Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Schon wieder ein Hetzer namens Söder
geradeaus
29.07.2006, 22:23
Herr Söder findet es absurd ,wenn ein Arbeitsloser Urlaub bekommt vom Stellensuchen.
Bei zwei mal ablehnen soll seiner Meinung nach das ALG2 halbiert werden.
Wann kommen endlich Strafanzeigen gegen diese Hetzer.
Warum hält Angela Merkel nicht diese Hetzer zurück?
Women
Warum sollte ausgerechnet Angela den Söder zurückhalten? Der steckt doch für sie das Revier ab.
Tommi NRW
30.07.2006, 02:49
Wer selber täglich an Lobby verliert, tut gut daran sich dort zu vergehen, wo man ebenfalls kaum eine Lobby hat.
Für mich hört sich diese Forderung nach einem, wenn auch dürftigem, Hilferuf an um seinen eigenen Teller Brei zu retten.
Solche Forderungen werden aber m.E. schon bald zur Realität werden.
Noch unsicherer werden dann unsere Strassen werden, auf denen sich wegen "angeblicher" Faulheit zum Hungertod verurteilte ALG 2-Empfänger, erbitterte Kämpfe um Lebensmittel für ihre gerade verhungernden und verdurstenden Familien abliefern.
Wir lernen also: Man braucht keinen Atomkrieg um ein Endzeitszenario zu starten....die grosse Koalition bekommt das besser hin....ohne Verseuchung.
Sonst gäbe es ja im Kanzleramt kein Frischwasser mehr, damit das nächste Blumensträusschen lange hält.
Gruß Tommi
geradeaus
30.07.2006, 09:46
Warum sollte ausgerechnet Angela den Söder zurückhalten? Der steckt doch für sie das Revier ab.
Ich weiss ,das Angela mit ihm zusammenarbeitet,aber genau deshalb müsste sie ihm auf die Finger kloppen,wenn er in der Öffentlichkeit die ALG2 Leute alle pauschal in ein Topf wirft und aburteilt.
Der tut ja gerade so ,als würden jeden Tag jeder ALG2 Mensch die angeblichen Stellenangebote ständig ablehnen.
Das die Mehrzahl erst gar keine vernünftigen Angebote bekommt oder das seitens der Arbeitgeber auf Bewerbungen ständig Absagen kommen,wird aber nicht erwähnt.
Genauso finde ich dramatisch ,das andere Leute mir erzählen wollen,welche Arbeit für mich zumutbar wäre.Beziehungsweise es so gehandhabt wird.
Das müssen die Leute selber entscheiden und nicht vorschreiben lassen.Ich glaub es hackt.Lass mir von so einem Sesselfur....erzählen,der selbst warscheinlich keine Arbeit kennt,noch vorschreiben,was für mich zumutbar wäre oder nicht.
Mich stört einfach immer wieder bei dem Gehetze das in "einen Topf geworfene" und die Sätze >die Langeitarbeitslosen<.wo doch bei jedem der Hinterdrung und Geschehnisse anders sind.
Und wegen diesem einseitigen Anstacheln in der Öffentlichkeit sollte Angela Merkel ihre Mannen zurückhalten.
Denn durch diese Sprüche werden die noch nicht von ALG2 Betroffenen
erst recht gegen die ALG 2 Leute aufgestachelt.
Die Vorverurteilungen gegen ALG2 Leute werden Quasi in der Gesellschaft durch solche Reden ala Söder /Clement /Beck usw. nur noch weiter angeregt.
Gruss Women
geradeaus
30.07.2006, 09:47
Meine natürlich Gruss geradeaus
Sorry
Das ist alles so gewollt und wer das nicht versteht der tut mir leid !
Ich weiss ,das Angela mit ihm zusammenarbeitet,aber genau deshalb müsste sie ihm auf die Finger kloppen,wenn er in der Öffentlichkeit die ALG2 Leute alle pauschal in ein Topf wirft und aburteilt.
wie stupido schon meinte,die angela hat kein interesse daran! Der steckt schon das zukünftige terrain ab,für Hartz V!
Der tut ja gerade so ,als würden jeden Tag jeder ALG2 Mensch die angeblichen Stellenangebote ständig ablehnen.
In denen ihren augen ist es auch so.
Das die Mehrzahl erst gar keine vernünftigen Angebote bekommt oder das seitens der Arbeitgeber auf Bewerbungen ständig Absagen kommen,wird aber nicht erwähnt.
Natürlich nicht,so kann man weiter eine ganze soziale gruppe diskreditieren und ausbeuten.soviel auch zum thema "zumutbarkeit".Für diese ganze Kaste ist es so: sie bestimmen,was du annehmen musst.Am besten so einen drecksjob bei einer zeitarbeits oder leihbude.ebend um den unternehmen die gewinne zu erhöhen und wenn die dich wieder rausschmeissen,dir wieder geringeres ALG I zahlen zu müssen.
MfG
Codeman
Mal ernsthaft, was glaubt ihr denn was passieren würde wenn die Regierung (CDU war ja ebenso verantwortlich wie die SPD & die Grünen) zugibt das die Reformen zum größten Teil ein Griff ins Klo waren & gar nichts gebracht haben?
Viel sinnvoller ist es doch die Schuld für das eigene versagen bei den Opfern zu suchen, denen die sich kaum wehren können, so hat man die Möglichkeit es immer weiter zu verschärfen, Kosten einzusparen & der breiten (unwissenden) Masse Möglichkeiten der Besserung vorzugaukeln...
