Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : 1€-Job NUR für psychisch Kranke=Diagnosenachweis ja/nein?
Hallo zusammen,
ähm…ich hoffe, dass ich das hier vernünftig aufgeschrieben bekomme, damit ihr das auch versteht und mir vielleicht ein bisschen helfen könnt und so.
Ich bin psychisch krank und das nicht erst seit gestern. Jetzt habe ich die Möglichkeit, beim ASB nen 1€-Job zu machen, der in einem Büroservicezentrum wäre (Schwerpunkte der Arbeitsmöglichkeiten: Postversand, Broschürenerstellung, Erstellung von Gruß- und Glückwunschkarten, Schreibarbeiten, Ablagearbeiten, Scanarbeiten und CD-Erstellung, Pressedienst, Internetrecherchen). Mir würde das im Moment mehr bringen, als eine Schulung (wenn ich auch die Möglichkeit dazu hätte, weil das JC endlich zahlen würde), weil ich mir dadurch einen geregelten Tagesablauf wieder aneignen könnte. Und das langsam, in dem Tempo, dass ich für richtig halte. Bei einer Schulung hätte ich das nicht. Da müsste ich von jetzt auf gleich jeden Tag 8 Stunden ran.
Nun zu meinem Hauptproblem bei der ganzen Sache:
a) Reicht es, wenn ich bei meinem Fallmanager einfach nur angebe, dass ich psychisch krank bin oder muss ich das auch mit genauer Diagnose und Arztschreiben belegen?
b) Reicht mein oben angegebener Grund aus, um die Zuweisung zu bekommen oder nicht?
Ich weiß selber, dass ein 1€-Job keine Erfüllung ist. Aber dieser wäre wenigstens mal auf meinen Beruf abgestimmt (techn. Assi. f. Informatik) und ich kann halt langsam anfangen, in dem ich erstmal nur 4-5 Stunden pro Tag mach oder so. Ich brauch nicht gleich inne 40 Stundenwoche. Natürlich wäre der Verdienst ein weiterer Vorteil. Das steht allerdings erst ganz am Ende. Die Tätigkeit ist mir dabei echt wichtiger. Mal ganz davon ab, dass ich so ein breit gefächertes Arbeitsgebiet nicht in einer Schulung bekommen könnte. Es sei denn, ich mach ne Ausbildung als Informatikkauffrau oder so.
Der Termin mit meinem Fallmanager ist am 24. April. Meine Betreuerin geht mit und hat auch den Termin und so eingefädelt. Wenn das auch noch fast ne Woche hin ist, so bekomme ich langsam doch Angst, ob die Gründe ausreichen. Zumal es nicht mein erster 1€-Job wäre.
Was meint ihr dazu?
Gruß
Katja
Die Ägypter
18.04.2006, 01:20
Hallo Katja,
welche Zusagen hat dir denn der ASB hinsichtlich Arbeitszeiten gemacht? Soweit ich weiß läuft ein EEJ 30 Std. in der Woche, also 6 Std. am Tag...
Wenn du dich auf etwaige Zusagen (langsames Einarbeiten, nach und nach Stundensteigerung) seitens des ASB verlassen kannst - dann argumentiere so - wie du es hier auch getan hast - für mich ist es verständlich und ich denke, wenn dein Fallmanager/SB kein Drache oder völlig unmenschlich ist, wird ihm deine Argumentation für diesen EEJ auch einleuchten.
Nachdem ich mit seiner Chefin schon telefonieren musste, weil er unfähig war (was er dann sogar zugegeben hat), ist der echt lieb geworden.
Aber mal Spaß beseite. Ich habe mit dem ASB selber noch keinen Kontakt aufgenommen. Fakt ist aber, dass ich zwischen 20 und 38,5 Stunden/Woche arbeiten kann. Klar muss ich dabei auch darauf achten, wie das Büro besetzt ist. Nur denke ich, wird es für den Anfang nicht das Problem sein, wenn ich erstmal nur 4-5 Stunden arbeite. So ging es bei dem anderen 1€-Job auch.
