Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Hartz IV: "Arbeiten fürs Essen" sagt Müntefering
Betroffener
10.05.2006, 23:54
Jetzt rasten sie langsam aus - unsere Politiker.
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Arbeiten fürs Essen (http://www.zeit.de/online/2006/20/Schreiner?page=all) Die Zeit vom 10.05.06
Was bedeutet Hartz IV? SPD-Arbeitsminister Franz Müntefering hat es auf seine Weise erklärt. „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“, sagte er
Wenn es um Hartz IV geht, kochen in der SPD-Fraktion schon mal die Emotionen hoch. So geschehen zum Beispiel am Dienstag in der Fraktionssitzung. Diskutiert wurde dort das Optimierungsgesetz zu der umstrittenen Arbeitsmarktreform, die für den Staat seit ihrer Einführung um Milliarden teurer geworden ist als ursprünglich vorgesehen.
Der Arbeitsmarktpolitiker Ottmar Schreiner nahm dies zum Anlass einer umfassenden Abrechnung mit dem zentralen Reformwerk der rot-grünen Regierung. Hartz IV habe unter beschäftigungspolitischen Gesichtspunkten komplett versagt, schimpfte Schreiner. Die eingeführten Instrumente würden nun klammheimlich beerdigt. Von den Personal-Service-Agenturen, die einst als Herzstück der Reform gegolten hätten, sei schon lange keine Rede mehr. Die Ich-AGs würden soeben abgeschafft. Überlebt hätten nur die Ein-Euro-Jobs, die jedoch in keiner Weise dazu beitrügen, Arbeitslose in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren, hielt er der versammelten Fraktion und insbesondere dem Arbeitsminister vor.
Was man brauche, sei eine komplette Neuordnung der Beschäftigungspolitik und nicht ein Gesetz, das nur an den Symptomen herumdocktere und zudem Hartz-IV-Empfänger einer stärkeren Kontrolle unterwerfe als Steuerbetrüger, forderte der als streitbarer Linker bekannte SPD-Politiker außerdem.
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Vollständiger Artikel über den Link in der Überschrift.
Hallo Betroffener,
ich finde jemand der so etwas sagt:
Was bedeutet Hartz IV? SPD-Arbeitsminister Franz Müntefering hat es auf seine Weise erklärt. „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“,
hat noch nicht mal für nen Groschen Verstand, und von solchen Leuten wie Herrn Müntefering ist unser Leben abhängig. - soll er doch Arbeit für die Arbeitslosen besorgen, -aber das kann er wohl nicht.
- ich persönlich finde Herr Müntefering sollte zurücktreten und im Altenheim an einer kognitiven Gruppe teilnehmen um sein Gehirn zu schulen. Da kann er dann auch nicht soviel Schaden anrichten.
MfG
border
Ich finde diesen Satz völlig daneben. Und er macht mir mehr als nur Angst. Wo soll das denn enden?
Eine solche Äußerung ist nicht nur vollkommen daneben, sondern sehr beängstigend. Ich fragte mich eben wann zum ersten mal der Satz fällt... "Arbeit macht frei" ... ich glaube derartiges hatten wir auch schon mal. Ich meine damit frei von Zwängen auf Hilfen des Staates angewiesen zu sein.
Zynisch könnte man/frau sagen, der Mann ist Sauerländer und hat nicht alle Tassen im Schrank. Wäre allerdings eine Verunglimpfung aller Sauerländer. ;-)
Faktisch muss man/frau sagen, der Mann war bis vor kurzem noch Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei. Und in dieser Partei sind vollends alle Tassen aus dem Schrank gepurzelt. Widerspruch regt sich dort selten und führt im Grunde zu nichts. Schade, wie eine so traditionsreiche Partei vollends verlottert.
"Arbeiten fürs Essen" meint Müntefering - ich dachte mir "Arbeiten für dringend notwendige Anschaffungen" und habe gestern meine persönliche "Arbeitsmarktoffensive" gestartet. Meine Anfrage nach Arbeit auf dem sog. Ersten Arbeitsmarkt (4 versch. Tätigkeitsfelder in 3 Ortschaften) bei der zuständigen ARGE ergab absolut nichts. "Ich habe nichts für sie."