....den unternehmen die gewinne zu erhöhen und wenn die dich wieder rausschmeissen,dir wieder geringeres ALG I zahlen zu müssen.
Beißt sich da die Katze nicht selber in den Schwanz? Ich meine, die bezahlen mir dann zwar weniger ALG I, aber dafür habe ich dann die Möglichkeit, Wohngeld zu beantragen bzw. (wenn es das nun überhaupt nicht mehr geben sollte) aufstockendes ALG II. Oder nicht?
geradeaus
30.07.2006, 10:31
....den unternehmen die gewinne zu erhöhen und wenn die dich wieder rausschmeissen,dir wieder geringeres ALG I zahlen zu müssen.
Beißt sich da die Katze nicht selber in den Schwanz? Ich meine, die bezahlen mir dann zwar weniger ALG I, aber dafür habe ich dann die Möglichkeit, Wohngeld zu beantragen bzw. (wenn es das nun überhaupt nicht mehr geben sollte) aufstockendes ALG II. Oder nicht?
Noch kann man das kompensieren,fürchte nur,das die alles versuchen werden,soziale Leistungen,abzubauen.
geradeaus
@geradeaus
Was erwartest von der Frau Merkel, die folgendes gesagt hat?
"Wir haben wahrlich keinen Rechtsanspruch auf Demokratie und soziale Marktwirtschaft auf alle Ewigkeit.
Eine Antwort könnte lauten
"Wenn du mich nicht begehrst, verlasse ich dich. Deine Demokratie." :sad:
(Autor unbekannt)
geradeaus
30.07.2006, 10:51
http://www.stefanmueller.com/index.php?id=15&BackPID=15&tt_news=47´
Wollte den Link von der Seite von CSU Bundestagsabgeordneten Müller auch hier noch mal reinsetzen.
Er schlägt Gemeinschaftsdienst vor .Von Montag bis Freitag melden beim Amt,sonst Kürzung von ALG2.
Das würde manchen abhalten einen Antrag zu stellen.
Ist das nicht der ,der ehrenamtlich (ohne BEzahlung) die ALG2 Leute in Privatpflegejobs unterbringen will,als Gegenleistung für ALG2.
Ja ,das ist er,ich muss aufpassen,das ich nicht die Vorschläge von diesen vielen Hetzern durcheinanderbringe.
Muss aufhören,dem sein Gesülze macht einem noch krank.Wenn ich es nicht schon geworden bin durch diese Leute.
geradeaus :wut: :-x :shock:
StephanK
30.07.2006, 11:20
Ich finde, dass diese Diskussion langsam etwas holzschnittartig wird. Das ist schade, weil ihr Ausgangspunkt doch die holzschnittartigen Äußerungen des Herrn Söder waren und weil man auf die von ihm gesehenen Probleme eigentlich bessere und differenziertere Antworten haben sollte.
Wenn Herr Söder es absurd findet, dass man "Urlaub vom Stellensuchen" bekommen kann, dann versteht er entweder nicht, dass Stellensuche ein anstrengender Job ist, der einem auch psychisch ziemlich belastet und von dem man auch mal eine Aus-Zeit braucht - oder er will nur Stimmung machen.
Dass er nur Stimmung für Biertische in Bayern und anderswo machen will kann man der zweiten Äußerung entnehmen, nämlich mit der Forderung, dass das Alg II nach zweimaliger Ablehnung von (zumutbaren) Jobs halbiert werden solle. Nach mittlerweile geltendem Recht ist es nämlich so, dass die Regelleistung bei der zweiten Ablehnung eines zumutbaren Jobs bereits um 60 % gekürzt und bei der dritten das Alg II (also auch die Kosten der Unterkunft) komplett gestrichen werden kann.
Es kommt immer mal wieder vor, dass Politiker lauthals irgendwelche "Verschärfungen" fordern, die längst Gesetz sind (das gleiche Phänomen erleben wir z.B. regelmäßig beim Ausländer- und Asylrecht). Das zielt wirklich nur auf die Biertische, und zwar wird es, obwohl längst umgesetzt, als Forderung formuliert, um das Ressentiment aufrecht zu erhalten. Man könnte ja wahrheitsgemäß sagen: Die Sanktionen sind schon äußerst scharf und der Missbrauch ist vernachlässigbar selten, aber man würde sich damit selbst eines Themas berauben, dass immer wieder gut für die Erzeugung von Emotionen ist, nämlich von Sozialneid oder gar Hass. Darin sehe ich wirklich eine Parallele zur Diskussion um Ausländer und Asylsuchende - und auch das eigentlich Skandalöse. Leute wie Söder stellen sich nicht etwa hin und sagen: Wir haben das drastisch verschärft, und nun muss es auch mal gut sein, sondern sie legen immer noch ein neues Scheit in's fast schon erloschene Feuer, damit es weiter glimmt. Diese Technik wurde auch schon vor einem Dreivierteljahrhundert angewendet, und man kann sie nicht anders als Demagogie nennen. Genau deswegen und nicht wegen der (abwegigen) Inhalte kann ich dazu nur ganz laut pfui sagen.
Tommi NRW
30.07.2006, 14:45
StephanK schrieb:
Nach mittlerweile geltendem Recht ist es nämlich so, dass die Regelleistung bei der zweiten Ablehnung eines zumutbaren Jobs bereits um 60 % gekürzt und bei der dritten das Alg II (also auch die Kosten der Unterkunft) komplett gestrichen werden kann.
Das ist mir im Eifer des Gefechts entgangen :oops:.
