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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Abgebrochenes Studium begründen?


mitspieler
31.05.2005, 11:29
Hallo,

sollte ich in einer Bewerbung ein abgebrochenes Studium begründen und wenn ja, dann wie? Mein Studium (Geologie) habe ich mir mit Arbeit in Fahrradwerkstätten finanziert und nach Abbruch des Studiums auch als Fahrradmechaniker gearbeitet (sozialvers-pflichtig), bevor ich arbeitslos wurde und eine Umschulung gemacht habe als Arbeits- und Beschäftigungstherapeut (und als solcher auch arbeite). Nun möchte ich mich für eine Stelle im besseren Einzelhandel bewerben, soll ich das abgebrochene Studium so stehen lassen oder begründen? Oder ganz weglassen, immerhin hätte ich mit den Arbeitszeugnissen aus der Fahrrad-Zeit einen lückenlosen Lebenslauf - aber als "Ungelernter". Andererseits wäre Vertrautheit im Umgang mit Akademikern für die neue Stelle von Vorteil, zumal da Quereinsteiger nicht abgelehnt werden.

Außerdem hatte ich teilweise als Werkstudent gearbeitet, mir damals aber keine Zeugnisse oder Bescheinigungen ausstellen lassen, da ich dachte diese Tätigkeit in einem studienfremden Fach sei später nicht so relevant (nach 15 Jahren kann ich ja kein Zeugnis mehr verlangen...) Eine dieser Stellen käme aber jetzt doch gut an - trotzdem angeben, auch ohne Belege?

Danke schonmal und schönen Tag noch

StephanK
31.05.2005, 13:10
Hallo Mitspieler :welcome:

Das ist eine gar nicht so einfache Frage, vor der ich selbst übrigens auch immer wieder stehe...
Ich glaube, dass eine allgemeingültige Antwort darauf auch gar nicht möglich ist, sondern dass es sehr darauf ankommt, wo man sich neu bewirbt. Dann gilt es abzuwägen, ob die Lücke eher schadet oder eine wahrheitsgemäße Angabe, die (nach eigener Einschätzung) nicht in das Profil des angestrebten Jobs hineinpasst.

Im Handel, denke ich, ist Vielseitigkeit eher ein Plus: wenn Du Dich schon in unterschiedlichen Metiers bewegt hast, ist das ein Hinweis darauf, dass Du mit unterschiedlichen Menschen umgehen kannst - also ein Plus für den Handel.

Andererseits: es gibt natürlich Personalverantwortliche, die nach wie vor Wert auf "Geradlinigkeit" legen (obwohl die in der heutigen Arbeitswelt zwangsläufig immer seltener wird) und eine wechselhafte berufliche Vergangenheit eher als Indiz für mangelnde Ausdauer oder gar Unzuverlässigkeit deuten.

Ich denke, es wäre gut, wenn Du möglichst viel über das betreffende Unternehmen und vor allem das dort herrschende Klima herausfinden könntest: Worauf wird mehr Wert gelegt? "Gediegenheit", Seriosität oder liegt die Betonung mehr auf Kommunikationsstärke, der Fähigkeit, Kundenwünsche zu erspüren, vielleicht auch mit schwierigen Kunden zurechtzukommen.

Meine eigene Methode ist ungefähr so, dass ich versuche, mir einen Arbeitstag an der angestrebten Stelle ganz praktisch-plastisch vorzustellen und mir auszumalen, was da von mir verlangt wird, und zwar nicht nur in fachlicher Hinsicht, sondern auch in Sachen Kommunikation, Nerven bewahren usw. Je nach dem, welche Rolle das spielt, versuche ich dann, im Bewerbungsschreiben und - soweit es da Variationsmöglichkeiten gibt - im Lebenslauf darauf einzugehen.

