Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : ALG-II-Empfänger sollen Lernmittel selbst bezahlen
ALN - Robot
11.08.2006, 10:50
Schulkinder ohne Schulbücher?
ALG-II-Empfänger sollen Lernmittel selbst bezahlen
Eltern zahlen einen Beitrag für die Schulbücher ihrer Kinder.
Nur sozial Schwache waren davon bislang befreit.
Doch wer von Arbeitslosengeld II lebt, muss ab diesem Schuljahr selbst für die Schulbücher aufkommen
- falls die Kommune nicht einspringt.
Der Artikel zur Meldung hier... (http://www.wdr.de/themen/wissen/bildung/brennpunkt_schule/lernmittel/lernmittel/060811.jhtml?rubrikenstyle=wissen)
Gut, ich bin davon nicht wirklich betroffen, weil ich keine Kinder habe, aber ich würde sie ohne Schulbücher zur Schule schicken...
Wenn das ausreichend Eltern machen, muss die Schule, Komune, Stadt, ... einspringen
StephanK
11.08.2006, 11:35
Der Beitrag arbeitet gut heraus, wie es sich auswirkt, dass das Land dieses Problem bei den Kommunen abgeladen hat: In Städten mit klammem Haushalt geht dann eigentlich nix mehr, wenn nicht eine beherzte Stadtverwaltung sagt: Unsere Kinder sind uns auch einen Konflikt mit dem Regierungspräsidium wert.
Wir haben's weit gebracht, wenn Stadtkämmerer und -räte sozusagen begrenzte Illegalität in Kauf nehmen müssen, um allen Schulkindern zu Schulbüchern zu verhelfen. Solche Geschichten würde man eigentlich aus Ländern wie Moldawien erwarten... Ich habe es schon einmal zum gleichen Thema in einem anderen Diskussionsfaden geschrieben: Das ist eine Schande !
Betroffener
11.08.2006, 13:31
Richtig - wo stand das doch gleich mit der Lernmittelfreiheit als Grundrecht?
StephanK
11.08.2006, 13:37
Richtig - wo stand das doch gleich mit der Lernmittelfreiheit als Grundrecht?In Art. 9 Abs. 2 der Landesverfassung von Nordrhein-Westfalen:Einführung und Durchführung der Schulgeldfreiheit für die weiterführenden Schulen sowie der Lehr- und Lernmittelfreiheit für alle Schulen sind gesetzlich zu regelnAber "Freiheit" ist ein interpretationsfähiger Begriff - anscheinend auch, wenn es "nur" um Kostenfreiheit geht... :sad:
MollRops
11.08.2006, 13:52
Als ich noch zur Schule ging, gab es in der Stadtbibiliothek kurz vor Schulbeginn immer eine Aktion, in der man seine Schulbücher von Vorjahr abgeben konnte und im Tausch dafür die fürs aktuelle Jahr bekam.
Alles gratis und die Bücher mussten sauber gehalten werden - aber das ging ganz gut, denn wir Kinder wussten ja, dass die Eltern es nicht so dicke haben.
Gibts sowas heute nicht mehr?
Betroffener
11.08.2006, 16:33
Interessantes liest man auch im:
Wikipedia zur Lern- bzw. Lehrmittelfreiheit (http://de.wikipedia.org/wiki/Lernmittelfreiheit)
auch interessant folgende PDF-Datei:
Der Verwaltungsgerichtshof und die Lernmittelfreiheit (http://www.staatsrecht.info/pub/lernmit3.htm)
Danach wäre es zumindest in Baden-Württemberg verfassungswidrig, die Lernmittelfreiheit aufzuheben.
Aber das schert Land-, Kreistage und Kommunen nicht, solange keiner dagegen klagt.