Ich möchte aber trotzdem nochmal dazu stellung beziehen, weil Arbeitslose damit einmal mehr in das Licht gestellt werden, in so grossem Masse faul zu sein, dass derartige Sanktionen von Nöten seien und man diese Sanktionen sogar wiederholt vortragen muss.
Von Parteien wie CSU und CDU hat man sowieso nichts Anderes zu erwarten. Schon immer haben diese Parteien von der Ausbeutung des kleinen Mannes gelebt.
Solange es noch genug Beschäftigung gab und die Arbeitgeber ihre Raffgier im Zaum hielten, funktionierte dies ohne Murren auf beiden Seiten.
Mittlerweile wollen Arbeitgeber nur noch Löhne auf dem Niveau der Billiglohnländer zahlen und ihre satten Gewinne dadurch noch satter machen.
Ich hole mal etwas aus:
Mitte der 80er Jahre schossen plötzlich Unternehmungen aus dem Boden, die sich anboten, bei anderen Unternehmungen Betriebsoptimierungen durchzuführen. In diesem Rahmen wurde den Betrieben weniger gezeigt, wie man betriebliche Abläufe optimiert, sondern vielmehr, wie man Subventionen kassiert. Eine weitaus gravierendere Folge dieser "Optimierungen" war der jeweils vorgeschlagene Personalabbau, der nicht lange auf sich warten liess.
Die Regierung hat bei diesem Geschehen tatenlos zugesehen. Solche Subventionen, wo es statt um Stellenerhaltung um Stellenabbau ging, hätten bereits an dieser Stelle schleunigst unterbunden werden müssen. Hat man aber nicht getan, zahlt man heute noch.
In einer freien Marktwirtschaft, wie der Unseren, darf der Staat normalerweise nicht in das Wirtschaften der Betriebe eingreifen. Per Subvention ist dies dennoch passiert und die Folgen stehen klar und deutlich vor uns. Probleme bekamen kleinere Betriebe, die in Konkurrenz zu den "subventionswürdigen" Betrieben standen, weil sie eben keinen Anspruch auf Subventionierung hatten. Sie mussten nicht selten schliessen, weil ihre Produkte nicht mehr marktfähig waren, nachdem die Konkurrenz mit subventionierten, modernen Maschinen aufwarten konnte. Zahlreiche Entlassungen in nichtsubventionsberechtigen Kleinbetrieben waren das Ergebnis. Zwecks Legitimierung dieser Vorgehensweise argumentierte man häufig, dass man ein paar hundert Arbeitsplätze per Subvention gerettet hätte. Über die anderenorts dadurch bedingten Entlassungen, die die Zahl der "geretten" Stellen um ein Vielfaches überstiegen, hat man sich erfolgreich ausgeschwiegen.
Neben den sog. Optimierungsbetrieben hatten wir da noch die "Nieten in Nadelstreifen".
Diese Gesellen kommen aus einer anderen Liga und gehen zunächst dem Betrieb an den Kragen. Parasitär setzen sie sich im Kopf des Betriebes fest und agieren dort zum reinen Eigennutz.
Dabei handelt es sich um angebliche Spitzenmanager, die von Betrieb zu Betrieb ziehen um ihnen vermeintliche Umsatztsteigerungen zu verschaffen. Sie lassen sich für mehrere Millionen befristet einstellen und versprechen dem Chef einen neuen Spitzenumsatz.
Ein bekannter Trick dieser Klientel ist es, ein Produkt hochzupushen, indem erhebliches Kapital in dessen Werbung gesteckt wird, welches aus der Qualität des Produktes aber mangels Masse herausgezogen werden muss. Das funktioniert zunächst prima, weil der Verbraucher ein Weilchen braucht, bis er bemerkt, das dass Produkt seinen Preis nicht mehr wert ist.
Ist dies geschehen und das Produkt zum Ladenhüter geworden, wird der Spitzenmanager, belohnt mit besten Referenzen seines ehemaligen Chefs, bereits in einem anderen Betrieb sein Unwesen treiben.
Dem nachfolgenden Manager wird nun seitens der Firmenleitung die Schuld der plötzlichen Umsatzeinbrüche zugeschoben:"Bei ihrem Vorgänger hatten wir Umsatzsteigerungen. Sind sie unfähig?"...wird Chefchen dann tönen und toben.
Nein, der "Neue" ist nicht unfähig. Dieser "Neue" Manager wird nur noch versuchen können, den Betrieb durch Entlassungen im grossen Stil zu retten, weil ganze Produktserien mangels Qualität ausfallen werden.
Auch hier hatte die Regierung im Sinne des Volkes versagt, wollte von dieser Problematik nichts wissen.
Zu dieser Zeit sind die Weichen für unsere heutige Situation gestellt worden.
Mittlerweile sind die Betriebe zu nahezu perfekten Ausbeutungsmaschinen gediegen.
Das lästige Überbleibsel sind wir Arbeitsuchenden, die es nun zu eliminieren gilt.
Weitere Steuergeschenke an Betriebe sind nur dann möglich, wenn unsere sozialen Leistungen auf null gefahren werden. ALG-2 quasi abzuschaffen, indem es nur noch in seltensten Fällen ausgezahlt wird, hat somit höchste Priorität.
StephanK schrieb:
Wenn Herr Söder es absurd findet, dass man "Urlaub vom Stellensuchen" bekommen kann, dann versteht er entweder nicht, dass Stellensuche ein anstrengender Job ist, der einem auch psychisch ziemlich belastet und von dem man auch mal eine Aus-Zeit braucht - oder er will nur Stimmung machen.