Macht Mühe und ich kann auch nicht sagen, dass es bisher geholfen hätte :cry: - aber ich glaube, das liegt an anderen Dingen....

mitspieler
31.05.2005, 13:28
Hallo Stephan,

im großen und ganzen stimme ich Dir zu. Das Unternehmen verkauft stilvolle langlebige und traditionsreiche Produkte - das genaue Gegenteil der heutigen Geiz- und Blöd-Markt-Kultur (womit ich mich auch sehr identifiziere und was auch ein Grund für meine Bewerbung ist). Da die Wert darauf legen, in gewissem Sinne "anders" zu sein und dort auch keine bzw kaum Krawattenträger rumlaufen neige ich stark dazu, das abgebrochene Studium anzugeben, was ja auch die lange Arbeitszeit ohne Ausbildung eher rechtfertigt. Ich bin mir nur unschlüssig, ob ich daß so stehen lassen soll oder den Abbruch des Studiums erklären sollte.

Schönen Tag noch

StephanK
31.05.2005, 13:58
mmm... ich selbst komme nun so gar nicht aus dem Handel, weswegen es mir nicht gerade leicht fällt, mich da hineinzudenken. Du hast hier nix über die Gründe für den damaligen Studienabbruch geschrieben. Wenn ich den Kontrast zwischen Geologie und Arbeits- und Beschäftigungstherapie auf mich wirken lasse, komme ich als Dich nicht kennender Außenstehender auf zwei Gedanken: Entweder hat er gemerkt, dass die Berufsperspektiven für Geologen ziemlich mau sind (das ist ein "ehrenwertes" Motiv) und/oder ihm war die Beschäftigung mit "toten Steinen" zu öde, worauf er sich etwas ausgesucht hat, das mehr Umgang mit Menschen bietet (was für den Handel ein nicht nur ehrenwertes, sondern höchst präsentables Motiv wäre).

Jedenfalls war der Schwenk, den Du gemacht hast, schon eine deutliche Entscheidung in eine ziemlich andere Richtung. (Bei mir auch - von Agrar- zu Rechtswissenschaft -, aber es ging dabei nur um eine ziemlich kurze Zeit vor dem Studium, so dass ich das meistens übergehe.) Wenn Du dem Unternehmen bzw. seinen Personalentscheidern zutraust, das zu kapieren, und Dir selbst zutraust, es so zu erklären, dass Du als Entscheidender, als Treibender und nicht als Getriebener dabei erscheinst, hielte ich es schon für besser, diesen Wechsel (möglichst knapp!) zu erklären.

mitspieler
01.06.2005, 00:26
Für mich ist der Werdegang recht gradlinig. Die Fähigkeiten für die Fahrradwerkstatt hatte ich mir aus dem Rennradbereich kommend autodidaktisch angeeignet (sollte das auch erwähnt werden...? ich glaub nicht, die Personaler sind froh über jeden Satz, den die nicht lesen müssen) Schrauben kann ich ganz gut und so hab ich damit mein Geld verdient. Bei der Ausbildung und Arbeit als Ergotherapeut konnte ich sowohl meine handwerklichen als auch die Kenntnisse aus dem Biologistudium verwenden. Und aus der Tätigkeit als Ergo = Arbeits-und Beschäftigungstherapeut kenne ich sehr viele Materialien, Arbeitsweisen und Werkzeuge, die sich in den Produkten der anvisierten Stelle wiederfinden, ich wäre da also in der Beratung sehr kompetent weil ich davon vieles aus eigener Erfahrung kenne (abgesehen von persönlichem Interesse).