Auch interessant:
Diskussion über Lernmittelfreiheit (http://www.sueddeutsche.de/jobkarriere/berufstudium/artikel/879/39840/)
und:
Lernmittelfreiheit in der Bundesrebulik (http://www.bag-shi.de/fachinfo/rechtsgebiete/Lernmittelfreiheit-in-der-Bundesrepublik.pdf/download)
Da die Bildung nunmehr dank Föderalismusreform vollständig zur Ländersache erklärt ist, wird es wohl bei diesem Thema, bei Hartz IV und beim Strafvollzug weiterhin sehr unterschiedliche Regelungen quer durch die Bundesländer geben.
Und diese Reihenfolge ist nicht unbedingt zufällig!
Mein Sohn braucht einen Taschenrechner für 180 euro. Sind die noch ganz dicht wer soll das Bezahlen.
StephanK
12.08.2006, 10:43
Das könnte ich mir vorstellen, wenn Dein Sohn Mathematikstudent in einem fortgeschrittenen Semester wäre. Aber da Du das in einem Diskussionsfaden schreibst, der sich um Schule dreht, nehme ich an, dass er zur Schule geht.
Ich bin seit 30 Jahren kein Schüler mehr und weiß nicht, wie heute der Mathematik-Unterricht aussieht, wundere mich aber doch ziemlich über eine solche Anforderung.
Vielleicht wäre da mal eine kritische Anfrage an den/die Lehrer/in angebracht, evtl. auch über die Elternvertretung.
Zur Not gibt es vom Alg II-Träger einen Kredit für "unabweisbaren Bedarf" (und um solchen handelt es sich), der durch kleine Abzüge am monatlichen Alg II getilgt werden muss.
Danke für deine Antwort werde es mal bei der Arge versuchen. :-) :-)
Betroffener
12.08.2006, 15:08
Hallo Silke,
nicht nur bei der ArGe - auch bei der Schule.
Taschenrechner für 180 € halte ich für etwas sehr verwegen - das muss ja nun ein ganz extrem spezielles und exquisites Teil sein - was für eine Schule um Größenordnungen hochgestochen erscheint.
StephanK
12.08.2006, 16:19
Für "sehr verwegen" halte ich das auch, sehe aber, wenn ich mal fünf Minuten im Netz suche, wirklich Angebote, die ausdrücklich als Schulrechner bezeichnet werden, wie z.B. den Casi0 Classpad3oo in eben dieser Preisklasse (knapp 218 €). Auch in Haushalten, die einkommensmäßig knapp über den Alg II-Sätzen liegen, "haut das rein". Da ist wohl wirklich mal ein kritisches Wort in Richtung Schule mehr als angebracht...
Er geht auf ein Gymnasium und die sind wirklich der Meinung es muss einer von Texasinstrument sein. Mit dem kann man sogar Spiele spielen und sich welche aus dem Netz auf den Taschenrechner ziehen. Was hat das mit Schule gemeinsam. :patsch: :patsch:
StephanK
13.08.2006, 10:14
Das ist eine berechtigte Frage... :D
Noch ein anderer Gedanke: Wenn es schon so präzise Vorgaben gibt, läge es doch nahe, dass der Lehrer oder die Schulleitung eine Sammelbestellung organisiert und dadurch einen Rabatt erzielt.
Mir scheint wirklich, dass dieser Lehrer ein paar Nachhilfestunden brauchen könnte - nicht in Mathematik, sondern in sozialer Kompetenz und praktischem Denken... und eine "gestandene Mutter" wäre dafür wahrscheinlich gut geeignet.
Dieser teure Rechner hat mich nun doch beschäftigt. Nicht nur weil man per USB und Internetupgrade auch Spiele auf diese Dinger laden kann (nach Studium des 400 Seiten umfassenden Handbuchs u. diverser Internetseiten), sondern weil mich mal interessiert hat welche Schulen sie einsetzen.
Stand 2000!