Natürlich will er Stimmung machen. Die CSU hat zusehends an Ansehen verloren. Weil man sein Versagen nicht eingestehen will, schlägt man von dort auf jene ein, die bereits durch vorangegangene Hetzerei aus Politik und Medien, ebenfalls kein Ansehen mehr haben. Keineswegs würde man aus diesen Reihen heraus den Versuch starten, dem Grossunternehmer statt Steuergeschenk eine Steuerrechnung zu präsentieren.
Sind Hetzaktionen auch weiterhin von Erfolg gekrönt, was ich mir gut vorstellen kann, werden wir dadurch schlimme Zustände zu erwarten haben, wie ich es bereits am Anfang dieses Threads erwähnt hatte.
Jeglichen Hetzern wünsche ich, dass sie eines Tages auch an der Suche nach einem Arbeitsplatz verzweifeln. Ihnen müssen Sprüche wie "zu alt", "überqualifiziert", "falsch qualifiziert", "Sie wohnen uns nicht Betriebsnah genug", "Wir erhalten keine Fördergelder für sie"....usw...um die Ohren fliegen, während Politik und Medien ihnen Faulheit und Unflexibilität bescheinigen. Anschliessend muss ihnen der Regelsatzt gekürzt werden, während der Fallmanger einen EEJ als Spargelstecher heraussucht :twisted:.
Gruß Tommi
Betroffener
30.07.2006, 16:53
Für Interessierte zum Thema Arbeitsdienste ab 1914 bis 1945:
Unheil der Zwangsarbeit wird wieder belebt (http://www.nrhz.de/archiv%5F23/beitrag.php?id=1121)
Von Leistungskürzungen zur Arbeitspflicht (http://www.freitag.de/2005/23/05230601.php)
Wahrer Auslöser war schon damals die Industrie und das dahinter stehende Kapital - was wohl heute kaum anders ist, wenn man sich die Meinungsbilder der Bertelsmannstiftung &Co., INSM und IW, DIHK, usw. anschaut.
Wer sich dann noch anschaut, welche Medien nur alleine unter dem Dach der Bertelsmannstiftung direkt oder indirekt "aufgehängt" sind mit deutlich mehr als nur 25% am gesamten Mediensprektrum (von denen ein grosser Teil aufgrund ähnlicher Konstellationen ins gleiche Horn stößt), darf das tägliche Meinungsbild in Presse, Rundfunk und Fernsehen nicht verwundern.
RTL, SAT1, Kabel, n24, Focus, Stern, Spiegel, Tageszeitungen.
Dazu die Springergruppe und andere.
Daraus ergibt sich dann eine zielgerichtet Meinungsmache. Und sowohl das Veröffentlichen und Weglassen hat Methodik und die Form und Sichtweise der Veröffentlichung ebenso.
Es ist oft sehr interessant, wie ein und dieselbe dpa-Meldung in den verschiedenen Medien unterschiedlich dargestellt wird - von teilweise sinnentstellenden Verkürzungen ganz zu schweigen.
Als ich in den 1970ern meine Lehre bei der DEMAG AG (mittlerweile auch „geschluckt“) machte, habe ich mich als Gewerkschafter aktiv engagiert. Damals wähnte ich mich im tiefsten Kapitalismus und jeder Vorstand, gleich welcher Aktiengesellschaft, war für mich ein „Ausbeuter“.
Nicht die sog. Altersweisheit hat mich milder gestimmt, sondern die von Tommi trefflich beschriebene Entwicklung im Bereich der „Führungsetagen“.
Nehmen wir als konkretes Beispiel die Mannesmann AG: Der damalige Vorstandsvorsitzende konnte durch die Politik der Brandt/Genscher-Regierung (Ost-Verträge) einen gelungene Deal mit der UdSSR machen: Das millionenschwere Röhrengeschäft. Dies sicherte über Jahre die Auftragslage und die Beschäftigung. Jener Vorstandsvorsitzende (mir fällt partout der Name nicht mehr ein) fühlte sich auch als „Mannesmann“ und hatte drei Ziele vor Augen:
- die Mannesmann AG als Gesamtheit
- die Umsatzentwicklung, die auch den Aktionären zugute kam
- und die Beschäftigten
Der letzte Vorstandsvorsitzende dieser AG, Esser, gehörte dann schon zu der Generation von "Nieten in Nadelstreifen". (Zitat von Tommi: „Diese Gesellen kommen aus einer anderen Liga und gehen zunächst dem Betrieb an den Kragen. Parasitär setzen sie sich im Kopf des Betriebes fest und agieren dort zum reinen Eigennutz.“) Während er den Konzern an Vodaphone verschacherte und sich eine fürstliche Abfindung einverleibte, konnten sich gleichzeitig die Mannesmänner in Düsseldorf arbeitslos melden.
Tja und das ist Kapitalismus pur; den jetzt so entfesselt zu erleben hätte ich mir zu Beginn meiner Lehre, trotz reichlicher Phantasie, nicht vorstellen können.
Und so plumpe Toren in der Politik, wie Herr Söder, erlebte ich damals nur in den Reihen der *N*P*D* mit ihren Demagogen und den täglich verkündeten Latrinenparolen. :evil:
P.S.: Thesaurus schlägt in Word als Synonym für Politik das Wort Durchtriebenheit an. ;-)
Tommi NRW
30.07.2006, 23:09
@Betroffener: Das sind hochinteressante Links, die man sich unbedingt durchlesen muss. Dankeschön dafür :-) .