Das Hauptproblem für mich ist, glaub ich, nicht so unbedingt die Begründung. Nach deiner Antwort, nefertari1968, schon mal gar nicht mehr. Aber ich mag meinem Fallmanager halt nicht meine genaue Diagnose sagen. Beim ASB wird das nicht so das Problem sein. Aber von denen bin ich ja auch nicht so abhängig wie von meinem Fallmanager. Kann der mich zwingen, dass ich ihm meine Diagnose sage oder einen sonstigen Nachweise erbringe, dass ich psychich krank bin?
Gruß
Katja
Die Ägypter
18.04.2006, 01:49
Hallo Katja,
das Problem bei den ganzen SGB II-Regularien sind die vielen "Kann"-Optionen - sprich das sog. Ermessen des Fallmanagers/SB...
Dieses Ermessen muss pflichtgemäß erfolgen - zum Einem in deinem Interesse - zum Anderem natürlich im Interesse "der Steuerzahler" (entschuldige diesen leicht zynischen Anflug von mir)...
Auf der einen Seite kann er dich formal in die Knie zwingen - wenn ihm deine Argumentation so nicht ausreicht - die andere Frage ist allerdings - warum sollte er dir Knüppel zwischen die Beine werfen, wenn du willens bist, an deinem beruflichen Fortkommen zu arbeiten - also insgesamt irgendwann aus dem Hilfebezug rauskommen willst und eben auch etwas dafür zu tun bereit bist =?
Dreh- und Angelpunkt ist die Argumentation mit der psychischen Erkrankung überhaupt in diesem Gespräch - ich bin gerade am Überlegen, ob es nicht besser ist - den Gesundheitszustand einfach überhaupt nicht argumentativ anzuführen... sondern mehr in Richtung: "ich will wieder arbeiten und habe mir selbst diesen EEJ gesucht" zu agieren...
Denn eine Gefahr sehe ich schon... (ich neige leider zu Schwarzseherrei) und zwar ganz entfernt in Form eines Amtsarztes der beauftragt wird deinen gesundheitlichen Zustand allgemein abzuchecken... und der hat dann auch Zugriff auf Diagnosen, Klinikberichte etc. und bildet sich vielleicht ein falsches Urteil...
Warte bitte noch weitere Antworten ab...
Dreh- und Angelpunkt ist die Argumentation mit der psychischen Erkrankung überhaupt in diesem Gespräch - ich bin gerade am Überlegen, ob es nicht besser ist - den Gesundheitszustand einfach überhaupt nicht argumentativ anzuführen... sondern mehr in Richtung: "ich will wieder arbeiten und habe mir selbst diesen EEJ gesucht" zu agieren...
Das "Problem" ist aber, dass dieser EEJ nur für Leute mit "psychischer und/oder geistiger Behinderung" gedacht ist. Behinderung ist meiner Meinung nach ein bisschen hart ausgedrückt, aber so heißt es nun mal. Mir wäre auch wohler, wenn ich dem da gar nichts von sagen müsste. Aber da es nunmal so auf der "EEJ-Ausschreibung" steht.... *sfz*
Da will man was tun und dann gibt es wieder Fragen und Ängste. Man hat ja sonst keine Probleme.
StephanK
18.04.2006, 11:52
Das "Problem" ist aber, dass dieser EEJ nur für Leute mit "psychischer und/oder geistiger Behinderung" gedacht ist.Folge: Ohne Offenheit gegenüber dem Job-Center wird meiner Meinung nach absolut nix gehen. Bitte vergiss nicht, dass aus der Perspektive des Job-Centers der 1-€-Job eine Leistung zur Eingliederung ist, die Dir erbracht wird (auch wenn Du ackern sollst...). Das Job-Center zahlt dafür Steuergelder und achtet richtigerweise darauf, dass dieses Geld zweckentsprechend ausgegeben wird. Im konreten Fall bedeutet das: wenn der 1-€-Job speziell für eine bestimmte Personengruppe ausgerichtet ist, dann darf dort auch nur jemand beschäftigt werden, der zu dieser Gruppe gehört.
