse meine Plastikschale, die sofort von einem Krabbelkind erobert wird, und stehe vor zwei Türen, von denen ein Hinweisschild behauptet, dass sich dahinter Toiletten verbergen.
An der einen Tür steht ein L, an der anderen ein G.
Ich bin zutiefst verunsichert und muss jetzt dringend herausfinden, hinter welcher dieser Türen sich kein Pissoir befindet.
Das wird doch wohl zu schaffen sein, schließlich habe ich studiert, Kinder großgezogen und über Jahrzehnte immer einen prima Job gemacht, rede ich mir gut zu.
Mein Englisch-Staatsexamen hilft leider nicht, obwohl es das tun müsste,
denn die Buchstaben L und G stehen für Lady and Gentleman, was könnte nahe liegender sein?
Da habe ich in meiner Not die Tür mit dem G schon geöffnet.
Als ich endlich aufgerufen werde, erhalte ich in einem angenehm schmucklosen Büro einen blassblauen Bogen, in dem ich
– relativ schnell wieder draußen – mein bisheriges Berufsleben einzutragen habe.
Handschriftlich.
Eine nette junge Frau überträgt meine Angaben in ihren PC. Hätte ich das nicht von zu Hause per E-mail machen können, und wären uns allen damit nicht Stunden erspart worden?
Beim Übertragen meiner Angaben gibt es ein Problem: Ich bin Dramaturgin von Beruf, und das seit vielen Jahren.
Die nette junge Frau hat von diesem Beruf noch nie gehört oder gelesen und buchstabiert stirnrunzelnd halblaut vor sich hin: „Dram, Dramma, Dram … aturgin? Was soll das denn sein?“
Ich erkläre es ihr, sie schaut weiterhin skeptisch und rückt mit ihrem rollenden Schreibtischstuhl ins tinktiv von mir ab. Ihr PC, um Rat befragt, verrät ihr, dass es diesen Beruf sowohl am Theater als auch bei Film und Fernsehen gibt.
Jetzt glaubt immerhin auch sie, dass ich einen tollen Job verloren habe. Mir war diese Tatsache bereits bekannt.
Nun bin ich offiziell Klientin der Agentur für Arbeit, habe eine eigene Nummer und trage leider dazu bei, dass sich die Arbeitslosenzahlen in diesem Monat wieder nur nach oben bewegen.
Ich bekomme verschiedene Bögen zum Ausfüllen mit nach Hause. In einem will man von mir wissen, wie ich mich so einschätze, ob ich konstruktive Kritik vertrage, gut auf Menschen zugehen kann, engagiert und flexibel bin.
(Wer reagiert schon erfreut über Kritik, sei sie noch so kons truktiv?)
Man verspricht mir eine schriftliche Einladung zu dem für meinen Buchstaben verantwortlichen Beamten, dessen Berufsbezeichnung mir noch fremd ist.
Klientenbetreuer?
Arbeitslosenberater? Oder – eher unwahrscheinlich – Arbeitssuchendentröster
Artikel von SZ-Online
http://www.sz-online.de/nachrichten/artikel.asp?id=851120