Ich habe mir mal ein paar Sätze daraus genehmigt:
Damals hieß es: "Denn du bist Deutschland". Der Begriff der Asozialen für angebliche "Drückeberger" wurde erfunden.
Das kommt mir doch sehr bekannt vor...wer hetzte da kürzlich mit diesem Slogan per Mattscheibe gegen Arbeitslose und hat die Taschen voll mit unserem Geld? Das Waren doch unsere Prommis - nicht wahr?
Diese gesellschaftlichen Bedingungen haben die Kirchen genutzt, um ebenfalls im großen Stil Zwangsarbeiter zu beschäftigen.
Und noch eine Parallele.....
Im August 1914 wurde die "Reichszentrale für Arbeitsnachweise" gegründet. Sie organisierte Massentransporte zur Erntehilfe......
Ich vermute, das auch Spargelstechen ein Teil der Erntehilfe war.
Zuchthaus und Konzentrationslager für "Arbeitsscheue" und "Asoziale"
Von bestimmten Fehlzeiten an, die das Arbeitsbuch erkennen ließ, galt man als "Arbeitsscheuer" oder "Asozialer", der Repressalien bis hin zu Freiheitsentzug unterworfen werden konnte.
Das könnte durchaus eine Folge der Hetze gegen Arbeitslose werden.
@effge: Ein wunderschönes Beispiel, wie man Betriebe in Deutschland hinrichtet, während Politiker grinsend danebenstehen und Blumensträusse für ihre "Heldentaten" empfangen :applaus:.
Tja und das ist Kapitalismus pur; den jetzt so entfesselt zu erleben hätte ich mir zu Beginn meiner Lehre, trotz reichlicher Phantasie, nicht vorstellen können.
Hätte mir jemand während meiner Lehrzeit in den 80gern gesagt, wie weit wir bis heute abgerutscht sind, hätte ich dies ebenfalls nicht für möglich gehalten. Obwohl es schon damals schwierig war, eine Lehrstelle und danach einen Arbeitsplatz zu bekommen, hätte ich nie gedacht, dass es einmal derart eskalieren wird. Das eine Regierung, die dieses Problem nicht im Sinne des Volkes zu lösen vermag, statt dessen noch das Volk verhetzten und weiterhin regieren darf, hätten meine kühnsten Träume nicht hergegeben.
Gruß Tommi
Betroffener
31.07.2006, 01:12
Hallo Tommy,
ich lege mal noch ein paar Kohlen nach ...
Zitat:
Damals hieß es: "Denn du bist Deutschland". Der Begriff der Asozialen für angebliche "Drückeberger" wurde erfunden.
Das kommt mir doch sehr bekannt vor...wer hetzte da kürzlich mit diesem Slogan per Mattscheibe gegen Arbeitslose und hat die Taschen voll mit unserem Geld? Das Waren doch unsere Prommis - nicht wahr?
Leider nicht so ganz getroffen - obwohl die auch dabei waren. Aber hier werden Sie wirklich geholfen:
Du solltest Dich mal näher mit der Bertelsmannstiftung und deren sehr sehr weiten Dunstkreis konkret auseinandersetzen. DIe arbeiten auch oft mit dem INSM und dem IW zusammen. Also Einführung sehr interessant:
Bertelsmann: kritische Informationen und Materialien (http://www.wiki.bildung-schadet-nicht.de/index.php/Bertelsmann-kritische_Informationen_und_Materialien)
Die "Muttergesellschaft" aller Lobbyisten ist die Bertelsmannstiftung.
Die Bertelsmann-Stiftung ist Inhaberin der Bertelsmann AG, des größten deutschen Medienkonzerns. (u.a. RTL, RTL 2,Vox, Stern, Brigitte, Eltern, Capital, Financial Times Deutschland, Berliner Zeitung, Berliner Kurier, Spiegel (24,75%) usw.)
Die Bertelmann Stiftung und die vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall finanzierte INSM betreiben eine Art Arbeitsteilung bei der Vermittlung neoliberaler Propaganda an die Öffentlichkeit. Wo Bertelsmann als Medienkonzern nicht offensiv PR betreiben kann, ohne Misstrauen zu erregen oder den eigenen Ruf zu schädigen, wird die INSM tätig. Bertelsmann liefert dafür Hintergrund-Studien und bietet der INSM in seinen Medien ein Forum, zum Beispiel als Medienpartnerschaft mit dem Bertelsmann-Blatt Financial Times Deutschland (50%ige Bertelsmann-Tochter). Einer der Geschäftsführer ist Tasso Enzweiler, zuvor Chefreporter der Financial Times Deutschland. Das Kuratorium der INSM berreichert Oswald Metzger, Bündnis 90/Die Grünen, "Fellow" der Bertelsmann Stiftung.
INSM und Konsorten (http://www.flegel-g.de/bdt-insm.html)
Was da so alles abläuft vor, zwischen und hinter den Kulissen, wer da alles direkt und indirekt verflochten und verwoben ist, das geht auf keine normale Kuhhaut mehr - und die meisten Namen hört, sieht und liest man mehr oder weniger regelmässig in den Medien.