Die dahinter stehende und auch "härtere" Frage sehe ich bei der Bedingung Behinderung. Damit ist - wenn Du genau zitiert hast - nicht nur eine Schwerbehinderung gemeint, sondern jede Behinderung im Sinne des § 2 SGB IX (http://www.gesetze-im-internet.de/sgb_9/__2.html). Wenn Du die verlinkte Definition anschaust, siehst Du, dass es dabei um einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten geht. Vermutlich ist "nicht erst seit gestern", wie Du es formulierst, ein Zeitraum, der diese sechs Monate mehr oder weniger deutlich überschreitet, so dass diese Definition auf Dich zutreffen dürfte.
Sich darauf zu berufen bedeutet: das läuft alles nicht mehr über die "normale" Schiene "einfach zurück in den Arbeitsmarkt", sondern mit dem Etikett "Rehabilitation". Das hat den Vorteil, dass man sehr viel besser und präziser auf Deine Möglichkeiten sich einstellen kann und die Wiedergewöhnung an die Anforderungen des Berufsalltags nach Deinem Rhythmus vonstatten geht statt nach einem Dir aufgestülpten.
Dieser Vorteil dürfte den Nachteil deutlich überwiegen, der in mehr Papierkrieg und (denkbarem, aber nicht unbedingt eintretendem) Zuständigkeitsgerangel zwischen Job-Center und Integrationsamt liegen könnte.
Es ist vielleicht nicht angenehm, wenn einem das Etikett "Behinderung" aufgepappt wird (ich liebe meines auch nicht :wink: ) - aber wenn's zu etwas verhilft, von dem man sich ernstlich etwas verspricht und an das man anders nicht herankommt... Übrigens ist diese Etikett keines, das unbedingt dauerhaft wäre - man kann es auch wieder los werden!
Wenn Du also denkst, dieser 1-€-Job bringt Dich weiter, möchte ich Dir Mut machen, ihn anzupacken - auch wenn Du nicht gerne zur Zielgruppe gehören magst 8)
Zielgruppe:
- Personen mit psychischer oder geistiger Behinderung
- Personen, bei denen eine eventuell vorliegende Behinderung,
Erkrankung oder sonstige Beeinträchtigung in Absprache mit dem
Fallmanager geklärt werden soll
Das ist der genaue Wortlaut.
Ich kenne die Definition und die trifft bei mir auch zu. Auch von der KK bin ich als chronisch krank anerkannt und meine Diagnose ist mittlerweile einige Jahre alt und so schnell werd ich die auch nicht los. Ich hab echt Angst vor dem, was da dann von Seiten des JC's auf mich zukommen könnte. Auf der anderen Seite hab ich keine andere Wahl. Es sei denn, mein Fallmanager will die "Ausschreibung" nicht sehen und macht einfach nen Haken in der entsprechenden Tabelle.
StephanK schrieb.
> Sich darauf zu berufen bedeutet: das läuft alles nicht mehr über die "normale" Schiene "einfach zurück in den Arbeitsmarkt", sondern mit dem Etikett "Rehabilitation". Das hat den Vorteil, dass man sehr viel besser und präziser auf Deine Möglichkeiten sich einstellen kann und die Wiedergewöhnung an die Anforderungen des Berufsalltags nach Deinem Rhythmus vonstatten geht statt nach einem Dir aufgestülpten. <
Finde ich eine sehr gute Definition.
Was mir zu solchen Themen bisher zu Ohren gekommen ist, wird zur Prüfung wohl der psychologische Dienst der ARGE eingeschaltet.
Fall es dir, wie du geschrieben hast, wirklich wichtig ist, den ASB Job zu bekommen, dann sehe diesen Dienst als Chance. Hier kannst du genau deine Vorstellungen besprechen mit dem Hinweis, dies so in dem Bericht zu verfassen. Dann kann / braucht der SB nur noch zuzustimmen.