Graphische Taschenrechner in Deutschland
In Sachsen ist der Einsatz graphischer Taschenrechner vorgeschrieben. In folgenden Bundesländern ist der Einsatz graphischer Taschenrechner erlaubt:
• Brandenburg, Bremen, Hamburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz
• In folgenden Bundesländern ist der Einsatz graphischer Taschenrechner in Prüfungen verboten:
• Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Thüringen
In folgenden Bundesländern ist der Einsatz graphischer Taschenrechner generell verboten:
• Baden-Württemberg, Bayern, Berlin, Saarland
Quelle (http://www.mathematik.uni-kassel.de/~koepf/deutschland.html)
In Sachsen ist er schon seit 1998 ab der 8. Klasse vorgeschrieben! In Baden-Württemberg ist er mittlerweile in Mathematik für die Abiturprüfung zugelassen.
Sind also schon quasi Standard! Wenn hier demnächst einer fragt, wie er das Schlepptop für seine Kinder finanzieren soll, kommt die Frage vermutlich aus Baden-Württemberg. Dort hat ein großer Laptop Hersteller ein Schule, nicht etwa irgendeine weiterführend Fachschule, nein alle Schülerinnen und Schüler einer 5. Hauptschul- und einer 7. Realschulklasse mit seinen Produkten ausgestattet und zwei Jahre testen lassen. Wohl schon süchtig (gemacht?) nach High-Tech, hat dann der Elternabend beschlossen das Projekt mit eigener finanzieller Beteiligung fortzusetzen.
Nachzulesen ist das hier (http://www.km-bw.de/servlet/PB/-s/jaknmin3xwk21ixjux6ich7xab1gf7e/show/1181892/ZOVAS-Broschre_Endfassung.pdf) in einer 56-seitigen Broschüre mit vielen Produktbildern. :werbung:
StephanK
13.08.2006, 12:03
Sind also schon quasi Standard!Na jaaa ... wenn etwas in einem Land vorgeschrieben, in einigen anderen erlaubt und in sieben weiteren mehr oder weniger verboten ist würde ich das jedenfalls nicht "Standard" nennen, sondern einen der merkwürdigen Auswüchse des Bildungsföderalismus.
Fachlich kann ich dazu nix sagen, weil ich mich seit meinem Abi in puncto Mathe zurückentwickelt habe und außer vier Grundrechenarten und Geometrie auf Fünftklässlerniveau nix mehr kann :oops: Politisch kann ich dazu aber schon was sagen, nämlich dass kein Schüler und keine Schülerin an der Unterrichtsteilnahme gehindert sein kann, weil seine/ihre Eltern finanzschwach sind. Unabhängig davon, wie man zum Bildungsförderalismus steht muss das von Tantow bis Lörrach und von Emden bis Berchtesgaden gelten. Wenn das nicht gewährleistet wird, gibt es für Eltern nur einen korrekten Standpunkt: die Barrikaden. :mymind:
Tommi NRW
16.08.2006, 00:25
StephanK schrieb folgendes:
Unabhängig davon, wie man zum Bildungsförderalismus steht muss das von Tantow bis Lörrach und von Emden bis Berchtesgaden gelten. Wenn das nicht gewährleistet wird, gibt es für Eltern nur einen korrekten Standpunkt: die Barrikaden.
Das sehe ich ganz genauso.
Nur, es geht keiner mehr in Deutschland auf die Barrikaden. Selbst wenn, würden die Medien diesen Handlungen keine ausreichende Beachtung schenken, als das es Gewicht in die Waagschale werfen würde.
Erneut werden sich viele Pärchen überlegen, ob sie noch Kinder haben wollen.
Denn den "sicheren" Arbeitsplatz gibt es schon lange nicht mehr.
Gruß Tommi
Allen Schulträgern ist es freigestellt, ob Schulbücher für Bedürftige
noch bezahlt werden. Das Ministerium für Schule und Weiterbildung
des Landes in NRW hat alle Schulen schriftlich darüber informiert.
Wegen des o.g. Haushaltssicherungskonzept gilt dies für Lernmittel-
freiheit und Schülerfahrkostenerstattung.