Welcome to Lobbyland! (http://www.heise.de/tp/r4/artikel/23/23009/1.html) Jörn Hagenloch in Telepolis vom 03.07.2006
15.000 Interessenvertreter kämpfen in Brüssel um Macht und Einfluss in der EU. Ein neuer "Reiseführer" gibt Einblicke in das Lobby-Paradies
5.000 Lobbyisten haben einen Hausausweis für das europäische Parlament. Verbissen wird hier und bei der EU-Kommission darum gekämpft, dass sich die Interessen ihrer Auftraggeber in EU-Gesetze, Richtlinien und Verordnungen verwandeln. Konzerne, Industrie- und Wirtschaftsverbände leisten sich eine ganze Armada von Mitarbeitern, Think Tanks, Anwaltskanzleien, PR-Agenturen und wissenschaftlichen Instituten. Wer wen beauftragt und in welcher Höhe finanziert, ist unklar. Denn es gibt keine Verpflichtung zur Offenlegung und Transparenz. Wie groß der Einfluss wirtschaftlicher Interessen in Brüssel ist, zeigt "Lobby Planet", herausgegeben von LobbyControl (http://www.lobbycontrol.de/blog/) und dem Corporate Europe Observatory (http://www.corporateeurope.org/) . Die als Reiseführer gestaltete Infobroschüre ist jetzt auf deutsch erschienen (http://www.lobbycontrol.de/blog/index.php/lobby-planet-bruessel/)
Während sich manche neben ihren Diäten bereits ein üppiges Zubrot verdienen, gibt es manchmal auch erst nach der politischen Karriere ein "Dankeschön". Willfährige Abgeordneten oder Beamten werden nicht selten für ihr Engagement im Sinne wirtschaftlicher Interessen mit lukrativen Posten belohnt.
Anmerkung: Das ist in Deutschland nicht anders. Es wird immer mehrgleisig gefahren.
Die Sinnlosigkeit diverser "Experten-Diskussionen", Gesprächen bei Maischberger, Friedmann und Co. sowie Christiansen - demnächst Übernahme durch Jauch, mag sich jeder mit etwas Phantasie selbst zusammenreimen. Bislang hatte jeder wie Nina Ruge, Beckmann, Pflaume, Plasberg und wie sie alle heissen, seinen persönlichen Vorteil davon, Ihren Namen (und "Ihre" Sendung für verschiedene Wirtschaftsbranchen mehr oder weniger schleichwerbend sehr erfolgreich zu vermarkten.
Plasberg, hart aber wohl nicht fair! (http://www.nachdenkseiten.de/cms/front_content.php?client=1&lang=1&idcat=5&idart=1691) Wolfgang Lieb/Albrecht Müller NachDenkSeiten vom 12.05.2006
„Eine politische Talk-Show ist schnelllebig. Auch in 90 Minuten bleibt oftmals keine Zeit, Aussagen der Gäste auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu prüfen. Deshalb hakt "Hart aber fair" nach und lässt einige Behauptungen von renommierten Experten unter die Lupe nehmen. Sind sie wahr oder entbehren sie jeder Grundlage? Die Antworten gibt es am Tag nach der Sendung, hier im Faktencheck.“ So heißt es auf der Website des wdr zu Frank Plasbergs Sendung vom 10.5.06 zum „Reizthema“ „Arm trotz Arbeit“. War Plasberg bei der Auswahl seiner Experten aber wirklich fair?
Komplott ist noch ein freundlicher Begriff dafür.
Nachtrag: Gerade gefunden bei der Financial Times Deutschland (50% Bertelsmann - siehe oben):
Kanzleramt sagt Lobbyisten Kampf an (http://www.ftd.de/politik/deutschland/100331.html?nv=cd-topnews) FTD vom 30.07.06
In der Diskussion um die Gesundheitspolitik und die Reform der Unternehmenssteuern hat Kanzleramtsminister Thomas de Maizière (CDU) scharfe Kritik am Verhalten von Lobbyisten geübt. "Lobbygruppen sind keine Opposition in der Demokratie", sagte de Maizière der Financial Times Deutschland, "auch wenn es so scheint, weil die Opposition derzeit weniger auffällt."
weiter lesen (http://www.ftd.de/politik/deutschland/100331.html?nv=cd-topnews)
Au ja - den "Film" möchte ich wirklich sehen.
Hinter der nüchternen Tätigkeitsnummer B 7632-100 verbirgt sich bei der Bundesagentur für Arbeit seit neuestem ein Beruf, den kaum jemand kennt, von dem aber viele sprechen.
Alleine in Berlin sind rund 2000 Lobbyisten beim Bundestag registriert und können dort ein- und ausgehen zu "ihren" Abgeordneten (auch ein gewisser Gerhard Schröder gehört dazu und vertritt den Schweizer Verlag Ringier (nicht etwa Gasprom).
In Brüssel sind es 15.000 Lobbyisten mit 5000 beim Parlament registrierten zwecks Direktzugang.
Leider kann sich der interessierte Bürger das Entstehen so mancher merkwürdiger Gesetze kaum anders erklären, als dass den Politikern freundlichst die wohlwollende Hand geführt wurde. Was derweil die andere Hand tut (öffentlich, offen, geschlossen, in der Tasche, auf dem Tisch), bleibt die interessante offende Frage.
Zu der Kennziffer B 7632-100 „LOBBYIST / IN“ bei der Arbeitsagentur (gefunden bei Deutsches Institut für Public Affairs (DIPA) (http://www.dipa-berlin.org/newsletter_1/news_051107/):
ARBEITSAMT-BERUFSKENNZIFFER B 7632-100 „LOBBYIST / IN“
Wie wird man „Lobbyist/in“? Die Bundesagentur für Arbeit weiß es. Unter der Identifikationsnummer 14963 und Systematiknummer B 7632-100, Einzelkennziffer 763 listet sie im Berufskennziffernverzeichnis unter der berufskundlichen Gruppenbezeichnung „Tätigkeiten mit unterschiedlichen Qualifikationen“ seit neuestem auch diesen Beruf auf. Im Online-Verzeichnis BerufeNet der Nürnberger Behörde findet sich zumindest die Beschreibung.