Viel Erfolg.
StephanK
18.04.2006, 13:00
Ich hab echt Angst vor dem, was da dann von Seiten des JC's auf mich zukommen könnte.Ich werde Dir diese Angst nicht ganz nehmen können, sondern kann Dich nur einladen, einige Überlegungen nachzuvollziehen, die das Job-Center entweder schon angestellt hat oder noch anstellen wird.
(1) Bisher bekommst Du Alg II. Das bekommt Du nur dann wenn und deswegen weil das Job-Center Dich für erwerbsfähig hält. Erwerbsfähig bedeutet: man traut Dir mindestens drei Arbeitsstunden am Tag zu - und Du selbst Dir wohl auch.
(2) Dir ist jede Arbeit zumutbar, es sei denn, dass Du zu einer bestimmten Arbeit körperlich, geistig oder seelisch nicht in der Lage bist (§ 10 Abs. 1 Nr. 1 SGB II). Diese (auch für 1-€-Jobs geltende) Einschränkung soll Dich vor Überforderung bewahren, und das ist auch ganz gut so, oder?
(3) Was und wieviel Du packst, kann Dir kein/e Sachbearbeiter/in im Job-Center an der Nasenspitze ansehen (in dieser - und nur in dieser - Hinsicht haben's Rollstuhlfahrer ein bisschen einfacher). Er/sie kann es auch nicht aus eigenem Wissen beurteilen. Also bleibt ihm/ihr gar nichts übrig, als Fachleute zu befragen.
(4) Diese Heranziehung von Fachleuten ist natürlich lästig für Dich, weil Du nochmal Deine "Klamotten" auspacken und ausbreiten musst. Andererseits: das musstest Du bisher auch schon gegenüber Klinikärzten und wahrscheinlich auch niedergelassenen Ärzten. Du dürftest also eine gewisse Routine darin erworben haben, weisst, was voraussichtlich gefragt wird. Es kann einem dennoch schwer fallen, solche Fragen zu beantworten. Ärzte, die im Auftrag der Bundesagentur arbeiten, können auch auf Unterlagen der Klinik, in der Du behandelt wurdest zurückgreifen und sich mit Ärztinnen und Ärzten "kurzschließen", die Dich dort behandelt haben, wenn Du es erlaubst. Das kann das Verfahren abkürzen und lästige Doppelbefragungen vermeiden.
Darauf, dass "einfach 'n Haken in der Tabelle" gemacht wird, würde ich an Deiner Stelle mich nicht verlassen.
Dir wird aber auch kein Sprung in's kalte Wasser abverlangt: Du hast in diesem Wasser nämlich schon gebadet und es sozusagen selbst vorgewärmt. Lange bibbern wirst Du deshalb nicht müssen, und kurz bibbern ist schon mal hinnehmbar, wenn es die Chance auf einen Wiedereinstieg bietet. Deswegen: keine Angst vor Gänsehaut!
Am Montag ist der Termin mit meinem Fallmanager. Da wird das, denk ich doch mal, wohl besprochen werden (müssen zwangsläufig). Und das wegen dem "Haken in einer Tabelle machen" habe ich deswegen geschrieben, weil es mein Fallmanager so gesagt hat. Ich hab ihn grob darüber informiert und er meinte das dann halt *schulterzuck* Mal schauen, was das wird.
Heute war also der Termin. Und ich muss sagen, dass mir mein Fallmanager immer sympathischer wird.