Tja, Franz, alter Büttenredner, was nun?!
StephanK
11.05.2006, 14:55
Wenn man der Wikipedia (http://de.wikipedia.org/wiki/Zwangsarbeit) glauben kann, ist dieser Spruch ein Zitat, und zwar ein sehr altes vom Apostel Paulus, das auch schon von einem der Urväter der Sozialdemokratie genutzt wurde, nämlich von August Bebel. Müntefering nehme ich ohne weiteres ab, dass er sich auf August Bebel bezog und beziehen wollte.
Aber von einem politisch denkenden und zumal einem politisch erfahrenen Menschen kann und muss man erwarten, dass er überlegt, in welchen Zusammenhang er solche Zitate stellt. Das gilt auch, wenn man einem Intim-Parteifeind ein's auswischen will.
Müntefering verliert den Bezug zur Realität, wenn er meint, Arbeitslosigkeit durch Quasi-Zwangsarbeit bekämpfen zu können.
Oder vielleicht doch nicht?
Wäre ein Gesetz wie dieses denkbar? Achtung - Fiktion! Der Bundesarbeitsdienst ist Ehrendienst am deutschen Volke. Alle erwerbsfähigen Hilfebedürftigen sind verpflichtet, ihrem Volke im Bundesarbeitsdienst zu dienen. Der Bundesarbeitsdienst soll die erwerbsfähigen Hilfebedürftigen im Geiste des Gemeinschaft und zur wahren Arbeitsauffassung erziehen. Der Bundesarbeitsdienst ist zur Durchführung gemeinnütziger Arbeiten bestimmt.Dieses - es sei noch mal hervorgehoben - fiktive Zitat ist einem historischen Beispiel nachgebildet, nämlich dem § 1 des Gesetzes über den Reichsarbeitsdienst vom 26.6.1935 (Quelle (http://balsi.de/3Reich/Organisationen/RAD/organrad.htm)). Ich bin mir nicht sicher, ob derlei nicht allmählich wieder denkbar wird... :kotz:
Hatten wir doch schon mal. Dann alle Arbeitslosen mit dem Spaten zum Autobahn Bau. Und Herr Müntefering macht den Feldwebel, und gibt uns etwas zu Essen. :patsch: :patsch:
„Wer nicht arbeitet, soll eben doch essen“
http://www.neuesforum.de/texte/engler.pdf
Dort heißt es zum Schluß:
„Ich sehe nicht, daß wir gegenwärtig geistig und politisch auf der Höhe dieser Problematik
sind. Aber der globale Prozeß, der uns schon jetzt die Ohren sausen macht, arbeitet nicht für
die Gesundbeter der Lohnarbeitsgesellschaft, sondern letztlich für eine Entzerrung von Arbeit
und Konsumtion, für ein Recht auf Leben und Lebensunterhalt anstelle eines illusionären
Rechts auf Arbeit, das in 100 Jahren noch illusionärer geworden sein wird, allein infolge des
technischen Fortschritts.“
Götz Werner sagt auch nichts anderes.
Ich denke wir sind die Zeitzeugen dieser Gesellschaftsentwicklung, sollten daran teilhaben und nicht in alten Schubladen wühlen um uns Angst zu machen. Wie auch immer?
StephanK
12.05.2006, 00:21
Es ist nicht meine Absicht, Angst zu machen. In einer gesellschaftlichen Übergangssituation (und wir befinden uns in einer solchen) gibt es aber meistens große Ausschläge des Pendels - rückwärts wie vorwärts. Ich halte einen Ausschlag nach rückwärts nicht für undenkbar, obwohl gleichzeitig zurecht am Mythos der Arbeitsgesellschaft immer kräftiger gesägt wird, denn die Gegenkräfte halten um so zäher an diesem Mythos fest.
Entwürfe einer Nach-Arbeitsgesellschaft gibt es eigentlich schon lange, seit dem ersten riesigen Rationalisierungsschub durch die Einführung der mechanisierten Fabrikarbeit im vorletzten Jahrhundert. Sie wurden meistens als utopisch abgetan, weil es gelungen war, ein im Grunde bäuerliches Arbeitsethos, das hinter dem "... soll auch nicht essen"-Spruch steckt, in das Industriezeitalter zu transferieren. Das funktioniert immer noch und wird in manchen Personen sogar noch halbwegs glaubhaft verkörpert.