Schade nur, dass in der bundesweiten Online-Stellenbörse so gut wie nie eine Ausschreibung für „Lobbyist/in“ – behelfsweise für „Tätigkeitsvarianten: Politikberater/in, Public-Affairs-Consultant“ – gefunden wird. Wer die offizielle Datenbank bemüht, erhält zu jeder Jahreszeit und Konjunktursituation aller Wahrscheinlichkeit nach die Mitteilung „Zu Ihrer Suchanfrage konnten keine Ergebnisse gefunden werden. Falls Sie die Suche wiederholen möchten, ändern Sie bitte Ihre Suchkriterien.“ Die weitere Recherche ergibt zudem, dass die Nürnberger Berufestatistik unter der Kennziffer 763 vorrangig „Verbandsleiter/innen, Funktionäre/innen“ zählt.
Aber was die Nürnberger Statistiker da zählen, passt nicht unbedingt zu dem Berufsbild, das im BerufeNet steht. Nicht jeder Verbands- oder Organisationsfunktionär betreibt Lobbying. Und schon gar nicht ist jeder Lobbyist ein „Verbandsleiter/in, Funktionär/in“.
In der Schriftenreihe „DIPApers“ jetzt erschienen: „Beruf: Lobbyist. Karrierewege und Professionalisierung in der Interessenrepräsentation – Eine Einführung“. Der Text vermittelt einen Überblick über die Einsatzbereiche und Perspektiven von Lobbyisten in Deutschland. Als PDF abrufbar unter: http://www.dipa-berlin.org/wissen/dipapers/
Das möchte ich nun nicht weiter kommentieren :engel:
Tommi NRW
31.07.2006, 15:04
Sehr lesenswerte Links, Betroffener. Ich danke Dir dafür :-) .
Unverfälschte Berichterstattungen kann man von Sendern und Moderatoren, die neoliberales Gedankengut in sich tragen, nicht erwarten.
Die gewissen Talkshows, die auch daraus resultieren, sehe ich mir schon lange nicht mehr an.
Zumal sehr leicht erkennbar ist, was dort bewirkt wird. Wehe dem Teilnehmer, der sich dort für Arbeitslose einsetzt oder auf den Punkt bringt, dass wir dem Imperialismus mit wehenden Fahnen entgegenlaufen. Der wird beschimpft, dem wird das Wort abgeschnitten - "Nein, sie haben schon zulange geredet, jetzt ist Graf Koks dran".
Beim Durchlesen der Links klärt sich, warum sich auch Teile der reichen Prominenz gerne für Hetzkampagnen gegen das deutsche Volk zur Verfügung stellen. Noch ein Grund mehr für mich, diesen Prommis ein lautes "Pfui" zuzurufen, zumal sie sich im Übermass am Volk bereichert haben.
An einer Stelle wird davon gesprochen, dass irgendwann 10% der Bevölkerung für die Produktion, der für das Volk nötigen Güter, ausreichen werden.
Wenn nun praktisch das gesamte Volk Arbeitslos ist, wird auch keiner diese Produkte kaufen können. Wovon schöpft man dann noch Gewinne ab?
Ausgehend davon, dass man sich diese Frage auch in den neoliberalen "Denkfabriken" gestellt hat, kann man klar herausstellen, dass es um die einmalige Abschöpfung des gesamten Kapitals ohne Rücksicht auf Verluste und Volkseigentum geht.
Dafür wird man gerne auch weiterhin gegen Arbeitslose hetzen.
Gruß Tommi
StephanK
31.07.2006, 18:35
An einer Stelle wird davon gesprochen, dass irgendwann 10% der Bevölkerung für die Produktion, der für das Volk nötigen Güter, ausreichen werden. Wenn nun praktisch das gesamte Volk Arbeitslos ist, wird auch keiner diese Produkte kaufen können. Wovon schöpft man dann noch Gewinne ab?Das mit den 10 % ist zu kurz gedacht bzw. der Begriff Güter wird mit Waren verwechselt.
Waren haben wir im Überfluss, an bestimmten Gütern haben wir aber deutlichen Mangel, vor allem an etlichen Dienstleistungen.
Bei manchen Waren kann man sich auch fragen, ob es eigentlich so sinnvoll ist, sie zu importieren statt sie hier zu produzieren, aber diese Frage wird unter den Bedingungen einer Weltwirtschaft nur höchst ungern gestellt. Da es sich dabei überwiegend um landwirtschaftliche Waren handelt muss man allerdings auch einräumen, dass deren Produktion hierzulande auf das Problem stösst, dass nur wenige Leute zu dieser harten Arbeit bereit sind.
Viele Dienstleistungen hingegen kann man nur hier produzieren. Wenn ich akut krank bin, kann ich nur hier in's Krankenhaus (selbst wenn ich für die planbare Zahnprothektik lieber in's billigere Polen oder nach Slowenien fahre). Meine Kinder können nur hier in die Schule gehen, und meine Waschmaschine kann ich nicht zur Reparatur mal eben schnell nach Portugal bringen. Dafür und für viele andere Dienstleistungen braucht man Menschen, und zwar hier.