Meine Betreuerin hat mich begleitet und wir haben ihm dann die Sache erklärt und so. Er hat sich dann die Maßnahme in seinem System aufgerufen und meinte dann auch, er könne mir sofort ne Zuweisung ausstellen. Allerdings wäre das Blödsinn, da ich erst zu einer Art "Vorstellungsgespräch" gehen sollte. Und wenn dort gesagt wird, dass die mich haben wollen, dann würde er auch sofort die Zuweisung rausschicken. Nichts von wegen psychiatrischen Dienst oder so was. Alles wie gehabt. Und die Schulungen sind nach wie vor für mich möglich. Wobei ich ganz offen gesagt habe, dass ich durch den 1€-Job erstmal wieder in einen geregelten Tagesablauf will und dadurch auch meine Aufmerksamkeit und Konzentration wieder wecken will. Vorher wäre eine Schulung Geldverschwendung. Hat er eingesehen.
Und dann hat er sogar für mich beim Träger angerufen und einen Termin für dieses "Vorstellungsgespräch" ausgemacht. War der Hammer! Auf jeden Fall ist dieses Gespräch am 16.5.06 und wenn die Ja sagen, dann kann ich da arbeiten.
Trauen tu ich der Sache noch nicht so ganz, aber egal. In 3 Wochen bin ich schlauer.
Gruß
Katja
Die Ägypter
24.04.2006, 12:11
Hi Katja,
du scheinst wirklich einen verständnisvollen und mitdenkenden SB zu haben... hoffentlich bleibt der auch lange für dich zuständig... in einigen ArGen haben sie ein eigentümliches "Rotationsverfahren".
PS. Toi Toi Toi!
Dieses Rotationsverfahren habe ich auch schon mitgemacht. Als meine eigentliche SB da plötzlich nicht mehr gearbeitet hat und jeden Tag jemand anderes für mich zuständig war. Mal gucken was das wird.
Danke fürs "toitoitoi"
StephanK
24.04.2006, 12:20
Schön, dass wenigstens da und dort mal zu funktionieren scheint, was eine der erklärten Absichten der Hartz-Reformen war, nämlich dass "passgenau" vermittelt wird, gerade bei Menschen, die mit irgendwelchen Problemen belastet sind.
Ich wünsche Dir sehr, dass alles klappt und dass der Job Dir das bringt, was Du Dir von ihm versprichst!
So, da bin ich wieder.
Gestern war das Vorgespräch für den 1€-Job. Erstmal war ich überrascht, dass der Mann dort meine gesamten Lebenslauf wissen sollte. Also Kindergarten, Grundschule, weterbildende Schule und Ausbildungen. Dazu natürlich Angaben über meine Erkrankung und wie sich das äußert. Und was war das Ende vom Lied??? Ich bin drin!!! Er hat noch 10 zusätzliche Plätze beantragt, die ab dem 1.6.06 bewilligt werden sollen und dann bin ich dabei. Die wollen dann ihre IT-Abteilung "abspalten" und da soll ich dann eingesetzt werden. Endlich ein Job, der zu meiner Ausbildung passt und der mir alles bietet, um mich wieder an die Anforderungen einer Vollzeitbeschäftigung gewöhnt. Ich bin da "stolz wie Oskar" rausgegangen und freue mich immer noch.
Allerdings muss ich zugeben, dass meine Aufgaben dann evt. über die eines 1€-Jobs drüber hinaus gehen, aber das macht mir in diesem Fall gar nichts. Im Gegenteil...gerade das ist es, was mich noch besser auf das "wahre" Berufsleben vorbereiten wird und mein Selbstbewußtsein und meine Selbstsicherheit stärkt.
LG
Katja
Betroffener
17.05.2006, 16:37
Katja,
meinen herzlichen Glückwunsch zu diesem Erfolg.
Lass bitte weiter von Dir hören.
Heute kam endlich der ersehnte Anruf: "Wenn Sie noch interessiert sind, dann können Sie am Freitag anfangen." Und wie ich interessiert bin. Hab zwar eher mit kommenden Montag gerechnet, aber egal.
Vielleicht fang ich eine Art Tagebuch oder so an. Denn wenn der Chef bei dem bleibt, was er mir im Vorgespräch sagte, dann wird das ein positiver 1€-Job. Und ich glaube, was positives aus dieser Ecke wird dringend gebraucht.