Bin selbst betroffen, die Stadt Mülheim, wo ich wohne zahlt noch.
Aber mein Sohn besucht ein Berufskolleg in Essen. Und Essen
zieht mit, zahlt laut Schulverwaltungsamt keine Schulbücher mehr.
Bin am routieren, wie ich an das Geld kommen soll. Denn nicht
alle Bücher sind über Ebay oder über die Gebrauchtbücherbörse
im Netz zu erhalten.
Einen interessanten Bericht gibt es darüber nachzulesen beim
www.wdr.de/tv/service/familie/inhalt/20060607/b_3.phtml
In Gelsenkirchen sieht es so aus: Wenn es heißt, holt eure Bücher
hervor, ziehen die Kinder der Sozialschwachen Fotokopien aus
der Tasche.
Heute morgen habe ich die Sekretärin der Schule angerufen und
nachgefragt, ob sich ein schwarzes Brett in der Schule befindet.
OK. Befindet sich dort. Dort könnte man z.B. einen Aushang
anbringen, dass die und die Bücher gesucht werden. Da die
Klassensprecher und Schülersprecher leider noch nicht für dieses
Jahr gewählt sind, verzögert sich das ganze. Denn die könnten
sich mobilisieren und solidarisch mit diesem Bücherproblem
umgehen. Einen An- und Verkauf starten.
Ich suche z.B. Adressen von den sogenannten Sozialkaufhäusern
und Warenhäusern, damit die sich diesem Problem annehmen.
Es ist leider so. Die Bundesregierung, Die Landesregierungen,
Die Kommunen wälzen..... So die Sekretärin einer Realschule
in Mülheim.
Wuppertal kämpft wohl gegen diesen Bescheid der Landesregierung.
Mönchengladbach, Köln, Essen, Wuppertal, Oberhausen haben
bereits alles zurückgeschraubt. Wer kennt noch andere Städte,
wo die Schulbücher seit Schulbeginn nicht mehr bezahlt werden?
Es ist ein Drama. Wir sollten echt uns zusammentun und dagegen
angehen. Die 2-Klassengesellschaft in definitiv im Vormarsch und
wir schweigen alle.
Habe gestern eine E-mail an S. Christiansen geschickt, das dieses
Thema dringend behandelt werden muss.
Hat unsere Schulministerin Barbara Sommer (CDU) Kinder?
Lasst den Kopf nicht hängen, wird schon weitergehen.
Grüsse
StephanK
16.08.2006, 10:30
:welcome: saida23,
danke für diesen Beitrag. Allen Schulträgern ist es freigestellt, ob Schulbücher für Bedürftige noch bezahlt werden.Da liegt das Problem: Es kommt darauf an, wie sehr Ebbe in der Gemeindekasse ist. Und das kann nicht sein. Es handelt sich nämlich um eine freiwillige Leistung, die nicht erbracht werden darf, wenn es für die Gemeinde ein Haushaltssicherungskonzept gibt. Und wo es keines gibt konkurrieren im Rat die Interessen von Schulkindern gegen die Interessen an der Förderung von Gewerbeansiedlung oder die Notwendigkeit, die Schlaglöcher in einer Gemeindestraße auszubessern.
Ich suche z.B. Adressen von den sogenannten Sozialkaufhäusern und Warenhäusern, damit die sich diesem Problem annehmen.Keine schlechte Idee! Ein Verzeichnis kenne ich aber leider nicht. Wäre es aber nicht vielleicht besser, wenn die Schulen (oder engagierte Eltern) Bücher(tausch)börsen organisieren würden? Viele Schulbücher, die gekauft werden, liegen nur noch in Bücherregalen rum, wenn sie nicht mehr gebraucht werden. Vorteil: keine langen Transportwege, überschaubares "Sortiment" an Büchern, von denen man weiß, dass sie an dieser Schule benutzt werden. Nachteil (vielleicht): Man kann nicht so anonym bleiben.
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