Das Problem ist, dass wir vielleicht inzwischen eine Dienstleistungsgesellschaft sind, unsere Wirtschaftspolitik und auch das dahinterstehende Denken aber noch nicht an einer Dienstleistungswirtschaft, sondern ganz überwiegend noch an einer Warenwirtschaft ausgerichtet ist. Dafür gibt es viele Gründe, und einige davon haben mit Gewohnheiten und Mentalitäten zu tun. Bei einigen Dienstleistungen sind wir daran gewöhnt, dafür bezahlen zu müssen, z.B. wenn wir zum Friseur oder zum Rechtsanwalt gehen. Bei vielen anderen Dienstleistungen dagegen sind wir gewöhnt, dass es sie "umsonst" gibt: sei es, weil sie traditionell innerhalb der Familie erbracht werden (oder wurden), sei es, weil sie lange von der öffentlichen Hand und für die Bürger/innen kostenfrei erbracht wurden. Neue Dienstleistungen, die gegen Bezahlung angeboten werden, haben das Problem, gegen diese "Umsonst-Gewöhnung" anrennen zu müssen. Das gilt verschärft für Dienstleistungen, die Privatleuten angeboten werden*, aber auch für solche, die Unternehmen angeboten werden.
Warum überhaupt diese Überlegung? Weil neue Arbeitsplätze nicht in der Warenproduktion entstehen werden. Für die Warenproduktion werden tendenziell immer weniger Menschen gebraucht, so dass neue Arbeitsplätze nur im Dienstleistungssektor entstehen können. Manche Waren, vor allem solche aus "exotischen" Rohstoffen, werden inzwischen auch in den Ursprungsländern dieser Rohstoffe hergestellt und als lukrativer als Fertigwaren exportiert.
Wenn mehr Leute als Dienstleister leben sollen muss man völlig neue, marktfähige Dienstleistungsangebote entwickeln, und zwar vor allem solche, die nicht einfach ausgelagert werden können. Vor zwanzig Jahren glaubte man noch, die Entwicklung von Computerprogrammen werde auf lange Zeit auf die USA, Japan und Europa begrenzt sein. Wenn wir heute auf die südostasiatischen "Tigerstaaten", auf Indien und demnächst China schauen, sehen wir, dass auch dort das Potenzial für solche hochqualifizierten Dienstleistungen besteht. Dort ist Konkurrenz, die Löhne können dort (noch) wesentlich niedriger sein, und die Standorte für solche Dienstleistungen sind im Grunde beliebig. Deswegen ist der Aspekt der Ortsgebundenheit so wichtig geworden. Die Oma aus Bottrop kann ich nicht nach Malaysia schicken, weil dort die Altenpfleger billiger sind, weitere Beispiele siehe oben. Es wird also schwerpunktmäßig um Dienstleistungen am Menschen gehen müssen.
Das Problem dabei ist die herkömmliche Lohnstruktur. Die sieht (oder sah) so aus, dass (vor allem hochproduktive) Jobs in der Warenproduktion ziemlich gut bezahlt werden und Dienstleistungen überwiegend ziemlich schlecht, von Spezialisten wie Entwicklungsingenieuren, Steuerberatern u.ä. mal abgesehen. Kindergärtner(innen), Kranken- und Altenpfleger(innen), Pädagog(inn)en aller Art verdienen traditionell weniger als Facharbeiter und gelten nicht zuletzt deswegen als Berufe für "Idealisten".
Bei Dienstleistungen, die wir direkt bezahlen, ist unsere Zahlungsbereitschaft in der Regel auch nicht sehr ausgeprägt: Die Rechnung der Kfz-Werkstatt oder beim Friseur bringt uns oft zum Stirnrunzeln; erst recht die vom Glaser, Fliesenleger oder Elektromonteur. Wenn wir selbst handwerklich halbwegs geschickt sind, werden wir oft überlegen, ob do it yourself eine Alternative ist (das in diesem Zusammenhang naheliegende Thema Schwarzarbeit blende ich hier mal aus). Wir bezahlen die meisten Dienstleistungen nicht gerne und haben die Tendenz, sie nur dann in Anspruch zu nehmen, wenn wir mit do it yourself gar nicht mehr weiterkommen.
Deswegen wird eine funktionierende Dienstleistungsgesellschaft nur entstehen können, wenn unsere do-it-yourself-Mentalität sich ändert.
Neue Arbeitsplätze wird es kaum durch neue Fabriken geben, denn diese neuen Fabriken sind im Vergleich zu denen vor 20 oder 30 Jahren so gut wie menschenleer. Neue Arbeitsplätze wird es dann geben, wenn wir nicht mehr so viel wie möglich selbst machen und - das ist natürlich ganz wichtig - genügend Geld in der Tasche haben, um mehr Dienstleistungen auch zu bezahlen.
________________________
*Übrigens - kleine Abschweifung - kann man das auch über Foren wie dieses sagen. Natürlich hätten die meisten, die sich hier Rat holen, kein oder kaum Geld, um dafür zu bezahlen. Aber es gibt auch Dutzende von Foren, in denen sich z.B. Kleinunternehmer Rat für ihre Fragen von anderen holen (oft werden es sogar Konkurrenten sein). Diese Leute wären vermutlich überwiegend in der Lage, für eine professionelle Beratung zu bezahlen; dass sie es nicht tun, ist auch "Umsonst-Mentalität".
kleine Abschweifung
Dazu würde ich mal einen neues Thema anfangen. Wenn ich mir mal deine 5277 Beiträge anschaue und die alle jeweils eine konkrete Frage beantwortet hätten und du mal 10 € plus Mwst. pro geleisteten Beitrag genommen hättest und … . Da fällt einem sicher noch mehr zu ein.
:lol:
vBulletin® v3.8.7, Copyright ©2000-2012, vBulletin Solutions, Inc.