Es fehlt aber noch an einem neuen Ethos, jedenfalls an einem, das sich auf die individuelle Ebene herunterbrechen ließe. "Ich will Spaß!" ist keine Forderung, auf der man gesellschaftliche Normen aufbauen könnte. "Die Wirtschaft muss funktionieren" ist viel zu abstrakt. Wie also sollen wir uns darüber verständigen, wer die verbliebene notwendige Arbeit gegen welches Entgelt verrichten soll?
Die Weltlandwirtschaft könnte ohne Problem 12 Milliarden Menschen ernähren. Das heißt, ein Kind, das heute an Hunger stirbt, wird ermordet.
Ich weiß nicht warum wir uns diese Vorwürfe von Politikern und Wirtschaftsbossen gefallen lassen sollen. Es gibt nicht genügend Arbeit, obwohl es genug Nahrung gibt. Die Verständigung kann doch nur über die Aufklärung funktionieren und nicht über die Angst, wie Erinnerung an schlechte Zeiten. Am neuen Ethos muß man halt (hart) arbeiten.
StephanK
12.05.2006, 22:54
Es gibt nicht genügend Arbeit, obwohl es genug Nahrung gibt.Das ist, jedenfalls für mich, ein ziemlicher Stolper-Satz.
Was bzw. wieviel ist "genügend" Arbeit :?: Genug Nahrung gibt es jedenfalls in diesem Land zweifellos, es gibt im großen und ganzen auch genug Behausungen, Bekleidung und sogar mehr als genug von allem möglichen anderen Schnickschnack. Für die Feststellung von Marktsättigung haben die Wirtschaftsstatistiker recht feine Instrumente.
Aber wieviel zum Kuckuck ist genug Arbeit? Wenn damit abhängige Lohnarbeit gemeint ist, wage ich die Behauptung: es gibt immer zu viel davon, denn nur ein verschwindend kleiner Anteil Menschen verrichtet sie ohne Notwendigkeit, und wahrscheinlich ein nicht wesentlich größerer Anteil verrichtet sie gern.
Wenn Du von einem 20-Wochenstunden-Job auskömmlich leben könntest, würdest Du 40 Stunden arbeiten? Wenn Du nicht gerade ein "zuhause-fällt-mir-die-Decke-auf-den-Kopf"-Typ bist, würdest Du es wahrscheinlich bei den 20 Stunden bewenden lassen, oder?
Also im Grundsatz sehe ich das Problem nicht in der Menge der zu verrichtenden Arbeit, sondern in deren Verteilung auf die Menschen, die auf Arbeitslohn angewiesen sind und in der Höhe der Löhne.
Allerdings kann man den Umstand nicht übersehen, dass die Menge der zu verrichtenden Arbeit auch deswegen zurückgeht, weil sie teilweise in sog. Billiglohn-Länder verlagert wird. Die hier verbleibende Arbeit kann man aber nicht in beliebig kleine Portiönchen verteilen, weil manche Tätigkeiten, die auf vier 10-Wochenstunden-Arbeitnehmer aufteilt würden, so nicht mehr sinnvoll ausgeführt werden könnten. Trotzdem wird es im Grundsatz nicht anders gehen, als die vorhandene Arbeit unter mehr Menschen aufzuteilen.
Wie man sicherstellt, dass die Menschen von dieser pro Person weniger gewordenen Arbeit leben können, ist wiederum ein Verteilungsproblem. Verteilungsmasse gäbe es genug, denn die Wirtschaft boomt trotz beständiger Klagen der Unternehmen über angeblich untragbare und ihre Konkurrenzfähigkeit beeinträchtigende Belastungen.
Ich wollte niemanden zum stolpern bringen!
Unter den gegebenen Umständen wären zwanzig Stunden bei vollem Lohnausgleich sicherlich richtig. Aber letztlich will doch keiner den Massenkonsum. Also individuelle Produkte und viele Arbeitsplätze mit individuellen Ideen. Ich denke man muß sich von diesem Größenwahn wieder befreien und klein anfangen. Kauf ich also einen Apfel beim hiesigen Bauern.
