PDA

Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Üstra stellt „Fan-Beförderer“ ein (84 EEJ die keine sind)


border
10.06.2006, 12:09
Hallo Zusammen,

nun ist es endlich soweit Hannovers ÜSTRA (Nahverkehrsunternehmen) stellt 84 "Fan Beförderer" ein.
- diese im Auftrag der Üstra arbeitenden EEJ werden publikumsfördernd zur WM mit einem lockeren Spruch auf den Lippen marktgerecht eingeführt.
- auch an Polemik wird in diesem Artkel nicht gespart

daß Fahrgastservice jedoch keine zusätzliche Arbeitsaufgabe ist sondern hier schlichtweg Langzeitarbeitslose als Sklaven der Üstra vermarktet werden, die notwendige Arbeitsaufgaben erledigen die eigentlich von regulär bezahlten Arbeitskräften erledigt werden sollten, davon redet hier niemand.

hier der Artikel aus der HAZ vom 10.06.2006:


Üstra stellt „Fan-Beförderer“ ein

84 Langzeitarbeitslose helfen Fahrgästen in den Stadtbahnen

Klar sind sie Fußballfans. Und seit Freitag sind sie sogar als „Fan-Beförderer“ unterwegs: Hans-Joachim Heinze und Holger Sender sind zwei von insgesamt 84 Langzeitarbeitslosen, die die Üstra während der Weltmeisterschaft als Fahrgastbegleiter auf Ein-Euro-Basis in Zweierteams auf die Schiene schickt. Hauptsächlich sind sie in den Stadtbahnen der Linie 3 unterwegs, die zur Fan-Arena sowie zum Stadion führt. Fahrscheine verkaufen und kontrollieren dürfen die neuen Mitarbeiter allerdings nicht. Sie sollen Fahrgästen beim Ein- und Aussteigen helfen sowie beratend tätig sein – als echte „Fan-Beförderer“ eben. So ist es auch auf der Rückseite ihrer Poloshirts zu lesen, die sie zumindest an den Spieltagen als offizielle Arbeitskluft tragen sollen. 2600 Shirts hat das Fahrgastunternehmen an alle Mitarbeiter verteilt, die in den Bahnen arbeiten.
Weil jeder nur ein Shirt bekam, wird das Waschen also nur zwischen den Spielen möglich sein. Aber ein echtes Fan-Shirt wird ja erst von Schweiß richtig geadelt … hs



über das Vorspiel zu diesem Artikel könnt ihr hier lesen:

http://www.arbeitslosennetz.de/forum/viewtopic.php?t=70114&highlight=

ich hoffe auf Eure Meinungen hierzu, denn ich möchte der HAZ einen schönen, aber kurzen Leserbrief hierzu schreiben.

MfG

border

StephanK
10.06.2006, 12:44
"Zusätzlich" ist diese Aufgabe wohl schon, denn normalerweise muss man in den Straßenbahnen nicht SO viele Besoffene in Schach halten. Aber das Interesse einer Aktiengesellschaft, dass ihre Fahrzeuge nicht zu sehr leiden und der Verkehr einigermaßen flüssig läuft, ist eben kein öffentliches, sondern ein schlicht privatwirtschaftliches. Trotz allen Wortgeklingels sind solche 1-€-Jobs rechtswidrig. Weiss denn das Innenministerium (Kommunalaufsichtsbehörde (http://www.lexonline.info/lexonline2/live/voris/index_0.php?lid=70&id=147079&ev=P6&ev_counter=7) für Hannover) von diesem Treiben?

Betroffener
10.06.2006, 13:16
Stephan,

Du stellst manchmal "komische " Fragen. Natürlich wissen die davon - die Lesen ja auch Zeitung, sehen Regionalfernsehen und hören Rundfunk.

Nur wissen die nicht "offiziell" davon, damit sie nicht drauf reagieren müssen und werden schön die Füsse still halten, bis sie sich "offiziell" damit beschäftigen müssen. Auch dürften wieder die gleichen Amtsträger dahinter stecken wie weiter unten beschrieben (alles aus und in einer Hand)

Es scheint also wieder das typische kommunale Geklüngel sein, aus Landräten, anderen kommunalen Grössen und öffentlichen Betrieben die in Zusammenarbeit mit den Argen oder kommunalen Sozialbehörden (sind ja die gleichen Amtsträger :-), die sich über die Eingliederungstitel kommunale Aufgaben erschleichen - also immer unverhohlener Leistungsmißbrauch betreiben.