LG
Katja
StephanK
07.06.2006, 11:31
Na, das geht ja jetzt im Turbo-Tempo... :D
Ich freu mich für Dich und drücke beide Daumen, dass die Hoffnungen sich erfüllen, die Du in diesen Job setzt. Guten Start! :engel:
So, dann mal los.
1. Tag
Mir wurden heute erst mal die Räumlichkeiten gezeigt und gesagt, dass am Montag die PC's kommen und ich die dann mit einem "Administrator" (hat er nicht gelernt, macht er dort aber) die Arbeitsplätze einrichten und vernetzen soll. Meine Haupttätigkeit liegt danach erst mal im Aufbau einer Homepage. Oder sagen wir lieber, einer Art Online-Zeitung. Find ich gut. Da kommt mein Kopf mal wieder ein bisschen auf Trab.
Danach habe ich einen Test nach dem anderen machen müssen. Insgesamt waren es 6 oder 7: Persönlichkeit, Konzentration, Gedächtnis, Fähigkeiten, berufliche Interessen (mit Untertest für bestimmte Bereiche). Danach wurde dann der Vertrag unterschrieben und mir wurden mir noch die üblichen Dinge bzgl. Krankmeldung und mal nen freien Tag erzählt. Zu Anfang arbeite ich nur 3 Stunden am Tag. Das machen die da wohl mit jedem so, der neu anfängt. Das wird dann aber auch gesteigert, so dass man am Ende halt bei 6 Stunden ankommt.
Ich fand diese ganze Testung ziemlich bescheuert. Aber egal. Meine Schul- und Arbeitszeugnisse muss ich auch noch vorlegen, damit mein Lebenslauf vollständig wird. Ich weiß nicht, warum die die haben wollen, aber da steht nichts negatives drauf, also werd ich die auch abgeben.
Tja, das war's dann auch schon. Montag geht es weiter. Donnerstag ist Feiertag und Freitag frei. Also nur ne 3-Tage-Woche.
Ach so, noch was: ich muss jeden Tag unterschreiben, dass ich da war und wie lange ich da war. War bei dem anderen EEJ nicht so, aber ist mir so lieber. So hab ich selber auch ne Übersicht, wenn ich da jeden Tag einmal drauf schaue, bevor ich nach Hause gehe.
Da bin ich mal wieder. Und ich muss leider sagen, dass jede Behindertenwerkstatt besser ist als dieser EEJ.
Die Leute, die dort "arbeiten" haben alle eine geistige, psychische oder körperliche Benachteiligung (was ich aber vorher wußte und im allgemeinen nicht das Problem ist). Ich weiß nicht, wer das von euch kennt, aber in meinem Heimatdorf gibt es eine Lebenshilfe, wo Menschen mit geistiger Behinderung arbeiten gehen. Die tun da aber auch wirklich was nützliches und bekommen wohl doch mehr als 1,25€/Stunde.
Beim EEJ auf jeden Fall sitzen diese Leute den ganzen Tag an einem Tisch und lesen die Tageszeitungen. Alle Artikel, die was mit HartzIV oder irgendeinem anderen sozialen Bereich zu tun haben sollen sie dann ausschneiden. Die werden dann wiederrum von einer Grafikerin (!!!!) eingescannt. Warum weiß keiner.
Die Leute mit psychischer und körperlicher Benachteiligung sitzen in der "Redaktion". Das sind dann auch mal prompt gut 10 Leute. Ist ja auch okay soweit. Problem: für die Leute gibt es keine ausreichenden Arbeitsmöglichkeiten. Wir haben 4 neue PC's bekommen: einen für den Chef (es wurde eingebrochen und seiner wurde geklaut), einer für unsere Grafikerin (der ist im Moment aber noch für alle verfügbar, die in den neuen Räumen sitzen), einer für das Schreib- und Telefonbüro (in dem 2 Leute sitzen, beide keine Ahnung vom PC haben und sich das bisschen, was sie dann doch wissen, gegenseitig beibringen) und einen mit Internetanschluss (den ich im Moment habe, weil ich die Homepage programmiere).
