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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Hartz IV - Kinder suchen in Mülltonnen nach Essbarem


DrByte
08.06.2005, 01:09
Versteckte Kinderarmut: Behörden und Sozialverbände wissen, dass auch Kempen keine Insel der Glückseligen ist. Auch Gewalt spielt vielfach eine Rolle.

Kempen. Kinderarmut ist ein heikles Thema. Vor allem in den sozialen Brennpunkten von Großstädten. Doch auch in Kempen gibt es Kinderarmut, und auch hier zeigt sie mitunter sehr erschreckende Gesichter. "Wir sollten uns nicht vormachen, dass wir da auf einer Insel leben würden", warnt Dieter Balsam vom Jugendamt. Zwar müsse kein Kind in Kempen Hunger leiden. "Meist treten Mangel-Erscheinungen dafür in anderer Form auf."
Vor allem Kinder aus Familien, die Hartz-IV-Unterhalt beziehen, hätten unter einem Mangel zu leiden. Balsam: "Wir merken das etwa daran, dass es Schwierigkeiten bei der Begleichung des Entgeltes für das Essen gibt." Mit etwa zwei Euro pro Tag müsste ein Kind auskommen. "Das macht rund 40 Euro, die zum Monatsbeginn ausbezahlt werden. Da ist es natürlich nicht immer einfach, diese Summe diszipliniert bis zum Monatsende nur für Essen zu verwenden."

900 Hartz-IV-Empfänger gibt es in Kempen, so Roland Müller vom Sozialamt. Darunter seien jedoch Familien mit Kindern und Einzelpersonen, so dass diese Zahl nur ein kleiner Anhaltspunkt sein darf. "Wieviele Kinder in Kempen unter Armut leiden", so Müller, "ist aus diesen Zahlen konkret nicht zu ersehen."

Abseits der Statistitk zeichnet Karin Rupprecht vom Kinderschutzbund ein sehr düsteres Bild. "Bildungsgleichheit ist nicht möglich. Kinder aus sozial-schwachen oder armen Familien kommen im Schulstoff nicht mit. Durch mangelhafte Ernährung haben sie häufiger gesundheitliche Probleme".

Solche Kinder litten verstärkt unter Entzündungen, Erkältungen und typischen Stresserkrankungen wie Rückenproblemen und Kopfschmerzen. Rupprecht: "Eine Studie belegt, dass arme Kinder doppelt so oft in Verkehrsunfälle verwickelt werden wie Kinder aus finanziell besser gestellten Familien."

Ein weiteres Thema: Gewalt. Rupprecht: "Gefrustete Eltern lasse ihre Wut in Form von Gewalt an ihren Kindern aus. Soziale Ausgrenzung und eine Verstärkung der Minderwertigkeitsgefühle nehmen natürlich zu."

Diese Zustände kann auch Dieter Sandmann von der Kempener Tafel bestätigen. Kinderarmut sei nicht leicht zu erkennen, würde oft aus Stolz übertüncht. "Da werden Kleider in der Familie oft mal getauscht, bevor man zur Kleidersammlung geht." Alamierend sei, dass in den Mülltonnen der Supermärkte nach Lebensmitteln gesucht würde. Auch von Kindern. "Ein Kempener Discounter stellt Samstagsabend das Altbrot auf die Laderampe. Bis Sonntagmittag ist alles weg."

Werner Rennes kann dies bestätigen. "Das hat gerade in den letzten Jahren zugenommen." Der Edeka-Händler aus dem Hagelkreuz stellt jeden Abend einen Karton mit brauchbaren Lebensmitteln nahe des Verfallsdatums zusammen, die er aus den Regalen räumen musste. "Dieser Karton ist jeden Morgen leer."

Quelle: http://www.wz-newsline.de/seschat4/200/sro.php?redid=84733