Der einzige Grund, warum die Kommunen gerade die arbeitslosen ALG2 und Sozialgeld-Empfänger selber "betreuen" wollen, ist das Abstreifen von Geld aus fremden Etats für eigene Zwecke (und der Bund möge doch bitte auch die Kosten der Unterkunft übernehmen) und eben genausolche Maßnahmen, aus Eingliederungstiteln kommunale Aufgaben bezahlt zu bekommen ohne dafür eigene Arbeitsplätze schaffen zu müssen.

Nur hat der Bund massive Probleme sich hier gegen Typen wie Koch & Co. zur Wehr zu setzen (wenn der jetzt auch noch stellvertretender CDU-Vositzender wird, bekommt das auch noch eine neue andere Qualität). Inzwischen ist auch in der hinterletzten Kommune angekommen, dass es auch für sie auch gut gewesen wäre, als Optionskommune zu optieren - denn die rechnen sich offensichtlich.

Wer auf der Strecke bleibt, sind die Arbeitslosen, für den sich aber sowieso nie jemand wirklich interessiert hat (Ausnahmen bestätigen die Regel).
Becks Anständigkeitsthema hätte (auch) hierhin zielen müssen.

Wenn es also in der Hauptsache nur um das verdeckte Abzapfen und Umleiten von Geld in die kommunalen Kassen geht (wobei die Länder jeweils auch noch gut klebrige Finger beim weiter leiten haben), müsste aus dieser Interessenlage heraus der Bund eigentlich knallhart reagieren und die Mißgeburten der ArGen und Optionskommunen sofort auflösen und in der BA alleine fort führen.

Insofern konnte die gesamte sogenannte Arbeitsmarktreform (mehr Arbeitslosenverwaltungsreform) nur scheitern und die Zusammenlegung von Sozialhilfe und Arbeitslosenhilfe ist unter diesem Hintergrund ein kapitaler Bock gewesen - von der Nichtvermittlung mal ganz abgesehen.

StephanK
10.06.2006, 16:39
Natürlich stelle ich komische Fragen... :engel:
(...) müsste aus dieser Interessenlage heraus der Bund eigentlich knallhart reagieren und die Mißgeburten der ArGen und Optionskommunen sofort auflösen und in der BA alleine fort führen.
Du weisst recht gut, das er das nicht kann und dass eine Änderung des SGB II in dieser Richtung am Bundesrat scheitern würde.

Wenn man das böse Wort von der "Arbeitslosenindustrie" ernst nimmt, kommt man nicht um die Erkenntnis herum, dass der Dauerstreit zwischen Bund und Ländern sich um Millionen billigster Arbeitskräfte dreht.

Auch insoweit lohnt mal wieder ein Blick auf den Zivildienst, dessen Abbröckeln einer der Gründe dafür ist, warum die Kommunen so wild auf Alg II-Billigarbeiter sind. Beim Zivildienst ist die Oberhand des Bundes unangefochten, weil er ja militärischer Ersatzdienst ist. Als aber die Parole ausgegeben wurde, Langzeitarbeitslose auf das Niveau der schon immer kommunalen Sozialhilfe herunterzudrücken, und gleichzeitig die Zivis immer weniger wurden und/oder kürzere Dienstzeiten hatten, wurden die Kommunen hellwach und witterten Morgenluft.

Im Rückblick kommt einem der ganze Bund-Länder-Streit vor drei Jahren bei den "Hartz-Reformen" hohl und aufgesetzt vor. Angeblich ging es darum, dass die Kommunen am besten wüssten, wie man Arbeitslose vermittelt. Wenn man die Praxis vor allem der 1-€-Jobs anschaut, scheint es eher darum gegangen zu sein, wer quasi kostenlose Arbeitskraft von zigtausenden einsacken darf :twisted:

Betroffener
11.06.2006, 03:04
Stephan,

Du hast die Verwaltungskostenpauschale nicht erwähnt. Auch die ist für Kommunen und karitative Einrichtungen zusätzlich zum Billiigarbeitskrätepotenzial sehr motivierend.