Wären die :kotz: Politiker konsequent, müßten zwischen 8 und 17 Uhr Todesschwadrone von Haustür zu Haustür gehen und jeden arbeitsfähigen, asozialen Fresser per Genickschuß von seinem Leid erlösen :engel: . Kranke und und Alte dürften verschont werden, da sie einen unschätzbaren Wert zur Aufrechterhaltung der deutschen Pharmaindustrie darstellen, indem sie willen- und klaglos unnütze, aber dafür umso kostspieligere Arzneien schlucken.
Also vorsicht, wenn es zwischen 8 und 17 Uhr an der Haustüre klingelt. Man kann ja nie wissen.
StephanK
13.05.2006, 08:12
Ich wollte niemanden zum stolpern bringen!Das ist doch nichts schlimmes :engel: Ich bin ja nicht hingefallen, sondern habe nur gestutzt und nachgehakt. Davon lebt Diskussion :lol:
Aber letztlich will doch keiner den Massenkonsum. Also individuelle Produkte und viele Arbeitsplätze mit individuellen Ideen. Ich denke man muß sich von diesem Größenwahn wieder befreien und klein anfangen. Kauf ich also einen Apfel beim hiesigen Bauern.Ich bezweifle, dass keiner den Massenkonsum will. Es gibt ihn nur, weil Massen massenhaft konsumieren wollen, und zwar (zwangsläufig) möglichst billig - ich erinnere nur an die "Geiz ist geil"-Werbekampagne eines Unterhaltungselektronikhändlers.
Dein Ansatz, den Apfel beim Bauen in der Nähe zu kaufen, ist mir sympathisch und in bestimmten Umfang mache ich das auch so. Aber die meisten Menschen haben sich daran gewöhnt, dass es alles Obst und Gemüse über's ganze Jahr gibt und kaufen halt von Februar bis Juli Äpfel aus Chile oder Neuseeland. Vergleichbares gilt für viele andere Warengruppen und im Hinblick auf Langlebigkeit und Reparaturfreundlichkeit von Gütern, die für weniger Konsum sorgen könnte.
Das wäre alles sehr wünschenswert im Hinblick auf ein nachhaltiges und umweltverträgliches Wirtschaften - steht aber im Widerspruch zu einer Wirtschaftsweise, die auf Gedeih und Verderb auf Wachstum angewiesen ist. Diese Erkenntnis ist schon etwa 35 Jahre alt und hat bestimmt noch nicht genug, aber immerhin doch schon einiges bewirkt. Sie hilft aber nicht über das Problem hinweg, dass gleichbleibender oder gar zurückgehender Warenkonsum bei weiteren Rationalisierungsfortschritten zwangsläufig zu geringer werdender Nachfrage nach menschlicher Arbeit führt.
Deswegen kann, was die Menge der zu verrichtenden und zu verteilenden Arbeit angeht, das Problem bestenfalls zum kleinen Teil im Sektor Warenproduktion gelöst werden. Arbeitsplätze wird es nur im Dienstleistungssektor geben, einschließlich des auf Waren bezogenen Bereiches, d.h. der Reparatur, Ausbesserung, Nachrüstung oder Modernisierung von Waren.
Aber auch da bestehen Probleme:
- Wenn es billiger ist, einen neuen (zu malaysischen Löhnen produzierten) PC zu kaufen als ihn hier nachrüsten und auf den aktuellen Stand bringen zu lassen, wird das nicht stattfinden, sondern ein neuer wird angeschafft werden.
- Wenn der Schuhmacher für eine Reparatur 40 € verlangt (und verlangen muss, um leben zu können), werfe ich den kaputten Schuh weg und kaufe für 35 € neue Treter, die zu diesem Preis nur in Brasilien produziert werden können.
Globalisierung und weltweites Gefälle in puncto Kosten und Löhne betreffen uns viel direkter, als uns im Alltag bewusst ist. :shock:
@ sedanon: Puh, das ist aber heftig... :?
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