So, wir haben also faktisch 3 PC's in den neuen Räumlichkeiten, wo auf Dauer aber 6-8 Leute arbeiten sollen: Unzumutbar! Dann wird gescheucht ohne Ende und gleichzeitig werden einem quasi die Hände auf den Rücken gebunden, weil man Leute mit an den PC gesetzt bekommt, die keine Ahnung haben und die man während des Programmierens "mal eben" ein bisschen in HTML unterweisen soll bzw. an den Umsetzmöglichkeiten von Flash-Animationen (die bei uns keiner programmieren könnte).
Versteht mich nicht falsch: ich für mich bin froh über diese Möglichkeit, weil ich es sonst aufgrund meiner Erkrankung nicht in den 1. Arbeitsmarkt schaffen würde. Aber wie kann man denn zulassen, dass es zu wenig Arbeitsplätze für die Leute gibt? Die haben insgesamt 40 Leute (40x500€=20000€) aber nur 3 "neue" und 4 "alte" PC-Arbeitsplätze. Es soll aber am PC gearbeitet werden. Funktioniert mein Kopf nicht mehr?
Ich habe mich heute dermaßen aufgeregt, dass es leider wieder die falschen Leute getroffen hat, weil sie unwissentlich das Fass zum überlaufen gebracht haben. Ich finde es unmenschlich was dort gerade mit den Leuten mit geistiger Behinderung gemacht wird. Mal ganz davon ab, dass echt versucht wird, uns da unter Druck zu setzen. Und wenn wir es nicht schaffen, dann suchen wir uns halt ehrenamtlich Profis. Und dann sitzen wir da und machen gar nichts mehr. Kaffee trinekn, rauchen und Däumchen drehen.
Ich brauche zwar dieses Sprungbrett, aber habe ich dennoch irgendwelche Möglichkeiten? Ich meine, wenn die 20.000€/Monat an uns "verdienen" (es sei denn, ich hab da was falsch verstanden), dann muss es doch möglich sein, dass jeder nen halbwegs vernünftig ausgestatteten Arbeitsplatz hat. Oder nicht?
Sorry für die Länge. Wahrscheinlich hört es sich auch ein bisschen danach an, dass ich nicht weiß, was ich will. Aber ich musste das einfach mal loswerden.
LG
Katja
Betroffener
27.06.2006, 00:43
Hallo Katja,
falls es Dich beruhigt - das ist in vielen anderen Enrichtungen mit "normalen" Menschen auch nicht anders.
Offensichtlich geht es es nur um die 40x500€ und den äusserlichen Anschein, das etwas getan wird. Der Rest ist ziemlich egal.
So ähnlich liest sich das ja auch im Bericht des Bundesrechnungshofes, dass bei über 75% der Jobs keiner weiß, was da eigentlich läuft (und es auch kaum jemanden wirklich interessiert).
Wenn Du da trotzdem irgendwie weiter und durchkommst und dabei noch Lerneffekte hast - sei froh - auch wennes sicherlich tierisch nervt.
StephanK
27.06.2006, 08:53
Ich sehe das ganz ähnlich die der Betroffene.
Die (vorsichtig formuliert) wenig effiziente Verwendung ist die eine und bestimmt kritikwürdige Sache.
Die andere Seite/Frage ist trotz alle dem: Kannst Du in Deiner eigenen Lage davon profitieren?
Fachlich ist es wahrscheinlich keine wirkliche Herausforderung für Dich.
Persönlich sieht es vielleicht anders aus - jedenfalls lese ich das zwischen den Zeilen Deines Berichts. Du musst mit Leuten klar kommen, mit denen nicht ganz leicht umzugehen ist. Darin kann durchaus eine Herausforderung liegen, und ich wünsche Dir, dass Du sie meisterst.
Verrätst Du die URL, wenn das Ding im Netz ist? :-)
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