Im persönlichem Gespräch hätte ich keine Bedenken, das klarzumachen - NUR, erstmal hinkommen... Aber im Bewerbungsschreiben, da klingt vieles schnell nach Schwallen oder Rechtfertigung. Ich neige mittlerweile mehr dazu, die Daten im Lebenslauf so stehen zu lassen und im Schreiben nur auf meine Kompetenzen hinzuweisen ("bei ihrem Sortiment bin ich vertraut mit... weil... ")

StephanK
01.06.2005, 00:38
Es ist Dir prima gelungen, jedenfalls mir zu erklären, wie da eines zum anderen gekommen ist und ich sehe jetzt auch, wo da die Linie ist.
Wenn Du das jetzt noch etwas konzentrierter und sprachlich mit ein bisschen weniger Erzähl-Ton umformulierst (und das kannst Du!), ist das für meine Wahrnehmung sehr geradlinig, nachvollziehbar und es kommt auch 'rüber, dass Du jeweils der bewusst und aktiv Handelnde warst/bist. :applaus:

mitspieler
01.06.2005, 00:58
Danke für die Blumen, wir haben es wohl beide klar erkannt :mrgreen: Erzählen kann ich das gut, aber ich hab Schwierigkeiten das schriftlich darzulegen, in einer Bewerbungs-geeigneten Form. Na ich werd jetzt erstmal drüber schlafen, vielleicht fällt mir ja dann was ein. Es heißt doch, negativ-Formulierungen sollten vermieden werden, anstelle "etwas weniger -Erzähl-Ton" such ich mal nach "etwas mehr..." - ach wenn ich das wüste

:nacht:

StephanK
01.06.2005, 09:17
Guten Morgen,
Bewerbung ist eine bestimmte Form der Werbung, also geht es darum, einen werbenden Ton zu finden.

Manche Methoden der Produktwerbung (Überraschungseffekte, ironisches Spiel mit dem Produkt-Image u.ä.) scheiden bei der Werbung für sich selbst natürlich aus.

Eine exakte Parallele zur Produktwerbung ist aber, dass Maßstab aller Dinge Kundenerwartung und Kundenhorizont sind. Und eine weitere Parallele die, dass Dein Produkt sich von dem des Konkurrenten unterscheiden muss (bei Dir sicherlich gegeben) - und zwar positiv unterscheiden. Teil Deines Produkts "Arbeitsleistung" ist, dass Du die Fähigkeit hast, neues anzupacken, Dich aktiv-handelnd auf veränderte Situationen einzustellen. Auch, dass Du sowohl mit Dingen/Waren als auch mit Menschen umzugehen gelernt hast - gut für ein Handelsunternehmen.

Noch etwas zur Kundenerwartung: Wenn Du Dich auf eine Anzeige hin bewerben willst, hast Du den Vorteil, etwas über die Kundenerwartung zu wissen. Lies die Anzeige nicht einfach nur, sondern werte sie aus: Meistens enthalten Anzeigen ausdrückliche Angaben über die gesuchten Eigenschaften eines neuen Mitarbeiters, aber so gut wie immer auch implizite, die z.B. in der Eigenbeschreibung des Unternehmens stecken. (Du hast das schon selbst getan, indem Du etwas über das Produktsegment ausgesagt hast.) "Wir liefern für ein anspruchsvolles Kundensegment..." wäre z.B. ein solcher Satz(teil) der Dir sagt, dass auch erwartet wird, Kunden nicht nur reine Produktinformation zu liefern und die Erfüllung funktionaler Anforderungen an Produkte zu versprechen, sondern das Gefühl von Exklusivität und persönlichem Service zu vermitteln.

Wenn Du dazu etwas in Deiner Bewerbung schreibst, zeigst Du dem Empfänger, dass Du Dich für die Aufgabe wirklich interessierst, darüber intensiv nachgedacht hast und Dir des Umstandes bewusst bist, dass kein Händler nur ein Produkt verkauft, sondern immer auch eine Produktanmutung und dass Du Dir auch das zur Aufgabe machen wirst. Ich denke, solche in einzelnen Wörtern oder auch nur Untertönen versteckten Dinge sind oft ebenso wichtig wie formale Qualifikationen oder bestimmte Berufserfahrungen, die velangt werden.

mitspieler
01.06.2005, 11:03
Hallo Stephan

Dein letzter Absatz ist sehr hilfreich. Ich vermute, daß solche Untertöne eher aufmerksamkeit finden als groß plaktativ Lobpreisungen. Nun muß ich noch an den Formulierungen feilen...